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Zu wenig Geld für die Verhütung

Frauen mit geringem Einkommen werden häufiger ungewollt schwanger. Dabei gäbe es eine Lösung, die nichts kostet.

Eindeutiges Testergebnis: schwanger.
Eindeutiges Testergebnis: schwanger. © 123rf

"Nein, die Pille habe ich nicht genommen. Ich wollte mal drei Monate aussetzen, weil ich mir die neue Packung einfach nicht leisten konnte.“ Wenn Kornelia Schmidt Frauen fragt, wie sie ungeplant und oft auch ungewollt schwanger geworden sind, klingt die Antwort häufig so oder ähnlich. Schmidt leitet die Beratungsstelle Donum Vitae in Dresden und berät dort unter anderem Frauen mit einem Schwangerschaftskonflikt. „Was ich auch immer wieder höre ist, dass Frauen sich gerne eine Spirale legen lassen würden, die 300 Euro dafür aber noch nicht beisammen gehabt hätten,“ sagt sie. Viele ziehen einen Abbruch zumindest in Erwägung. Einige lassen ihn später auch durchführen.

Die Kasse zahlt nur bis 22 Jahre

Die Studie „Frauen Leben 3“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) aus dem Jahr 2016 zeigt, dass Frauen mit geringem Einkommen und insbesondere mit Sozialleistungsbezug häufiger bereits eine Schwangerschaft abgebrochen haben als finanziell Bessergestellte. Sie waren auch öfter ungeplant schwanger. Vor allem in jüngeren Jahren führt eine ungewollte Schwangerschaft, die akzeptiert und nicht abgebrochen wurde, oft dazu, dass die Mütter schlechtere Ausbildungschancen und damit später auch schlechtere Jobs mit weniger Einkommen haben.

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Eine Ursache des Problems sei laut Studie, dass einige aus Kostengründen zeitweise auf sicherere Verhütungsmittel wie Spirale und Pille verzichtet haben. Der Betrag, der im Harz-IV-Satz für Verhütungsmittel vorgesehen ist, reicht laut Schmidt nicht.

Frank Vollgold, Sprecher der Bundesagentur für Arbeit Regionaldirektion Sachsen, erklärt: „Die Kosten für Verhütungsmittel werden über den Regelbedarf abgesichert – konkret über den Bereich Gesundheitspflege.“ Für diesen Bereich sind im ALG-II-Satz von 446 Euro insgesamt 16,60 Euro vorgesehen. Davon müssen aber auch Produkte wie Zahnpasta, Medikamente und Hygieneartikel bezahlt werden. Zusätzliche Kosten für Verhütungsmittel werden nicht übernommen.

Frauen und Männer erhalten den gleichen Betrag. Dabei tragen Frauen nicht nur häufiger die Kosten für die Verhütung, sondern benötigen im Gegensatz zu Männern während der Periode Hygieneartikel wie Tampons oder Binden und häufig Medikamente wie Schmerzmittel.

Das Sozialamt Dresden erklärt auf Anfrage, dass ein Rechtsanspruch auf Übernahme der Kosten für Verhütungsmittel hierzulande nur gemäß Paragraf 24a des Fünften Buches Sozialgesetzbuch sowie Paragraf 49 Zwölftes Buch Sozialgesetzbuch bestehe. Das bedeutet, dass bei Frauen unter 22 Jahren die Krankenkasse dafür zuständig ist, sie bei den Kosten für die Verhütung zu unterstützen. Bei Sozialhilfeempfängerinnen und Asylbewerberinnen übernimmt hingegen das Sozialamt bis zum gleichen Alter die Kosten für verschreibungspflichtige Verhütungsmittel.

Auch Frauen, die Sozialgeld oder Arbeitslosengeld II beziehen, müssen also sobald sie 22 Jahre alt sind ihre Verhütung selbst finanzieren. Einige Kommunen haben einen Sonderfond, aus dem bedürftigen Frauen Verhütungsmittel eventuell bezahlt werden. Karlsruhe, Mannheim, Berlin, Heidelberg und München übernehmen die Kosten für beispielsweise die Pille bereits auf Antrag. Auf Anfrage der SZ erklären aber sowohl die Pressestellen der Städte Dresden und Chemnitz als auch die Landkreise Görlitz, Bautzen und Zwickau sowie der Vogtlandkreis, dass sie keine kommunalen freiwilligen Leistungen gewähren oder verweisen auf die bestehenden Regelungen im Sozialgesetzbuch.

Laut einer Aufstellung des Verbands Pro familia betragen die Kosten für hormonelle Verhütungspillen zwischen 3,92 Euro und 22,10 Euro im Monat. Allerdings ist nicht jede Pille auch für jede Frau geeignet. Es ist also nicht möglich, den Arzt einfach um die Verschreibung des günstigsten Medikaments zu bitten.

Kupferhaltige Spiralen, Ketten und Bälle kosten inklusive Einlage zwischen 120 und 500 Euro. Zudem sollte die korrekte Lage in der Gebärmutter alle sechs bis zwölf Monate per Ultraschall überprüft werden. Das kostet jedes Mal bis zu 40 Euro.

Die Studie „Frauen Leben 3“ zeigt, dass Geringverdienerinnen deshalb häufig zwischen der Sicherheit von Verhütungsmitteln und deren Kosten abwiegen müssen. Außerdem belegt die Studie, dass Sozialleistungsbezieherinnen, die verhüten, oft auf Kondome anstelle Pille und Spirale ausweichen. Zwar schützen nur Kondome vor sexuell übertragbaren Krankheiten, im Bezug auf die Empfängnisverhütung sind sie aber weniger sicher. Von 1.000 Frauen, die ein Jahr mit der Pille verhüten, werden zwischen einer und neun schwanger. Bei der Kupfer-Spirale sind es zwischen drei und acht. Bei Frauen, die ausschließlich mit Kondomen verhüten, kommt es innerhalb eines Jahres jedoch zu zwanzig bis 120 Schwangerschaften.

Probleme mit der Pille

Doch nicht nur das Geld ist ein Problem. Denn die Studie ergab auch, dass einige Frauen unter 20 auf die Pille verzichtet hatten, obwohl sie noch von der Krankenkasse übernommen worden wäre. Die Autoren gehen davon aus, dass die Frauen zu schlecht aufgeklärt worden waren und gar nicht wussten, dass Kosten noch übernommen werden.

Schlechte Aufklärung ist allgemein ein Problem, das zu mehr ungeplanten Schwangerschaften führt. Claudia Neubauer-Fritzsche von der Pro familia Sachsen berichtet, dass immer mehr Frauen die Pille schlecht vertragen. „Sie werden dann beim Gynäkologen nicht ausführlich genug zu den Alternativen beraten und setzen häufig auf unsichere Methoden wie die Verhütung nach Kalender oder mit einer Fruchtbarkeits-App.“ Den Frauen fehle es oft am Wissen über den eigenen Körper, das ihnen helfen könne, derartige Methoden richtig anzuwenden und deren Sicherheit einzuschätzen. Laut Neubauer-Fritzsche kann eine frühe und gute Aufklärung hier Abhilfe schaffen. „Wir versuchen bereits, Kinder und Jugendliche ausführlich über Sexualität und Verhütung aufzuklären. Dazu arbeiten wir auch mit Schulklassen.“ Allerdings sei der Bedarf in Sachsen so hoch, dass Pro familia ihn nicht decken könne.

Verhütungsmittel im Überblick

Hormonhaltige Anti-Baby-Pille

  • Kosten: 3,92 bis 22,10 Euro monatlich je nach Präparat und Packungsgröße
  • Pearl-Index*: 0,1 – 0,9

*Der Pearl-Index bezieht sich auf 100 Frauen, die für ein Jahr die gleiche Verhütungsmethode anwenden. Wird eine Frau aus der Gruppe schwanger, entspricht das einem Pearl-Index von 1.

Kondom
  • Kosten: 0,15 bis 1,20 Euro pro Stück (Latex), ab 1,20 Euro (latexfrei)
  • Pearl-Index: 2 –12
Verhütungsring
  • Kosten: 10,33 bis 23,25 Euro monatlich je nach Präparat und Packungsgröße
  • Pearl-Index: 0,4 – 0,65
Spirale
  • Kosten: 120 bis 250 Euro inklusive Einlage für fünf bis zehn Jahre Verhütungsschutz. Richtige Lage muss alle sechs bis zwölf Monate für bis zu 40 Euro beim Gynäkologen überprüft werden.
  • Pearl-Index: 0,3 – 0,8
Zykluscomputer/Kalender/Fruchtbarkeits-App
  • Kosten: Apps gibt für 0 bis 3,33 Euro pro Monat, Thermometer ab 7,95 Euro und Zykluscomputer für 169 Euro bis 545 Euro
  • Pearl-Index: 9

Diaphragma

  • Kosten: 39,95 bis 59,90 Euro plus Verhütungsgel 9,60 bis 54,98 Euro
  • Pearl-Index: 1 – 20 (Nur in Kombination mit Verhütungsgel)

Quelle: pro familia

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