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So gelingt ein Familienessen ohne Streit

Was tun, wenn eine gemeinsame Familienmahlzeit häufig im Streit endet? Kinderpsychiater Veit Rößner weiß Rat.

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Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Uniklinikum Dresden
Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Uniklinikum Dresden © SZ

Wir sind beide berufstätig und haben zwei Jungs (neun und 13 Jahre alt). Wir versuchen, mindestens eine Mahlzeit täglich gemeinsam einzunehmen. Oft endet dies aber im Streit: Dem Jüngeren schmeckt es häufig nicht, stattdessen redet er ununterbrochen. Unser Großer dagegen sagt leider kaum etwas. Wie können wir es schaffen, die gemeinsamen Mahlzeiten zu einem angenehmen Familienritual zu machen?

Prof. Dr. med. Veit Rößner, Kinder- und Jugendpsychiater am Dresdner Uniklinikum:

Gemeinsame Mahlzeiten können ein wichtiger Anker im Familienleben sein. Man trifft sich, tauscht sich aus, macht gemeinsam Pläne oder erfährt, wie der Tag des Anderen war. Das schweißt zusammen und vermittelt Halt und Geborgenheit. Zumindest ist das die Vorstellung vieler Eltern. Kinder wollen meist lieber spielen und haben wenig Geduld, lange still am Tisch zu sitzen. Und je älter sie werden, desto weniger berichten Kinder von sich selbst oder gehen gemeinsamen Mahlzeiten öfter aus dem Weg. Dennoch werden die typischen Essgewohnheiten durch uns als Eltern vorgelebt und beeinflusst.

Ernährungsgewohnheiten bilden sich im Kindesalter aus und bleiben oft ein Leben lang bestehen. Dabei geht es nicht nur darum, was wir essen, sondern auch wie: Gibt es zum Frühstück Müsli oder Brötchen, wird mittags oder abends warm gegessen und wie viel Zeit nimmt man sich zum Essen im Sitzen oder Stehen? Gibt es häufige Snacks zwischendurch, wird vor dem Fernseher gegessen oder sitzt man gemeinsam am Tisch? Eltern sind gerade bei jüngeren Kindern das wichtigste Modell.

Lässt man Kinder unbeeinflusst essen, orientieren sie sich eher an ihren kurzfristigen Bedürfnissen und Vorlieben. Gerade deswegen sollten wir Kinder immer wieder dazu ermuntern, Neues zu probieren. Angebote sind dabei besser als Verbote, aber Regeln müssen sein. In Phasen extremer Nahrungsspezialisierung sollten Eltern abwechslungsreiche Lebensmittel anbieten und nicht aus Sorge, ob der Sprössling genug isst, nur das anbieten, was das Kind gerade mag. Unterstützt werden kann dies durch Einbeziehen der Kinder beim Einkaufen und Zubereiten von Mahlzeiten,.

Wenn es in schwierigen Momenten Essen zur „Stimmungsverbesserung“ gibt, zum Beispiel ein Bonbon nach einem Sturz, ein Eis bei Traurigkeit, lernen Kinder, Essen als Kompensation zu nutzen, und das ist langfristig ungünstig. Bei Traurigkeit, Schmerz oder Einsamkeit hilft Zuwendung viel besser als Essen. Kinder sollten lernen, dass Essen Genuss sein kann, es in Gesellschaft besser schmeckt, mehr Spaß macht und dadurch auch die Leistungsfähigkeit steigt.

Gemeinsame Mahlzeiten können auch kleine Pausen vom Alltag sein. Damit dies gelingt, ist es sinnvoll, auf Problemgespräche weitgehend zu verzichten. Bei Streit bei Tisch, bei Dauerkritik an den Essmanieren oder Konfliktgesprächen zwischen den Erwachsenen vergeht einem der Appetit. Man verliert die Lust an gemeinsamen Mahlzeiten oder sogar am Essen, da man es mit unangenehmen Gefühlen in Verbindung bringt. Daher sind „andere Gespräche“ bei Tisch erwünscht und alle dürfen zu Wort kommen. Ziel sollte eine angenehme Atmosphäre sein. Das führt zu einem Gefühl von Geborgenheit, Wertschätzung und es gelingt, langfristig ein Familienritual zu schaffen, von dem alle profitieren.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie an die SZ, Nutzwerk, 01055 Dresden oder an: [email protected]