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Leben und Stil

Wenn lange Ehen in die Brüche gehen

So viele Jahre zusammen - und dann die Trennung. Das geschieht selten so unvermittelt, wie es für Beobachter den Anschein haben mag.

Bye bye nach gemeinsamen Jahrzehnten. Mehr als ein Drittel aller Ehen endet mit der Scheidung.
Bye bye nach gemeinsamen Jahrzehnten. Mehr als ein Drittel aller Ehen endet mit der Scheidung. © Kniel Synnatzschke/Westend61/dpa

Berlin. Ein Bund fürs Leben wird mit einer Hochzeit schon lange nicht mehr geschlossen. Mehr als ein Drittel der Ehen endet mit der Scheidung. Statistisch meist nach fünf bis neun Jahren, aber immer häufiger auch noch nach mehreren gemeinsam verbrachten Jahrzehnten, nicht nur bei prominenten Paaren wie Melinda oder Bill Gates oder Thomas und Thea Gottschalk.

Bei 26.000 Scheidungen waren in Deutschland im Jahr 2019 die Paare mindestens im 25. Jahr ihrer Ehe, berichtet das Statistische Bundesamt. Das ist ein Anteil von 17,3 Prozent, 1994 lag er noch bei 10,4 Prozent. Und doch sorgen die späten Scheidungen oft erst einmal für Verwunderung bei Freunden und Verwandten. Wenn zwei sich so lange so nah waren - warum halten sie es jetzt plötzlich nicht mehr miteinander aus?

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Sind die Kinder aus dem Haus - ist Schluss

Viele dieser Trennungen geschehen, wenn die gemeinsamen Kinder einigermaßen auf eigenen Füßen stehen und sich aufmachen in ihr eigenes Leben. "Die Brutpflege ist abgeschlossen und es stellt sich die Frage, wie man die nächsten 30, 40 Jahre verbringen möchte", umreißt die Berliner Paartherapeutin Nadja von Saldern die Gründe. Manche Paare finden auf diese Frage keine gemeinsame Antwort mehr. "Wir haben toll funktioniert, aber wir haben vergessen, uns um uns als Paar zu kümmern": Das ist ein Satz, den die Therapeutin häufig in ihrer Praxis hört.

Dann noch gegenzusteuern, sich als Paar möglicherweise neu zu entdecken, sei schwierig: "Meist hat sich ein Partner emotional bereits aus der Beziehung verabschiedet, noch bevor die Probleme überhaupt angesprochen wurden." Werden sie dem anderen bewusst - "und viele versuchen noch, dann mehr auf Wünsche und Bedürfnisse einzugehen" - ist es zu spät: Die Hoffnung ist gestorben, manchmal wird stattdessen längst eine heimliche andere Beziehung gelebt.

Je länger eine Beziehung dauert, umso mehr Gemeinsames baut man sich auf. Die Erinnerungen an die vergangenen Jahre und Jahrzehnte sind geprägt von Unternehmungen und Erlebnissen, die man mit dem Partner oder der Partnerin geteilt hat. Man hat sich ein Zuhause geschaffen, vielleicht Kinder großgezogen, den Alltag organisiert, Anschaffungen von der Kaffeemaschine bis zum Auto ganz selbstverständlich zusammen getätigt. Das nach einer Trennung wieder aufzuteilen, ist hart, nicht nur emotional, sondern oft auch finanziell.

Geld muss dann für zwei Haushalte reichen

"Bei einer Scheidung nach einer langen Ehe ist die Beratungsarbeit im Vorfeld enorm wichtig", sagt Gisela Lindemann-Hinz, Anwältin für Familienrecht in Berlin und Vorsitzende des Vereins Humane Trennung und Scheidung. Es geht um viel: um Unterhalt auch nach der Scheidung, um die Aufteilung des Vermögens und die Altersversorgung - und das immer noch oftmals vor dem Hintergrund, dass ein Partner mehr Geld verdient und höhere Rentenansprüche erworben hat als der andere. "Das Geld, mit dem bislang ein Haushalt finanziert wurde, wird schnell knapp, wenn es nun für zwei Haushalte reichen muss", sagt Lindemann-Hinz.

Es ist schwierig, in solchen Fragen einen kühlen Kopf zu bewahren, wenn man verletzt ist und enttäuscht, weil gerade ein Lebensplan zerbricht. Und man zugleich genau wüsste, wie man dem Ex-Partner oder der Ex-Partnerin weh tun könnte - man kennt sie oder ihn ja in- und auswendig.

Scheidung oder doch lieber dauerhafte Trennung?

"Ich versuche, den Blick meiner Mandanten für die Gesamtsituation zu weiten - und für das Existenzrecht des anderen", sagt Anwältin Lindemann-Hinz. Ist eine Scheidung tatsächlich sinnvoll? Oder fahren beide Partner möglicherweise besser mit einer dauerhaften Trennung, verbunden mit schriftlich fixierten Vereinbarungen über die finanziellen Fragen, weil auf diese Weise Ansprüche beispielsweise auf eine Hinterbliebenenrente nicht verloren gehen.

"Das funktioniert aber nur, wenn möglichst wenig Störfeuer von außen kommt, beispielsweise durch neue Partner", räumt Lindemann-Hinz ein. Und wenn beide Beteiligte fair und transparent agieren und nicht etwa versuchen, Vermögen vor der Aufteilung zu verstecken.

Was zumindest juristisch meist nicht mehr geregelt werden muss, sind Fragen rund um die gemeinsamen Kinder. Sobald sie volljährig sind, ist das Thema Umgangsrecht obsolet. Wie sie die Trennung der Eltern erleben, gerät dabei leicht aus dem Blick: Nach dem 18. Geburtstag werden sie als "Scheidungskinder" nicht mehr statistisch erfasst, auch die Scheidungsforschung befasst sich vorrangig mit jüngeren Kindern.

Trennung erschwert Abnabelungsprozess der Kinder

Dabei treffe junge Erwachsene das Zerbrechen der Familie in einer ganz entscheidenden Lebensphase, sagt Paartherapeutin Nadja von Saldern: "Kinder wollen, dass ihre Eltern glücklich sind. Dann können sie ins Leben hinausgehen." Mutter und Vater durch die Trennung unglücklich zu erleben, erschwert den Abnabelungsprozess.

Viele Kinder fühlten sich dann verantwortlich für das Wohlergehen ihrer Eltern, während ihnen zugleich das gewohnte Zuhause als Ankerplatz verloren geht, möglicherweise verbunden mit einem erbitterten Rosenkrieg ums Hab und Gut. "Das ist ganz furchtbar, egal, wie alt die Kinder sind, denn sie verlieren den Respekt vor ihren Eltern", sagt von Saldern.

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Und das Paar, das sich einmal geliebt hat, vertut dadurch womöglich die Chance, irgendwann Frieden mit der Trennung zu schließen - obwohl genau das die beste Voraussetzung für einen Neuanfang ist. "Es mag zunächst schwerfallen. Aber sich nicht als Opfer zu fühlen, sondern selbst Verantwortung für sein Leben zu übernehmen und sich bewusst zu machen, dass man ein Teil dieser gescheiterten Beziehung war, ist dafür ein wichtiger Schritt", betont die Paartherapeutin. (dpa)

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