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Ist Monogamie wider die Natur?

Ein Mann ist mit einer Frau zusammen, die aber in einer anderen Beziehung lebt. Sie will keine aufgeben. Was der Partnerschaftsberater dem Mann rät.

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Christian Thiel ist Single-, Partnerschaftsberater und Autor
Christian Thiel ist Single-, Partnerschaftsberater und Autor © SZ

Ich (47, Vater von drei Kindern) bin seit zwei Jahren mit einer neuen Frau zusammen. Nie zuvor habe ich eine so intensive Liebe empfunden. Die Frau lebt allerdings seit 16 Jahren in einer Beziehung, in der nach ihrer Aussage seit einiger Zeit die Sexualität brach liege. Sie möchte ihre „alte“ Beziehung nicht aufgeben, mich aber auch nicht verlieren. Sie bezeichnet sich als polyamorös und meint, Monogamie sei eine Lüge und entspreche nicht der menschlichen Natur. Ich träume von einer gemeinsamen Zukunft. Ist Polyamorie tatsächlich die wahre menschliche Natur?

Ich fürchte, ich muss da etwas klarstellen: Sie sind der Lover einer Frau, die seit 16 Jahren fest gebunden ist. Früher sagte man dazu, Sie sind der Geliebte. Oder der Zweitmann. Heute adelt man solche Konstruktionen mit dem Begriff der Polyamorie. Das ist für mich alter Wein in neuen Schläuchen.

Der Grund für die aushäusigen Aktivitäten Ihrer Geliebten liegt auf der Hand: In ihrer Ehe ist der Sex eingeschlafen. Warum das so ist, das ließe sich herausfinden. Und ändern. Aber dieser Weg ist Ihrer Geliebten zu anstrengend. Also verliebt sie sich – in einen Zweitmann. Mit Polyamorie hat das nichts zu tun. Polyamorie setzt voraus, dass Sie – wie auch der Partner der Frau – ebenfalls polyamor leben wollen. Das ist aber nicht der Fall. Etwa ein bis zwei Prozent der Menschen in Deutschland leben polyamor. Der Rest zieht die Monogamie vor.

Nein, Polyamorie ist nicht die „wahre“ menschliche Natur. Gerade wenn man eine Familie gründen will, braucht es verlässliche Strukturen. Polyamorie kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten sie wollen. Sie wollen das nicht – und ich kann Ihnen keine Hoffnung machen, dass sich das „lernen“ lässt. Sie wünschen sich eine Frau, die sich für Sie und eine verlässliche Beziehung mit Ihnen entscheidet.

Weil sie sich nicht entscheiden will, nennt sie sich polyamor. Polyamorie heißt aber auch, dass es offene Absprachen gibt. Weiß der langjährige Partner von Ihnen? Oder macht Ihre Geliebte auch ihm etwas vor? Ein Dreiecksverhältnis bleibt nur selten über die Jahre stabil. Zumeist geht es mit der Zeit wieder auseinander. So wird es vermutlich auch bei Ihnen gehen. Aus Sicht der Frau, deren Zweitmann Sie sind, kann sie sich durch eine Entscheidung für einen von Ihnen beiden nicht verbessern. Sie fährt mit zwei Männern am besten.

Warum Sie sich allerdings überhaupt mit einer gebundenen Frau eingelassen haben, das hat mich bei Ihrer Frage fast am meisten interessiert. Ich habe dazu eine Annahme: Männer (und Frauen), die aus langjährigen Beziehungen kommen, wollen sich anschließend manchmal nicht gleich wieder fest binden. Sie suchen lockere Verbindungen. Und leidenschaftlichen Sex. Beides bietet Ihr derzeitiges Verhältnis. Was es allerdings nicht bieten kann, das ist Stabilität und Verbindlichkeit. Wenn Sie das wollen, dann müssen Sie anderswo suchen.

Christian Thiel ist Single-, Partnerschaftsberater und Autor. Haben Sie Fragen an ihn? Schicken Sie eine Mail an [email protected]