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Warum Kurplätze so knapp sind, dass jeder Zweite mehr als ein Jahr darauf wartet

Petra Gerstkamp vom Müttergenesungswerk, einem der größten Kuranbieter, über die Folgen der vielen Krisen und wie die Chancen auf einen Platz stehen.

Von Susanne Plecher
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Endlich mal Ruhe und Zeit für eine Runde Mensch-ärger-dich-nicht finden diese beiden in der Klinik Waldfrieden in Buckow. Das Haus hat sich auf alleinerziehende Mütter, Mütter in Trennungssituationen oder mit Burn-out spezialisiert.
Endlich mal Ruhe und Zeit für eine Runde Mensch-ärger-dich-nicht finden diese beiden in der Klinik Waldfrieden in Buckow. Das Haus hat sich auf alleinerziehende Mütter, Mütter in Trennungssituationen oder mit Burn-out spezialisiert. © Maximilian Gödecke

Mütter und Väter, die sich jetzt zur Kur anmelden, seien immer noch wesentlich erschöpfter und kränker als vor der Coronazeit, sagt Petra Gerstkamp im SZ-Gespräch. Die Sozialpädagogin ist stellvertretende Leiterin des Müttergenesungswerkes, das sowohl Vorsorge- als auch Rehabilitationsmaßnahmen für Mütter und Väter mit und ohne ihre Kinder anbietet. In ihrem Verbund hat die Stiftung 72 Kliniken, darunter die DRK-Einrichtung „Haus am Jonsberg“ im Zittauer Gebirge – und ist damit einer der größten Kur-Anbieter in Deutschland.

Frau Gerstkamp, die Pandemie liegt zwei Jahre zurück. Ist sie denn immer noch Ursache für die Probleme?

In vielen Fällen, ja. Zum Glück liegt Corona hinter uns, aber die Auswirkungen auf die Familien sind noch da und ziehen sich weiter fort – zu allem, was wir sonst noch haben. Es kommt so vieles immer noch on top, was Mütter und Väter wahnsinnig belastet. Als der Lockdown vorbei war, hat man ja erst richtig festgestellt, was diese Zeit mit Kindern und Familien gemacht hat. Viele hatten psychische Störungen und haben sie zum Teil immer noch. Dann ging es weiter, eine Krise hat der nächsten den Rang abgelaufen, zudem wurde alles teurer. Die Menschen müssen immer noch schauen, wie sie alles finanziell stemmen können. Das alles macht etwas mit Familien und bedarf noch mehr Engagement der Eltern, als sonst ohnehin schon. Auch die Gewalt in den Familien hat weiter zugenommen. Man darf das nicht vergessen.

Petra Gerstkamp ist Sozialwissenschaftlerin und seit über 25 Jahren stellvertretende Chefin des Müttergenesungswerks.
Petra Gerstkamp ist Sozialwissenschaftlerin und seit über 25 Jahren stellvertretende Chefin des Müttergenesungswerks. © Jan Pauls Fotografie

Wie lange warten Mütter und Väter durchschnittlich auf einen Kurplatz?

Das ist unterschiedlich. Sie können auch Glück haben und bekommen schon nach sechs Monaten etwas.

Bei einem halben Jahr Wartezeit sprechen Sie von Glück?

Ja, das ist der absolute Glücksfall. Wir sind sonst bei neun Monaten bis einem Jahr. 40 Prozent der Kurbedürftigen warten über ein Jahr. Geht es um spezielle Sachen, vor allem Eltern mit Kindern mit Beeinträchtigungen, sind wir bei 15 bis 18 Monaten.

Woran liegt das?

Es gibt einfach zu wenige Plätze. Dazu kommt, dass wegen der Lockdowns fast ein ganzes Jahr keine Kuren stattfinden konnten. Allen, die für diese Zeit einen bewilligten Platz hatten, wurde abgesagt und die Kur auf das kommende Jahr verschoben. Trotzdem kamen in jener Zeit Anfragen und Bewilligungen. Das hat sich einfach gestapelt. Und bei den Kindern mit Schwerstbehinderungen ist es so, dass es zu wenige Kliniken mit diesen Spezialisierungen gibt.

Wie wirkt es sich auf Psyche und Gesundheit aus, wenn man so lange auf seinen Kurplatz warten muss?

Es ist ja eine medizinische Maßnahme, die zeitnah vonstattengehen sollte. Ein bis anderthalb Jahre Wartezeit sind einfach zu lang. Ich kann mir vorstellen, dass die Mütter und Väter kränker werden und sich Problemsituationen verschlimmern.

Sicher wollen die meisten einen Kurplatz in den Ferien an der See. Würde es die Wartezeiten verkürzen, wenn man von dieser Idealvorstellung abweicht?

Das liegt in der Natur der Sache, dass viele gern an die See fahren möchten. Aber, ja, man sollte offen sein. Denn in der Regel gibt es in den Kurkliniken einen schulbegleitenden Unterricht für die Kinder. Und der Punkt für die Eltern ist, dass eine Kur eine medizinische Maßnahme ist. Sie sollten also zuallererst darauf schauen, welche Klinik ihnen mit ihrer Indikation am besten helfen kann, ganz egal, ob an der See, im Harz oder eher ländlich gelegen. Viele Mütter, die sich etwas anderes gewünscht hatten, haben uns rückgemeldet, dass es auch ganz gut sein kann, wenn man zur nächsten größeren Stadt nicht zu Fuß kommt. Die Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände haben da einen Überblick zur genauen Lage und Spezifikation.

Die haben Zugriff auf den Belegungsplan der Kliniken?

Ja, sie sehen, wann es wo freie Plätze gibt. Aber auch bei den Beratungsstellen muss man mitunter auf einen Termin warten. Doch das lohnt sich, denn auch, wenn es bis zum Kurbeginn dauert, haben die Wohlfahrtsverbände viele weitere Angebote, die den Eltern weiterhelfen können, zum Beispiel Familienberatung.

Wie oft wird ein Kurantrag im Schnitt abgelehnt, bevor er bewilligt wird?

Es gibt eine Statistik der Krankenkassen über alle Anträge, der zufolge insgesamt 13 Prozent abgelehnt werden. Die Kuranträge, die über den Verbund des Müttergenesungswerkes laufen, das sind die Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände, werden mit sieben Prozent weitaus weniger abgelehnt. Wenn Widerspruch eingelegt wird, sind über 60 Prozent erfolgreich.

Wie lange dauert eine Kur?

In der Regel drei Wochen. In Ausnahmefällen kann sie auch verlängert werden, wenn der Medizinische Dienst der Krankenkassen und die Krankenkasse selbst zustimmt und der Platz in der Klinik frei ist.