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PLUS Löbau Familienkompass

Jobs schaffen - aber richtig

In der Region sind viele Menschen unzufrieden mit ihrer Bezahlung. Ein IHK-Experte erklärt, welche Ansätze man schaffen muss - und welche wenig nutzen.

Beim Blick auf den Lohnzettel ist manchem zum Heulen. In und um Löbau ist Unzufriedenheit mit der Bezahlung besonders ausgeprägt.
Beim Blick auf den Lohnzettel ist manchem zum Heulen. In und um Löbau ist Unzufriedenheit mit der Bezahlung besonders ausgeprägt. © dpa-tmn

Die relative Armut der Menschen im Landkreis Görlitz im Allgemeinen und rund um Löbau im Besonderen ist nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich. Nach einer Erhebung der Arbeitsagentur verdienen die Menschen hier einen Medianlohn von 1.992 Euro - das Armenhaus der Republik. Schlechter sind die Löhne nur noch im Erzgebirgskreis. Das schlägt sich auch in den Ergebnissen des Familienkompass nieder. Die Angemessenheit des Lohns wird von den Menschen nur mit der Note 3,28 bewertet - einer der schlechtesten Werte auf der landesweiten Zufriedenheits-Skala. Da ist es nur logisch, dass auch die Beurteilung der "Guten Zukunftschancen für Kinder" mit 3,82 miserabel ausfällt. Die dahinterstehende Situation wird sich nicht kurzfristig ändern - aber es gibt Lichtblicke.

Die Zusammenhänge sind mitunter sehr komplex. SZ hat zu der Situation Lars Fiehler befragt, Geschäftsführer Standortpolitik bei der auch für die Oberlausitz zuständigen Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden. So sei "Zufriedenheit" auch ein emotionaler Wert, in den durchaus mehr Faktoren einfließen würden als nur die Höhe des tatsächlich verfügbaren Einkommens. Aber freilich sieht Fiehler erhebliche strukturbedingte und verbesserungswürdige Einflüsse.

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Kleine Unternehmen - kleine Löhne

Lars Fiehler wirft den Blick etwa darauf, in welchen Bereichen (hohe) Einkommen generiert würden und welche Bereiche strukturbestimmend seien. "Da sind wir im ländlichen Raum kleinteilig aufgestellt", sagt er. So sei es mitunter schon entscheidend für das Lohngefüge, ob etwa Behördenteile eines Landratsamtes ihren Sitz in einer Kommune hätten. "Da zieht die Entlohnung im Öffentlichen Dienst die Löhne nach oben", sagt er - nur ein Punkt etwa, in dem in Löbau die Zeichen eher auf Abbau statt Zuwachs stehen.

Entscheidend sei auch die Art der bestehenden Arbeitsplätze. "Was für fachliche Qualifikationen sind daran gebunden", erklärt Fiehler. Demnach seien auch Betriebsgrößen ein Hinweis für eine Vielzahl gut qualifizierter Arbeitskräfte. "Es gibt für die Zuständigkeit der IHK in Löbau zehn Betriebe mit mehr als 100 Beschäftigten - das ist nicht viel", sagt er. Auch gebe es in Löbau vergleichsweise wenige tendenziell besser bezahlte Arbeitsplätze in industriellen Unternehmen. "Wenn die Unternehmensstruktur eher aus Handel und Dienstleistungen besteht, sind die Einkommen im Schnitt einfach niedriger."

Lars Fiehler ist bei der IHK Dresden Geschäftsführer für Standortpolitik.
Lars Fiehler ist bei der IHK Dresden Geschäftsführer für Standortpolitik. © Andreas Weihs / Archiv

Die richtigen Qualifikationen lehren

Der IHK-Experte hält es aber für naiv, zu glauben, wenn Arbeitgeber hier nur mehr bezahlen würden, würde sich auch die strukturelle Situation gleich bessern. "Vielleicht produzieren wir an unseren Hochschulen ja auch Qualifikationen, die auf dem hiesigen Arbeitsmarkt gar nicht gebraucht werden", sagt Fiehler. So wisse er von vielen - durchaus auch westdeutschen - Studenten, die das Studienangebot sächsischer Hochschulen durchaus zu schätzen wüssten - aber sofort nach ihrem Abschluss wieder abwandern. Das aber beträfe insbesondere auch Landeskinder. "Viele Sachsen machen hier ihren Abschluss und verlassen Sachsen dann. Viele wären sicher gerne geblieben", sagt er.

Lars Fiehler sieht aber auch erhebliche Chancen für die Entwicklung des Lohngefüges in der Region. "Der Druck auf den Kessel wird zunehmen", sagt er und meint damit die zunehmende Überalterung hiesiger Belegschaften. Wendebedingt seien in den 90ern viele junge Fachkräfte gen Westen abgewandert. "Der Altersdurchschnitt der Belegschaften ist hier höher als im Westen", sagt er. Daher seien immer mehr Arbeitgeber gezwungen, "ihre Marketingmaschinen anzuwerfen", um qualifizierte Kräfte anzuwerben. Und dabei ginge es nicht allein um die Bezahlung - sondern auch um Lebensqualität.

So viele Pendler wie nie nach der Wende

Als Kandidaten erster Güte für solche Werbekandidaten sieht Fiehler etwa die Menschen, die zwar in Sachsen leben, aber andernorts arbeiten. "Mit wöchentlich 230.000 beruflichen Auspendlern hatte Sachsen 2019 so viele wie noch nie nach der Wende", sagt Fiehler - viele dieser Menschen würden durchaus weite Wege nach Bayern oder gar Hessen zurücklegen. Und viele dieser Menschen könnte man eventuell im Land behalten. "Der Pendler rechnet permanent, ob das nicht ökonomischer Unsinn ist, was er tut", erklärt Fiehler.

So hätte ein Pendler eben erhebliche Kosten durch Fahrten oder auch eine doppelte Haushaltsführung und erleide dazu noch Einbußen an seiner Lebensqualität - etwa weil er viel Zeit auf der Autobahn verbringt und seine Familie nicht sehen kann. Viele dieser Menschen würden für eine Rückkehr durchaus auch Gehaltseinbußen in Kauf nehmen. "Ab einer bestimmten Differenz, bleiben die Leute lieber hier - für 100 Euro mehr netto tut sich das keiner mehr an", sagt Fiehler. Und die Bezahlung betreffend sei es eben auch so: "Keiner, der etwa aus dem Großraum Frankfurt hierher zurückkehrt, würde hier Gehaltsforderungen anlegen, die denen im Westen entsprechen", sagt Fiehler.

Zudem seien es ja ganz überwiegend gut und bestqualifizierte Arbeitnehmer, die pendeln. "Das sind ja nicht die, die im Supermarkt Regale einräumen", sagt Fiehler. Bei allen gelungenen Angleichungsprozessen habe man dieses Pendler-Geschehen noch nicht in den Griff bekommen. "Wenn es uns gelänge, nur die Hälfte dieser Pendler im Land zu behalten, wäre viel gewonnen", sagt er.

Mit der Gesamtnote 2,95 bewerten die Menschen in und um Löbau ihre Lebenssituation schlechter als der Durchschnitt.
Mit der Gesamtnote 2,95 bewerten die Menschen in und um Löbau ihre Lebenssituation schlechter als der Durchschnitt. © SZ Grafik
Im Bereich "Wohnen" bemängeln die Befragten überwiegend das Spielangebot für Kinder.
Im Bereich "Wohnen" bemängeln die Befragten überwiegend das Spielangebot für Kinder. © SZ Grafik
Bei der Kinderbetreuung schneidet Löbau überdurchschnittlich gut ab.
Bei der Kinderbetreuung schneidet Löbau überdurchschnittlich gut ab. © SZ Grafik
Die Unzufriedenheit mit der ärztlichen Versorgung ist auch in Löbau ausgeprägt.
Die Unzufriedenheit mit der ärztlichen Versorgung ist auch in Löbau ausgeprägt. © SZ Grafik
Auch die Bewertung der Angebote für Familien fällt unterdurchschnittlich aus.
Auch die Bewertung der Angebote für Familien fällt unterdurchschnittlich aus. © SZ Grafik
Im Bereich Arbeit sticht die Unzufriedenheit bei der Bezahlung hervor.
Im Bereich Arbeit sticht die Unzufriedenheit bei der Bezahlung hervor. © SZ Grafik
Auch in Sachen Schule sehen die Löbauer starken Nachholbedarf.
Auch in Sachen Schule sehen die Löbauer starken Nachholbedarf. © SZ Grafik

Kritik an Strukturwandel-Ansätzen

Dazu brauche es allerdings auch die richtigen Instrumente. "Die Kommunen hier werben immer so gerne damit, günstiges Bauland anzubieten. Aber mal ehrlich, wer hierher kommt, baut sich doch nicht gleich als erste Amtshandlung ein Haus - das ist höchstens der dritte Schritt", sagt Lars Fiehler. Erst einmal würden diese Menschen Risikoabwägungen treffen wie etwa die, ob der Job überhaupt unbefristet ist. Und auch weiche Faktoren wie schön sanierte Innenstädte, ordentliche Kitas, Spielplätze und Schulen würden eine erhebliche Rolle spielen. Ein Problem sei auch, dass der vorhandene (Miet-)Wohnraum zwar bezahlbar sei, aber oft nicht den Anforderungen solcher Menschen entsprechen würde.

Eine hohe Rückkehrer-Bereitschaft sieht Lars Fiehler durchaus. Seit mehreren Jahren  veranstalte die IHK in Bautzen immer zwischen Weihnachten und Neujahr die Rückkehrerbörse "Wieder da". Mit den Jahren seien dabei Tausende von Kontakten zwischen Arbeitnehmern und Betrieben entstanden. "Wer zwischen Weihnachten und Neujahr während seines Familienbesuchs zu so einer Veranstaltung geht, der signalisiert, dass er rückkehrbereit ist", erklärt der IHK-Experte. Aber leider: Tatsächlich seien in dieser ganzen Zeit nur wirklich "eine Handvoll" von Arbeitsverhältnissen abgeschlossen worden. Ein krasses Missverhältnis von Aufwand und Erfolg, das sich Fiehler eben auch mit den bestehenden Problemen und unpassenden Maßnahmen erklärt.

Zweifel hegt Lars Fiehler auch an den Erfolgsaussichten mancher Maßnahmen, die im kommenden Strukturwandel vorgesehen sind. "Es ist ja schön, wenn dann irgendwelche Institute hier statt der Braunkohle angesiedelt werden - aber die werden nie irgendeine Gewerbesteuer zahlen", sagt er. Genau diese Steuereinnahmen aber bräuchten die Kommunen, um genau die Infrastruktur herzustellen oder zu erhalten, um aus der Region einen attraktiven Arbeitsplatz-Standort zu machen.

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