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Wie geht es Alleinerziehenden in Sachsen wirklich?

In Sachsen gibt es weit mehr als 100.000 Alleinerziehende, meist Frauen. Wie es ihnen wirklich geht, ist kaum bekannt. Das soll sich jetzt ändern.

Wir zwei schaffen das.
Wir zwei schaffen das. © Alena Ozerova

Kinder machen viel Freude, aber auch Arbeit, manchmal bereiten sie Kummer und Sorgen. Für Mütter und Väter ist damit besonders schwer umzugehen, wenn sie sich mit niemandem darüber austauschen oder hineinteilen können. Jede vierte Familie in Sachsen ist alleinerziehend. Die Eltern sind mehr als alle anderen gefordert, Arbeit und Erziehung unter einen Hut zu bekommen und den Lebensunterhalt zu sichern. Obwohl drei Viertel aller alleinerziehenden Mütter arbeiten, gelten 43 Prozent der Ein-Eltern-Familien als arm, wie eine am Donnerstag vorgestellte Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt.

Wie es den Müttern und Vätern wirklich geht, in welchen Verhältnissen sie leben, welche Bedürfnisse sie haben, was sie sich anders wünschen – und wo ihnen Land und Kommunen mehr Unterstützung bieten könnten, darüber ist allerdings nicht viel bekannt. Der Landesfamilienverband Selbstbestimmte Handlungsstrategien und Initiativen für Alleinerziehende (SHIA) in Sachsen hat jetzt mit finanzieller Unterstützung des Landes eine Umfrage gestartet, die diese Fragen klären soll. Geschäftsführerin Brunhild Fischer erläutert, worum es geht.

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Frau Fischer, wie viele Alleinerziehende gibt es in Sachsen?

Circa 100.000 Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern bis zum 18. Lebensjahr, dazu kommen noch Alleinerziehende mit älteren Kindern. Hierzu können wir jedoch aktuell keine genauen Zahlen finden.

Wie viele davon sind Frauen?

Man muss von ungefähr 90 Prozent ausgehen. Alleinerziehend zu sein, ist eine frauenspezifische Lebensweise.

Wie viele Kinder in Sachsen leben in alleinerziehenden Haushalten?

Das betrifft etwa ein Drittel aller Kinder in Sachsen. 2019 waren das 145.800. Der überwiegende Teil der Alleinerziehenden betreut ein Kind, aber wir begleiten auch Alleinerziehende mit drei bis sechs, sieben Kindern.

Brunhild Fischer ist seit 20 Jahren Geschäftsführerin von SHIA. 2017 erhielt die Leipzigerin die sächsische Verfassungsmedaille.
Brunhild Fischer ist seit 20 Jahren Geschäftsführerin von SHIA. 2017 erhielt die Leipzigerin die sächsische Verfassungsmedaille. © SHIA

Gelten eigentlich beide Ex-Partner als alleinerziehend, auch wenn sie sich die Kinderbetreuung nicht exakt teilen?

Ja. Alleinerziehend ist der Elternteil, bei dem die Kinder leben. Es ist dabei völlig unerheblich, ob die Eltern sich auf ein Wechselmodell geeinigt haben oder ob gar kein Umgang stattfindet.

Warum plant Ihr Verband eine repräsentative sachsenweite Umfrage zu den Lebensumständen Alleinerziehender?

Weil wir nur wenige wissenschaftlich gesicherte Daten dazu haben. Die Umfrage soll alle Ein-Eltern-Familien abbilden, egal, ob sie in prekären Lebensumständen oder in guten finanziellen Verhältnissen leben. Wir wollen damit herausfinden, was wie funktioniert, warum etwas gut oder schlecht läuft.

Wir hoffen, dass sich auch die Eltern äußern, die das Wechselmodell leben und sich gut verstehen, damit wir verstehen können, warum es in diesen Fällen geht. Mitunter liegt es ja schon an den strukturellen Rahmenbedingungen in Wohnortnähe. Ist die Schule weit entfernt? Wann und wie oft fährt der Bus? Die Hochschule für Wissenschaft und Technik in Leipzig wertet die anonymisierten Ergebnisse der Umfrage aus. Sie sollen als Impulse und Input in die sächsische Politik gespiegelt werden.

Auf welche Fragen muss man sich einstellen?

Das geht los bei persönlichen Dingen wie den Schulabschlüssen der Elternteile, Mobilität, Einkommensverhältnisse bis zur Freizeitgestaltung: Was kann ich meinen Kindern bieten? Wo fehlt es? Das geht bis zu Softskills wie dem eigenen Befinden. Das zu reflektieren, dafür nehmen sich die meisten Alleinerziehenden sonst gar nicht die Zeit. Man kann auch persönliche Statements abgeben: Wovor habe ich Angst, wie sehe ich meine Zukunft? Was will ich der Politik oder der Öffentlichkeit sagen? Das Leben mit Kindern ist nicht das Problem, sondern das Leben mit ihnen in unserer aktuellen Struktur ist oftmals das Problem.

Das klingt sehr umfangreich.

Die Umfrage dauert 45 bis 60 Minuten, wobei man jederzeit unterbrechen und später fortfahren kann.

Wie lange läuft die Umfrage?

Bis Ende August. Es können sich auch die Elternteile beteiligen, bei denen das Kind nicht dauernd lebt. Wir wollen die Vielfalt der Lebensform „Alleinerziehend“ dokumentieren. Uns ist wichtig, Ehrlichkeit und Tiefe zu haben. Wir haben viele Rückmeldungen, dass es eine tolle Sache gewesen sei, sich damit zu beschäftigen. Weil der eigene Hintergrund, die eigenen Lebensumstände einfließen dürfen. Dafür muss man erst einmal über sich selbst nachdenken. Das hat vielen gutgetan.

Der Lockdown hat auf brüchige Beziehungen wie ein Brennglas gewirkt, etliche sind gescheitert. Spüren Sie das?

In unseren Beratungen werden deutlich mehr Trennungssituationen angesprochen als vor Corona. Dass sie in Sachsen gerade vermehrt auftreten, wissen wir aber auch von anderen Beratungsstellen. Wir bieten einen niedrigschwelligen Einstieg, eine Kontaktaufnahme ist über unsere Internetseite, per Mail oder Telefon möglich. Wir vermitteln auch Rechtsanwälte, die ehrenamtlich zu bestimmten Themen wie beispielsweise am Beginn der Trennung unterstützen. Alleinerziehende suchen mit ihren Multiproblemfällen bei uns Rat.

Was sind die Hauptprobleme?

Grundsätzlich geht es hauptsächlich um das Finanzielle, denn als Alleinerziehender ist man für alles zuständig und verantwortlich. Miete, Strom, Betriebskosten, alle haushalterischen Dinge, Essen, Mobilität, Gesundheitskosten, Kleidung. Von Ferienfreizeit reden wir schon gar nicht. Das zweite sind Umgangsfragen, also Auseinandersetzungen – auch juristischer Natur – mit dem Ex-Partner, aber auch mit Ämtern und Behörden.

Die Familien werden zwar mit vielen familienpolitischen Maßnahmen unterstützt, aber in sehr vielen Kontexten werden die Leistungen gegengerechnet. Die Maßnahmen werden pauschaliert beschlossen. So kommt es zu Ungleichbehandlungen der Familienformen. Auch stoßen wir auf ein psychosoziales Phänomen. Denn Frauen, die ja hauptsächlich die Alleinerziehenden sind, sind nicht paritätisch in der Politik und Gesellschaft vertreten. Sie finden unserer Meinung nach in politischen Entscheidungen weit weniger bis gar keine Berücksichtigung.

Das Familienministerium ist doch aber seit vielen Jahren in Frauenhand.

Ein Familienministerium entscheidet nicht selbstständig für Familien und kann die notwendigen Maßnahmen nicht allein umsetzen. Wenn es um das Budget geht, redet auch noch der Finanzminister mit. Fakt ist, dass es eine Mehrfachdiskriminierung der Kinder von Alleinerziehenden gibt.

Haben Sie ein Beispiel?

Nehmen wir den Unterhaltsvorschuss.

...bei dem der Staat für die Väter oder Mütter eintritt, die den Unterhalt für ihr Kind nicht zahlen.

Das tut er aber nur mit Einschränkungen, was viele nicht wissen. Ist das Kind älter als zwölf Jahre, muss der Elternteil, bei dem das Kind lebt – in unserem Beispiel die Mutter – mindestens 600 Euro verdienen, bevor das Kind den Vorschuss vom Staat bekommt. Obwohl der andere Elternteil, hier der Vater, nicht zahlt. Jedes Kind hat ein Recht auf Unterhalt, und damit hat der Elternteil, bei dem das Kind lebt und ob er arbeitet oder nicht, rein gar nichts zu tun. Zu allem Übel wird von dem Unterhaltsvorschuss, im Gegensatz zum Unterhalt, das gesamte Kindergeld abgezogen und führt so zu einer weiteren Diskriminierung.

Wie viele Väter – oder auch Mütter zahlen den Unterhalt denn nicht?

Nach unseren Erfahrungen ist bei den unterhaltspflichtigen Frauen die Zahl derer, die ihrer Pflicht nicht nachkommen, sehr gering. Bei den Vätern zahlen laut Bertelsmann-Stiftung gerade einmal ein Viertel so, wie es sein muss. Rund 25 Prozent zahlen nur wenig oder unregelmäßig. Das können zwischen zehn und 20 Euro pro Monat sein. Etwa 50 Prozent zahlen überhaupt nicht. Zum Teil, weil sie noch in der Ausbildung oder arbeitslos sind und nicht können, zum Teil aber auch, weil sie nicht wollen.

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Und hier macht es der Gesetzgeber von der Arbeit der Alleinerziehenden abhängig, ob das Kind den Vorschuss bekommt. Aber er tritt nicht an diejenigen heran, welche das Problem verursachen – und dann springen wir als Gesellschaft ein. Laut Bundesfamilienministerium sind 2019 Unterhaltsvorschüsse und Ausfallleistungen von etwa 2,18 Milliarden Euro gezahlt worden. Das ist weder verantwortungsvoll gegenüber den eigenen Kindern noch gegenüber der Gesellschaft – und geht eigentlich gar nicht.

Das Gespräch führte Susanne Plecher

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