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„Wir Erzieher haben zu wenig Zeit für die Kinder“

Personalmangel ist das größte Problem in Sachsens Kitas, zeigt der Familienkompass. Dabei leisten die Mitarbeiter Bestarbeit.

Ein traumhafter Personalschlüssel: Erzieherin Sandra Nowak von der Kita „Wassertröpfchen“ in Zwickau pflanzt mit Pauline, Eddy, Franz und Mara Stecklinge für ein Weidenhaus.
Ein traumhafter Personalschlüssel: Erzieherin Sandra Nowak von der Kita „Wassertröpfchen“ in Zwickau pflanzt mit Pauline, Eddy, Franz und Mara Stecklinge für ein Weidenhaus. © Ralph Koehler

Für mich als Mutter wäre das Wichtigste, dass ich meine Kinder in der Kindertageseinrichtung stets gut versorgt wüsste“, hat eine Dresdnerin in das Kommentarfeld des Familienkompasses geschrieben. Die 34-Jährige gehört zu den 15.000 Sachsen, die in einem gemeinsamen Fragebogen von SZ, Freie Presse und Leipziger Volkszeitung beantwortet haben, wie familienfreundlich die Städte und Gemeinden im Freistaat sind. „Leider ist der Personalmangel so hoch, dass die vorhandenen Mitarbeiter an ihre Grenzen gehen, krankheitsbedingt lange ausfallen und die Situation immer prekärer wird“, kritisiert die zweifache Mutter.

So wie die junge Frau denken offensichtlich viele Sachsen. Denn die Frage, ob sie den Personalschlüssel in Krippen, Kindergärten und Horten als ausreichend empfinden, beantworten 46 Prozent der Befragten mit Nein und erteilen eine Gesamtnote von 3,4. Nur drei der insgesamt 101 abgefragten familienrelevanten Themen schneiden noch schlechter ab: das Wohnungsangebot, der Schulweg mit dem Rad und der Platz beim Wunschkinderarzt.

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Unabhängig davon meinen die meisten Eltern, dass die Kitas gut organisiert sind. Die beste Note des gesamten Familienkompasses aber erhält mit einer 1,89 das Engagement der Erzieher. Nirgendwo in ganz Sachsen wird deren Einsatz für die Kinder besser bewertet als im Landkreis Zwickau.

"Wir Erzieher haben zu wenig Zeit für die Kinder"

Angela Bretschneider leitet die Kita „Wassertröpfchen“ im Zwickauer Stadtteil Eckersbach, eine Kneipp-Kita mit Tretbecken, Sauna und Wassermatschanlage. „Eine gute Erzieherin kann mit dem Herzen sehen“, sagt sie. „Sie hat einen Bezug zum Kind, kommt mit ihm ins Gespräch, nimmt seine Bedürfnisse wahr und hat gleichzeitig einen Blick fürs Ganze: für die Gruppe, die Kollegen und auch die Eltern. Denn kein Kind steht für sich allein.“

Die Lehren des Naturheilkundlers Kneipp basieren auf fünf Säulen. Die Unterste, die alles trägt, ist das Wohlbefinden. „Ohne das geht gar nichts“, sagt Bretschneider und meint damit nicht nur optimale Entwicklungsbedingungen für die Kinder, sondern auch den Zusammenhalt im Team und den regelmäßigen Austausch mit den Eltern. Sind die Gruppen zu groß, sind alle gestresst. Die Lauten bekommen Aufmerksamkeit, die Leisen gehen unter. Zufrieden ist keiner. „Wir Erzieher haben zu wenig Zeit für die Kinder. Wir wollen unsere Arbeit gut machen, aber das braucht Zeit. Deshalb wünsche ich mir mehr Wertschätzung – in Form von Zeit.“

In der Kita-Organisation ist ein anderes Wort für Zeit „Betreuungsschlüssel“. Der liegt in den sächsischen Krippen bei 1:5 und in den Kindergärten bei 1:12. Das bedeutet, dass eine Erzieherin fünf beziehungsweise zwölf Kinder betreut, ihnen zuhört, mit ihnen singt, bastelt, spielt, ihnen Essen auftischt, den Po abwischt, sie zum Mittagsschlaf hinlegt, sie tröstet, umarmt und zur Ordnung ruft. Bundesweit liegt Sachsen damit auf dem vorletzten Platz. Nur in Mecklenburg-Vorpommern ist das Verhältnis noch schlechter.

Betreuungsschlüssel schrittweise verbessert

Im Bundesschnitt kommen 4,2 Krippenkinder oder 7,8 Kindergartenkinder auf eine Erzieherin, hat das Statistikamt in Wiesbaden errechnet – generell ist der Schlüssel in den Ostländern höher als in den alten Bundesländern. Aber dieser Vergleich hinkt, so Susann Meerheim vom sächsischen Kultusministerium. „Es ist schlichtweg falsch, lediglich den Blick auf den Personalschlüssel zu richten und die deutlich höheren Betreuungsquoten außer Acht zu lassen“, sagt sie.

In den alten Ländern wird nur gut jedes dritte Kind unter drei Jahren betreut, im Osten mehr als jedes Zweite. Um sie zu versorgen, brauchen die Länder mehr Platz, mehr Personal, mehr Geld. Angela Bretschneider mit ihrer 16-jährigen Leitungserfahrung will den westdeutschen Betreuungsschlüssel gar nicht haben. Für sie wäre ein Verhältnis von 1:10 im Kindergartenbereich und 1:4 in der Krippe ideal. „Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre es das“, sagt sie. Aber dieser Wunsch ist ein teurer.

Es ist nicht so, dass in Sachsen diesbezüglich nichts passieren würde. Seit fünf Jahren ist der Betreuungsschlüssel schrittweise verbessert worden. Zudem macht das Gute-Kita-Gesetz von Familienministerin Franziska Giffey (SPD) Bundesgeld für zwei wöchentliche Vor- und Nachbearbeitungsstunden der Erzieher frei. Denn mit Spielen und Singen ist der Job bei Weitem nicht getan. Knapp 4.000 Vollzeitstellen sind allein wegen dieser beiden Maßnahmen in Sachsen geschaffen worden. Sie kosten knapp 200 Millionen Euro pro Jahr.

Das wiederum heißt aber nicht, dass alles schon gut wäre – wie nicht nur die Eltern im Familienkompass und die Erzieher unisono meinen. Das schätzt auch die Bertelsmannstiftung so ein, die die Betreuungszeiten deutschlandweit regelmäßig untersucht. Die letzten Ergebnisse hat sie im August veröffentlicht. „Trotz der Investitionen in zusätzliche Kita-Plätze und mehr Personal sind die Bedingungen für die pädagogische Arbeit vielerorts noch immer unzureichend“, urteilt sie darin. „Kitas können ihren Bildungsauftrag teilweise nicht wahrnehmen“, warnt Stiftungsvorstand Jörg Dräger.

Engagement ist keine Einbahnstraße

Und da ist noch die Frage des Fachkräftemangels. Etwa 800 Stellen müssen in sächsischen Kitas jedes Jahr neu besetzt werden, weil Erzieher in Rente gehen. Im laufenden Jahr hat Angela Bretschneider vier davon verabschiedet.

Weil andere schwanger werden, lange krank sind, umziehen oder in Teilzeit arbeiten, geht das Kultusministerium von einem Bedarf von mindestens 1.200 neuen Erziehern pro Jahr aus. Rein rechnerisch könnte der aus eigener Kraft gedeckt werden, denn jährlich verlassen 2.000 Absolventen die insgesamt 61 Fachschulen Sachsens. „Aber letztlich kommen von ihnen zu wenige in den Kitas an“, so das Ministerium.

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Deshalb investiert das Land im laufenden Schuljahr mehr als fünf Millionen Euro in die Umschulung zum Erzieher und hat 200 zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen. Im „Wassertröpfchen“ in Zwickau-Eckersbach sind die freien Plätze „fast nahtlos“ neu besetzt worden. „Wir hatten das Glück, dass zu diesem Zeitpunkt genügend Bewerber da waren“, sagt Angela Bretschneider. Ihre Kita wird demnächst saniert. Für den Umzug in das Ausweichobjekt haben jetzt schon die ersten Eltern Hilfe angeboten. Eine Familie stellt sogar ihren Bus für den Kistentransport zur Verfügung. Die Kita-Chefin freut das. Engagement ist eben keine Einbahnstraße.

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