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Warum selbst langjährige Beziehungen scheitern

„Bis dass der Tod euch scheidet“ sei vorbei, sagt Psychotherapeut Wolfgang Krüger – und spricht über mögliche Ursachen, wahre Liebe und die Corona-Folgen.

Zusammen ist man weniger allein – wenn es sich doch nur wieder gut anfühlen würde.
Zusammen ist man weniger allein – wenn es sich doch nur wieder gut anfühlen würde. © 123rf

Bill und Melinda Gates haben es getan: Nach 27-jähriger Ehe verkündete das Milliardärs-Ehepaar kürzlich die Trennung. Damit folgen die beidem einem Trend, wonach immer mehr Ehen auch noch nach der Silberhochzeit geschieden werden. Die SZ sprach mit dem Berliner Psychologen und Psychotherapeuten Wolfgang Krüger über das Phänomen und die Folgen.

Herr Dr. Krüger, warum lässt sich ein Ehepaar nach 27 Jahren scheiden?

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Noch vor 15 Jahren galt: War ein Paar länger als 20 Jahre zusammen, trennte es sich nicht mehr. Der Trend, es doch zu tun, ist neu. Wir wissen, dass eine solche Trennung ein schleichender Prozess ist, der oft schon zehn Jahre oder länger andauert. Meist liegt der Knackpunkt darin, dass die Kinder das Haus verlassen haben und das Ehepaar neue Lebensinhalte braucht. Außerdem ist der Trennungsgrund ein Konflikt, der von Anfang an bestanden hat.

Und zwar?

Dass die Ehefrau mehr Nähe und Gespräche haben will. Der Mann soll mehr zuhören, auf sie eingehen. Das ist ein Ur-Konflikt in Beziehungen, und er fällt dem Paar irgendwann auf die Füße, wenn die Kinder als Bindungsfaktor wegfallen. Meist sagen beide: „Wir haben uns aus den Augen verloren.“ Wenn der andere nicht da ist, vermisst man ihn nicht.

Lässt sich diese Nähe wiederherstellen?

Es gibt mehrere Faktoren, die uns optimistisch stimmen. Wenn ein Paar miteinander lachen kann und sich eine gewisse Vertrautheit erhält, besteht eine Chance. Können sich beide erinnern, wie schön es am Anfang war – wir nennen das den Gründungsmythos –, gibt es noch eine gewisse Basis. Das Schlimme ist nur, dass das Paar schon viele Jahre miteinander redet. Meistens sind die Betroffenen schon beim Paartherapeuten gewesen. Man konstatiert irgendwann, dass es keinen Sinn mehr hat. Dann kommt der Punkt, wo sich Frauen mit Mitte 50 oder die Männer in noch weiter fortgeschrittenem Alter sagen: Noch sind wir einigermaßen attraktiv und gesund, noch haben wir Chancen auf dem Markt der Liebe. Und wir haben vielleicht noch 20 bis 30 Jahre, also einen dritten Lebensabschnitt, vor uns. Das ist die Chance, sich noch mal ein neues Leben aufzubauen. Wenn, dann muss es jetzt sein.

Wer wagt diesen Schritt häufiger?

Bei Frauen ist die Trennungsrate etwas höher. Trennen sich die Männer, ist meist eine jüngere Frau im Spiel. Da spielt auch die Angst vor dem Alter eine Rolle. Viele Männer beginnen eine Beziehung mit einer erheblich jüngeren Frau, um sich auf diese Weise zu verjüngen. Ältere Frauen trennen sich, weil sie beim Thema Nähe grundsätzlich andere Vorstellungen haben.


Beim Ehepaar Gates berichteten US-Medien zunächst darüber, dass sich Bill Gates jahrelang mit seiner Ex-Freundin getroffen habe, obwohl er verheiratet war. Die Erlaubnis sei sogar im Ehevertrag fixiert gewesen. Jetzt heißt es, er habe im Jahr 2000 eine Affäre mit einer Kollegin gehabt. Was sehen Sie als Trennungs-Auslöser?

Schwer zu sagen. Was man ahnt, ist, dass solche Verträge gemacht werden, wenn die Ehe nicht ganz einfach ist. Bei einer mit gutem Gefühl eingegangenen Ehe ist man mit einem Vertrag eher vorsichtig. Je mehr man regelt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, sich irgendwann zu trennen. In Gates’ Ehe gab es wohl immer schon Konflikte, die darum kreisten, dass seine Frau mehr Nähe und Engagement haben wollte, er selber aber eher gezweifelt hat, ob er das zulassen will. Grundsätzlich gilt: Wenn Ehen scheitern, ist die Entfremdung immer der Hauptgrund. Seitensprünge sind nur der Auslöser für die Trennung.

Was ist mit dem Ehegelübde „Bis dass der Tod euch scheidet“?

Das können Sie vergessen. Dieses Versprechen war früher, in Kriegen und Wirtschaftskrisen, ungeheuer wichtig. Denn die Ehe hatte eine Unterstützungsfunktion. Zusammenzuhalten war gesellschaftspolitisch entscheidend. Heute lassen wir uns nicht mehr vorschreiben, wie wir zu leben haben. Die durchschnittliche Ehe in Deutschland dauert etwa 14 Jahre.

Werden die Ehen tendenziell kürzer?

Nein. Zuletzt lagen Durchschnittsehen bei etwas über 14 Jahren. Vor zehn Jahren waren es noch zwölf. Wir müssen uns aber mit der Tatsache abfinden, Lebensabschnittsgefährten zu haben.

Es gibt ja inzwischen genug prominente Protagonisten dieses Modells.

Ja. Zum Beispiel Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller. Oder Susanne Klatten, eine der reichsten Frauen Deutschlands. Selbst Wladimir Putin hat sich nach über 30 Jahren von seiner Frau getrennt. Im Jahr 2017 wurden 17,5 Prozent aller Ehen nach etwa 25 Ehejahren, geschieden. Das ist doppelt so viel wie in den 1990ern. Und die Zahl steigt von Jahr zu Jahr weiter.

Das heißt also im übertragenen Sinne: ,Du bist nie auf der sicheren Seite‘?

Genau. Vor allem in langen Beziehungen darf man sich nicht sicher fühlen. Mir fällt in diesem Kontext das Buch ‚Die Liebe in den Zeiten der Cholera‘ ein. Darin schreibt der Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez, dass wir erst im Alter in der Lage seien, richtig zu lieben.

Warum?

Wir haben erst dann die Persönlichkeit, den Tiefgang und den Humor dafür. García Márquez sagt, richtig lieben könne man erst, wenn man den Abgrund des Lebens sieht. Dann liebt man mit aller Verzweiflung. Tatsächlich haben viele erst mit 50, 60 oder 70 Jahren die Kraft, Dinge zu tun, über die sich alle wundern.

Welche Auswirkungen hat die Trennung eigentlich auf die Kinder?

Es gibt direkte und indirekte. Direkt ist zum Beispiel die Frage, ob man immer nur einen Elternteil zu Feiern einladen darf. Meist ist es ja so, dass sich der eine Partner trennt und der andere zurückbleibt. Dann machen sich die Kinder eher Sorgen um das verlassene Elternteil. Häufig ist auch die Sorge ums Finanzielle. Wenn sich Männer trennen, geraten die Frauen häufig in eine schwierige Lage. Punkt drei ist die Sorge, plötzlich in vielen Problemen gefordert zu sein – etwa bei Pflegebedürftigkeit.

Wie können Töchter und Söhne gut mit diesen Themen umgehen?

Gar nicht. Ihnen wird ja oft nur ein Beschluss mitgeteilt, an dem nicht zu rütteln ist. Viele Kinder sagen, dass die zur Trennung führenden Konflikte seit 20, 30 Jahren bestanden haben. Doch in dieser Zeit hat es gemeinsame Aufgaben gegeben. Da waren Kinder großzuziehen, es wurde ein Haus gebaut. Das Irre ist: In dem Moment, wenn alles geschafft ist und man miteinander verreisen könnte, trennt man sich. Weil man sich nichts mehr zu sagen hat.

Was sagen die Freunde zum neuen Partner oder der neuen Partnerin?

Die verstehen das oft nicht ganz. Fakt ist aber, dass eine solche Trennung ansteckend wirkt. Dinge im Leben mit einer solchen Außenwirkung beeinflussen den Freundeskreis. Trennt sich auf dem Dorf oder in einer Kleinstadt jemand, gibt es Nachahmer. Denn die fragliche Person verbreitet Aufbruchsstimmung. Ihre Augen glänzen wieder. Da sagt sich der Freund oder die Freundin: Meine Ehe ist ja noch viel schlechter, jetzt trenne ich mich auch. Trennungen sind eine Art Spaltpilz.

Wie oft gibt es den Fall, dass man sich trennt und bald darauf merkt, dass es doch nicht ohne den anderen geht?

„Bumerang-Liebe“ gibt es erfreulich häufig.

Dr. Wolfgang Krüger ist Psychologe und Psychotherapeut. Der 72-Jährige beschäftigt sich mit der Überwindung von Ängsten und Depressionen, aber auch mit der Aufarbeitung von Partnerschaftsproblemen.
Dr. Wolfgang Krüger ist Psychologe und Psychotherapeut. Der 72-Jährige beschäftigt sich mit der Überwindung von Ängsten und Depressionen, aber auch mit der Aufarbeitung von Partnerschaftsproblemen. © Gerald Wesolowski

Ich habe mich mit Ende 50 von meiner langjährigen Partnerin getrennt. Die Beziehung war am Ende, wir waren beide nicht richtig glücklich. Mit Anfang 60 habe ich meine Frau kennengelernt. Nun bin ich seit vier Jahren verheiratet und ausgesprochen glücklich. All die Lebenserfahrung, mein Wissen über Liebe und das Wesen einer Beziehung habe ich noch mal in die Waagschale geworfen. In dem Wunsch, dies möge die letzte Partnerschaft meines Lebens sein. So etwas erlebe ich auch bei älteren Klienten, die sich aktiv getrennt haben. Sie sind mit ihrer Entscheidung meist ausgesprochen zufrieden und glücklich. Zumindest, wenn sie wieder in einer Beziehung sind. Eher tragisch ist es, niemanden zu finden. Betroffene ziehen sich dann zurück, das hat oft etwas Resignatives.

Hat Corona den Trend zur Trennung verlangsamt?

Ja und nein. Zunächst mal ist in der Coronakrise die Regelung von Nähe und Autonomie durcheinandergekommen. Wir haben eine Zwangsnähe und sind aufeinander angewiesen. Zurückziehen ist schlecht möglich, Beziehungen mit anderen können kaum aufgenommen werden. Deshalb sind Partnerschaften mit leichten Rissen noch schwieriger geworden. Hier ist immer auch ein Trennungsgedanke da. Wir wissen aber auch, dass man sich in Krisenzeiten nicht trennt. Das heißt, bei vielen Paaren herrscht zwar dicke Luft, doch die Trennung wird nicht realisiert. Die Frage ist, was passiert, wenn Corona vorbei ist.

Was prognostizieren Sie?

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Vermutlich wird es zunächst ein Aufatmen geben. Wir werden viel verreisen, uns mit anderen treffen. Ob es aber zu mehr Trennungen kommen wird, weil sich die soziale Situation entspannt, lässt sich nicht voraussagen. Corona ist eine so mächtige Krise, und sie dauert schon so lange, dass es überhaupt keine Vergleichsmodelle gibt, an denen man sich orientieren könnte.

  • Buchtipp: Dr. Wolfgang Krüger: So gelingt die Liebe. Books on Demand, 160 Seiten, 13,99 Euro

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