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"Für Kinderärzte wird es immer schwerer"

Vor fast 30 Jahren ließ sich Carola Hoffmann mit ihrer Praxis in Dresden-Gorbitz nieder. Die Suche nach einem Nachfolger dürfte nicht leicht werden.

Tapfer lässt der zweijährige Gero die Untersuchung in der Praxis von Carola Hoffmann über sich ergehen.
Tapfer lässt der zweijährige Gero die Untersuchung in der Praxis von Carola Hoffmann über sich ergehen. © Sven Ellger

Dresden. Das Wartezimmer ist fast leer. Ziemlich untypisch für eine Kinderarztpraxis in Dresden. In der Regel herrscht sonst doch von früh bis Feierabend Rambazamba - ein Kinderschreikonzert und mehr wartende Mamas und Papas als Sitzmöglichkeiten.

Auch in der Praxis von Carola Hoffmann und Bärbel Frenzel im Gorbitzer Sachsenforum sah das oft schon so aus. Seit Beginn der Coronakrise jedoch haben die beiden Kinderärztinnen ihre Sprechstunden umstrukturiert, damit sich Schnupfennasen und gesunde Patienten, die nur zur Vorsorge kommen, möglichst komplett aus dem Weg gehen.

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An diesem Donnerstag zum Beispiel sind früh von 8 bis 9 Uhr die Akutpatienten an der Reihe, dann bis 12 Uhr die Bestellten, und nach der Mittagspause wieder die akuten Fälle. "Das hat sich sehr bewährt", sagt Carola Hoffmann. 

Die 63-Jährige ist seit vier Jahrzehnten Kinderärztin. Zunächst arbeitete sie zehn Jahre lang angestellt in der Uniklinik. 1991 dann ließ sie sich gemeinsam mit ihrer Kollegin in der gemeinsamen Praxis in Gorbitz nieder.

Eine U3-Untersuchung steht an. "Du hast ja schon schon viele Haare", sagt Carola Hoffmann zu dem Baby, das vor Aufregung gleich mal kackert. Sie spucke viel, sagt die Mama, das sei aber kein Problem, beruhigt sie die Ärztin. 

Nach einigen Tests leuchtet sie dem kleinen Mädchen noch in die Augen. Auch hier ist alles in Ordnung. "Da sind wir ja sehr zufrieden mit dir", sagt Frau Doktor zur Freude der Mama.

Auf dem Papier zu viele Kinderärzte, in der Realität nicht

Carola Hoffmann liebt ihren Job, das ist keine Frage. Dennoch hat sie Verständnis dafür, dass sich immer weniger junge Kinderärzte für eine eigene Praxis entscheiden würden. "Der Stress ist schon gewaltig und es wird immer schlimmer", sagt sie. 

"Auf dem Papier sind wir ja hier laut Bedarfsplanung der Krankenkassen mit Kinderärzten überversorgt." In der Realität sehe das natürlich ganz anders aus. Das wisse jeder, der schon mal kurzfristig einen Termin vereinbaren wollte.

Oftmals wird schon die Suche nach einem Kinderarzt in Dresden zur Geduldsprobe. Viele Praxen nehmen nur noch Geschwisterkinder an. 

"Kein Arzt ist mehr auf neue Patienten angewiesen und wer zu viele aufnimmt, dem drohen Kürzungen", erklärt Carola Hoffmann, die auch stellvertretende Vorsitzende des Sächsischen Landesverbandes der Kinderärzte ist.

Für den Familienkompass Sachsen sind rund 2.500 Dresdner befragt worden. Gefragt wurde auch: Wie gut ist das Kinderarzt-Angebot in der Stadt? Nur etwa 41 Prozent der Familien finden, dass es genügend Kinderärzte in Dresden gibt. 

Am schlechtesten schätzen sie in Weixdorf (Durchschnittsnote 3,8), Langebrück (3,5) und Altfranken (3,3) die Versorgung ein. Die besten Noten vergaben die Pieschener und die Neustädter (jeweils 2,7). Auch in Gorbitz wird die Situation einigermaßen befriedigend eingeschätzt (2,8). 

Dabei wundert es kaum, dass die Chancen, beim Wunsch-Kinderarzt aufgenommen zu werden, als noch schlechter bewertet werden. Ein Pluspunkt: Immerhin sind die Kinderärzte gut erreichbar, selbst wenn Familien in andere Stadtteile fahren müssen. Hier gibt es deutlich bessere Noten.

Kinderarztwechsel innerhalb Dresdens: ausgeschlossen

Obwohl auch ihre Praxis jahrelange doppelt so viele Neuanmeldungen als der sächsische Durchschnitt verzeichnete, nimmt Carola Hoffmann derzeit noch neue Patienten auf. 

In der Regel sind es Neugeborene. Auch nach einem Zuzug aus einer anderen Stadt ist eine Anmeldung möglich. Ausgeschlossen seien dagegen Wechsel innerhalb Dresdens. Dafür reichten die Kapazitäten einfach nicht aus.

Besonders die vergangenen Jahre seien anstrengend gewesen, sagt Carola Hoffmann. So gebe es heute deutlich mehr Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen. Dazu sei die Zahl der Migranten in ihrer Praxis enorm gestiegen. 

"Oft bringen die Mütter viele Kinder mit, verstehen aber kaum oder gar nicht die deutsche Sprache." Das mache die Verständigung bisweilen unmöglich.

Wenn dann noch immer neue Regeln und bürokratische Hürden die eigene Arbeit erschwerten, könnte die eigene Praxis schnell zur Belastung werden, zumal sich auch kaum noch neue Arzthelferinnen finden ließen, die in einer Kinderarztpraxis aber besonders wichtig seien. Demnächst werde bei ihr deswegen eine ungelernte Patienten-Mama eine Stelle antreten, sagt Carola Hoffmann.

Corona unter Kindern noch nicht so verbreitet

Klar, dass die meisten jungen Ärzte sich angesichts all dieser Herausforderungen heute lieber anstellen ließen. Am liebsten in Teilzeit. Für die medizinische Betreuung der Dresdner Kinder dürfte das aber über kurz oder lang zum Problem werden.

Gerade kommt der kleine Gero auf dem Arm seiner Mama durch die Tür in das Behandlungszimmer. Der Zweijährige guckt äußerst skeptisch. Er hat Ohrenschmerzen und hustet. Mit einem geübten Blick sieht die Ärztin: Das Trommelfell ist gerötet. 

Zur Sicherheit macht sie am Ende auch noch einen Abstrich für den Corona-Test. 77 solcher Tests hat sie allein im Oktober schon in Auftrag gegeben. Positiv ist noch keiner ausgefallen. "Unter Kindern ist das noch nicht so verbreitet, aber das wird mehr werden", prognostiziert sie.

Gero bleibt tapfer. "Das hast du fein gemacht", sagt Frau Doktor am Ende und fragt leise die Mama, ob er ein Kaubonbon bekommen dürfe. Er darf.

Familienkompass Sachsen 2020 - Die Ergebnisse für Dresden:

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