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Zu dritt in einer Beziehung

Unser Paarberater hat hunderte Kolumnen geschrieben. Hier gibt er einem Mann Tipps, der in einer Beziehung mit einer Frau und deren Mann lebt.

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Christian Thiel, Kolumnist, Singleberater und Paar-Therapeut aus Berlin.
Christian Thiel, Kolumnist, Singleberater und Paar-Therapeut aus Berlin. © Christian Juppe

Ich bin geschieden und lebe seit sechs Jahren in einer Dreiecksbeziehung mit einer Frau, die nach wie vor mit ihrem Mann verheiratet ist. Wir Männer haben keinerlei Probleme miteinander. Die Frau kommt mit ihrem Mann auch gut zurecht, allerdings ohne sexuellen Kontakt. Mit mir ist die Beziehung komplizierter und gleicht einer Sinuskurve mit abnehmender Wellenlänge, was mich belastet. Ich befürchte, dass es für die Frau immer schwerer wird, diesen Zwiespalt zu bewältigen.

Ich teile Ihre Befürchtung. Ein Dreieck, wie Sie es schildern, führt bei den allermeisten Menschen zu einer Art innerer Zerrissenheit. Auch zwei Männer sind weniger als einer. Das hat nichts damit zu tun, ob die beiden Männer voneinander wissen oder ob das alles heimlich passiert.

Offene Ehen sind kein besonders gemütlicher Ort. In Ihrem Fall gilt das auch für Sie und für den Ehemann der Frau. Der schaut ganz offenkundig lieber dabei zu, wie seine Frau die Erotik mit einem anderen Mann sucht, als sich ernsthaft zu fragen, warum sein Begehren denn so sehr abgenommen hat. Das ist aus Sicht der Frau enttäuschend und aus meiner Sicht als Berater zumindest klärungsbedürftig. Liegt ihm so wenig an seiner Beziehung, dass er zum Beispiel den Gang zu einer Beratung lieber meidet? Immerhin könnte er dort herausfinden, warum er nicht mehr will.

Aus Sicht der Frau stellt sich das Problem so dar: Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als eine lebendige Sexualität mit dem Mann an ihrer Seite. Sexualität führt zu starken Verbundenheitsgefühlen. Sie lässt uns die Bindung an den anderen sehr deutlich spüren. Wir fühlen uns zudem begehrt, was das Selbstwertgefühl stärkt. Und nicht zuletzt führt Sexualität zu dem Gefühl von Heimat. Hier gehöre ich hin.

Wird die Sexualität ausgelagert (weil der eigene Mann nicht mehr will), dann wird auch ein großer Teil der Verbundenheitsgefühle ausgelagert. Das gilt auch für die Bindungsgefühle, die Freude am Begehrt-Werden und für das Gefühl der Heimat. Innerhalb der Partnerschaft verbleiben dann möglicherweise noch eine innige Freundschaft und die Vertrautheit, die durch die vielen gemeinsamen Jahre entstanden ist. Und zudem noch ein großes Stück an Gewohnheit. Das führt aus Sicht der Frau in eine zunehmend absurd erlebte Situation. Dort, wo sie die Sexualität genießt, ist sie nicht zu Hause. Dort, wo sie angeblich zu Hause ist, gibt es keinen Sex. Sie wird mit den Jahren mehr und mehr mit dieser Aufspaltung hadern und unter ihr leiden.

Aus meiner Sicht ist so eine Dreiecks-Konstruktion nicht haltbar. Das ist keine moralische Frage, sondern eine Frage des Gefühlslebens der Beteiligten. Es rebelliert eines Tages. Entweder der Ehemann stellt irgendwann fest, dass seine neue Sekretärin genau die richtige Frau ist, um das partnerschaftliche wie sexuelle Leben fröhlich und vergnügt fortzusetzen. Oder der Geliebte stellt fest, dass er doch wieder gerne eine echte Partnerschaft führen will – und verabschiedet sich höflich aber bestimmt. Oder aber die Frau kommt mit der inneren Zerrissenheit nicht mehr zurecht.

Kommen wir zu meiner Sicht der Dinge: Aus Liebschaften werden fast nie Partnerschaften. Das ist eine Regel, die den meisten untreuen Menschen unbekannt zu sein scheint. Nur aus drei Prozent aller Affären wird später eine stabile Beziehung.

Passen Sie also bitte auf sich auf. Ihr Dreieck ist (und bleibt) ein ungemütlicher Ort – und wird deshalb eines Tages sein Ende finden. Werfen Sie bitte auch mal einen suchenden Blick auf den Singlemarkt. Da gibt es genug Frauen, die sich eine Partnerschaft wünschen. Oder einen Lover.

Christian Thiel ist Single-, Partnerschaftsberater und Autor. Haben Sie Fragen an ihn? Schicken Sie eine Mail an [email protected]