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Familienbetrieb mit afghanischem Neuzugang

Die Bäckerei Schneider aus Riesa hat einen Flüchtling eingestellt – und reagiert damit auf den Fachkräftemangel.

© Sebastian Schultz

Von Britta Veltzke und Christoph Scharf

Riesa. Ein normaler Werktag beginnt für Abdullah Bahadry mitten in der Nacht. Er steigt auf sein Fahrrad und radelt zur Bäckerei Schneider in Altweida. Dort fängt um zwei Uhr seine Arbeit an: Teig zubereiten, Brot, Brötchen, Kuchen backen. Gegen 11 Uhr ist Feierabend. „Alle Handwerksberufe sind anstrengend. Bei uns kommt der Rhythmus dazu. Die größte Herausforderung ist, sich daran zu gewöhnen“, sagt Juniorchef Christian Schneider. Manche Kollegen schliefen zweimal vier Stunden, andere gingen am frühen Abend ins Bett. Der Beruf lädt nicht gerade dazu ein, sich abends in der Kneipe zu treffen oder Sport zu treiben. Das sowie die schwere Arbeit und der vergleichsweise geringe Lohn hat dazu geführt, dass sich immer weniger Nachwuchs findet. „Wir können nun mal keine Industrielöhne zahlen. Und das, obwohl die Arbeit bei uns sicher anspruchsvoller und vielfältiger ist, als eine Schicht lang immer die gleichen Handgriffe zu machen“, so Schneider.

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Mehr als 30 verschiedene Sorten Brot und Brötchen und noch mal so viele Kuchensorten verlassen die kleine Backstube Am Anger. Insgesamt sieben Mitarbeiter arbeiten in der Backstube. Für eine starke Arbeitsteilung ist der Betrieb zu klein. „Hier macht jeder fast alles“, sagt Christian Schneider. Nicht erst seitdem sein Vater, Bäckermeister Frank Schneider, schwer erkrankt ist, macht sich auch hier der Mangel an Arbeitskräften bemerkbar. Besonders herb sei es in der Weihnachtszeit 2016 gewesen. „Wir sind damals zu dem Schluss gekommen, dass wir neue Wege gehen müssen“, erzählt Schneider. Und das heißt?

Keine Vorbehalte

Über Matthias Brade, Inhaber eines der größten Bäckereibetriebe der Region, sind die Schneiders auf die Idee gekommen, unter Flüchtlingen nach Arbeitskräften zu suchen. Gab es Vorbehalte? „Null!“, sagt der 36-Jährige entschieden. „Die Not war so groß, dafür gab es gar keine Gelegenheit.“ Und so kam Abdullah Bahadry an Bord des kleinen Familienbetriebes. Anfangs noch als Backstubenhelfer, im Sommer dann begann er seine Ausbildung zum Bäcker.

Andere Betriebe in der Region, die Flüchtlinge eingestellt haben, scheinen Angst um ihren Ruf zu haben. Eine SZ-Anfrage über die Arbeitsagentur lief ins Leere. Kein anderer Unternehmer war für ein Interview bereit. Christian Schneider macht sich da keine Gedanken. Aus seinem Umfeld habe es nur positive Reaktionen auf den neuen Mitarbeiter gegeben. „Integration kann nirgendwo besser gelingen als in der Arbeitswelt. Hier kann Abdullah auch sein Deutsch verbessern.“

Die Sprachkenntnisse genügen, um den Arbeitsalltag zu bewältigen. Bahadry stammt aus Afghanistan. Vor drei Jahren kam er nach Deutschland. Seine Muttersprache ist Persisch. Der Aufenthaltsstatus des Azubis lautet: geduldet. Seine Abschiebung ist auf dem Papier nur vorübergehend ausgesetzt. „Wir beobachten die Sicherheitslage daher genau“, sagt Schneider. Angst, dass sein Azubi plötzlich weg sein könnte, hat er nicht. „Abdullah verdient sein eigenes Geld, steht auf eigenen Füßen.“ Die Erfahrung mit anderen Berufseinsteigern hat ihn abgehärtet. „Da haben wir schon viel erlebt. Einmal war ein gelernter Metzger da, der annahm, dass er auch in diesem Handwerk klarkommt. Nach zwei Tagen konnte er nicht mehr.“ Soll sagen: Mit Deutschen kann das genauso passieren.

Aus dem Kontext Flucht/Asyl haben zum letzten Ausbildungsstart 14 Leute im Landkreis mit einer Lehre begonnen, doppelt so viele wie im Vorjahr. 24 weitere Asylbewerber werden aktuell als Bewerber für eine Ausbildung geführt: Das bedeutet, dass sie über ausreichende Fähigkeit verfügen.

Dazu gehören vor allem Deutschkenntnisse. „Der Knackpunkt ist die Sprache: Für eine Ausbildung sollten die Bewerber das Niveau B2 beherrschen“, sagt Agenturchefin Petra Schlüter. „Das ist anspruchsvoll!“ Man sei in der Agentur froh über jeden, der eine Ausbildung machen wolle: Es brauche viel Überzeugungsarbeit, Asylbewerbern klarzumachen, dass sie mit einer abgeschlossenen Ausbildung mehr Chancen haben. „Wer schon Anfang 20 ist und in Syrien auf dem Bau gearbeitet hat, fragt sich, warum er noch mal lernen soll.“ Die Betreffenden würden oft lieber gleich Geld verdienen wollen – für sich, die daheimgebliebene Familie oder womöglich zur Bezahlung eines Schleppers.

Die Schneiders sind sehr zufrieden mit ihrem Azubi. Manches Backwerk gelinge ihm sogar besser, verrät der Juniorchef. Dabei hat Bahadry nie zuvor eine Backstube von innen gesehen. „In Afghanistan wird das meiste zu Hause gebacken“, erzählt er. Von den Backwaren, die die Bäckerei produziert, mag der 23-Jährige am liebsten die süßen, vor allem Apfelkuchen. Inzwischen ist es fast Mittag. Er wird nun nach Hause radeln, duschen, essen, eine Stunde schlafen, Deutsch lernen und dann ab ins Bett. Schließlich muss er aufstehen, wenn alle anderen tief und fest schlafen.