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PLUS Familienkompass 2020 Freital

Freitals Eltern strafen die Stadt ab

Die Kinderbetreuung wird als unterdurchschnittlich bewertet. Vor allem der Mangel an Plätzen macht den Familien zu schaffen.

Freitals Kitas sind voll. Viele Eltern klagen über die lange Platzsuche.
Freitals Kitas sind voll. Viele Eltern klagen über die lange Platzsuche. © Andreas Weihs

Maria Kühn erlebt gerade, wie es sich anfühlt, in der Luft zu hängen. Die Freitalerin bekam Ende Februar dieses Jahres Nachwuchs. Doch ihre Elternzeit kann sie nicht so richtig genießen. „Ich brauche ab März dringend einen Kitaplatz. Schon wenige Tage nach der Geburt habe ich einen Antrag gestellt, aber bis heute noch nicht mal eine Information bekommen, ob der überhaupt bearbeitet wird.“ Mehrmals habe sie in der Verwaltung angerufen. „Dort sagt man mir: ‚Sie werden schon etwas bekommen‘“, berichtet Kühn.

Die junge Mutter macht sich nicht zu Unrecht Sorgen. Zu sehr mangelt es in Freital an Plätzen. Im Sommer war das Defizit zwischen Angebot und Nachfrage auf mehr als 300 angestiegen. Erst mit dem Beginn des neuen Schuljahres und dem Wechsel der ältesten Kinder in die Grundschulen entspannte sich die Situation. Die aktuellen Zahlen lesen sich erst mal ganz gut: Nur 38 Kinder haben momentan keinen Platz, davon 25 Krippenkinder und 13 Jungen und Mädchen ab drei Jahren. Laut Verwaltung wurde deren Familien ein Platz angeboten, aber sie hätten abgelehnt.

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Schlechte Noten beim Platzangebot

Nicht ganz so gut lesen sich die Zahlen einer Umfrage, die die Sächsische Zeitung zusammen mit der Freien Presse und der Leipziger Volkszeitung initiiert hat. Unter dem Namen Familienkompass wurden im Frühjahr 2020 mehr als 14.000 Eltern in Sachsen unter anderem auch zur Kinderbetreuung und Kitaqualität gefragt. Und dabei schneidet trotz der engagierten Arbeit, die die vielen Erzieher und Tagesmütter jeden Tag leisten, die Stadt unterdurchschnittlich ab. 

Auf einer Schulnotenskala von eins bis fünf wurde die Betreuungssituation gerade einmal mit 3,5 bewertet - ganz Sachsen kommt hier auf eine 2,9. Vor allem das Platzangebot macht den Eltern zu schaffen - rund 70 Prozent vergaben eine Schulnote vier oder fünf. Weitere 18 Prozent vergaben eine drei, und nur zwölf Prozent eine Note eins oder eine zwei. Insgesamt kommt der Punkt so auf eine Schulnote vier. Auf die Frage nach der Wunschkita vergaben die Eltern eine Schulnote drei. Der sächsische Durchschnitt liegt bei 2,3.

Das wundert manche Eltern überhaupt nicht. So berichtet eine Mutter: "Ich bin Anfang des Jahres nach Freital gezogen und habe hier keinen Platz bekommen. Ich hatte ihn im Oktober 2019 angemeldet. Mittlerweile geht mein Sohn in die Schule, aber es waren katastrophale sieben Monate ohne Betreuung und mit einem Job in Schichten." Sie habe bei der Stadtverwaltung gebettelt, persönlich mit dem Sozialbürgermeister gesprochen. Schließlich versuchte sie unter anderem in Bannewitz, Rabenau und Dippoldiswalde einen Kitaplatz zu bekommen - ohne Erfolg. "Schlimm, wie ich jedes Mal abgewiesen wurde. Ich habe manchmal abends zu Hause geweint, weil ich nicht mehr weiter wusste."

Stadt schiebt alles auf den Fachkräftemangel

Wie dieser Platzmangel zustande kam, konnte im Nachhinein niemand so richtig erklären. Freitals Erster Bürgermeister, Peter Pfitzenreiter, in dessen Ressort der gesamte Sozialbereich fällt, begründete das Defizit vor allem mit zwei Punkten: Zuzug und Personalmangel. Zum einen verwies er darauf, dass viele junge Familien im Jahr 2019 nach Freital gezogen wären. Zum anderen tut sich die Stadt schwer, Erzieher zu finden. Dass in den städtischen Kitas und Horten ständiger Personalmangel herrscht, entgeht den Eltern nicht. Die Personalausstattung bewerten sie in der Umfrage mit 3,8. "Der Bewerbermarkt ist wegen des Fachkräftemangels leer", sagte Pfitzenreiter im Winter in einem Gespräch gegenüber der Sächsischen Zeitung. 

Doch genau das können nicht alle bestätigen. Chris Meyer ist Vorstand bei Lebensbaum. Der Verein betreibt in Freital zwei Kindergärten: die Kita Wurzelzwerge in Kleinnaundorf und die Kita Storchenbrunnen an der Albert-Schweitzer-Straße. "Wir haben kein Problem, Personal zu finden", sagt Meyer. Lebensbaum hat im Frühsommer neue Kita-Gruppen eröffnet und zunächst in der städtischen Kita Willi in Potschappel untergebracht. Dort standen Räume leer. Auch bei den Wurzelzwergen wurden zusätzlich noch Kinder aufgenommen. "Dafür haben wir acht neue Mitarbeiter eingestellt, fünf Erzieher und drei Auszubildende", berichtet Chris Meyer. Eine Angestellte habe sich von Crimmitschau aus beworben. "Sie wollte nach Dresden ziehen und hat deshalb hier eine neue Arbeit gesucht." Meyer ist schon ein bisschen stolz, dass sich die Frau für Freital entschied. "Sie hätte auch etwas in Dresden finden können." 

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