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Fannys super Markt

Bauern und Konsumenten zueinander bringen – Fanny Schiel will die Marktschwärmer-Idee in Dresden populär machen.

© Sven Ellger

Von Henry Berndt

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Die Frau mit der Schürze ist überall. Hier in der „Runden Ecke“, einer ehemaligen Großtankstelle aus den 30er-Jahren, wuselt sie von Stand zu Stand. Es ist Verkostungstag. Jeder ihrer Lieferanten hat Köstlichkeiten zum Probieren dabei: Käsewürfel, Brothappen, Nudelsoßen. Ihr Brauer ist gerade verhindert, deswegen muss Fanny Schiel die hinterlegten Quartiermeister-Kisten noch eben selbst aus dem Späti holen. Danach gleicht sie noch die Inhalte der Schnellabholerkisten mit den Bestellungen ab. Kunden, die wenig Zeit haben, können sich die fertig gepackten Kisten gleich so abholen. Der Service kostet einen Euro extra.

Viel lieber sieht die 28-jährige aber, wie die Kunden mit den Bauern selbst ins Gespräch kommen, die ihnen die Milchflasche und den Blumenkohl über den Tisch reichen. Genau das ist nämlich der Grundgedanke hinter dem Konzept „Marktschwärmer“ – Erzeuger aus der Region und Konsumenten direkt zueinander bringen und für einen fairen und direkten Austausch sorgen. Die ganze Woche kann online bestellt werden. An einem festen Wochentag folgt dann die Übergabe, die „Schwärmerei“. Bargeld ist dann keins im Spiel. Auch zufällig des Weges kommende Passanten können nicht einfach etwas kaufen. Die Direktvermarkter wissen genau, wie viel sie mitbringen müssen. Und die Kunden wissen, was sie bekommen.

Fanny hat sich dieses Konzept nicht ausgedacht, aber sie ist diejenige, die es in Dresden populär machen will. „Ich glaube fest an die Idee und will schnell viele Menschen überzeugen“, sagt sie. „Ich fühle, dass ich damit etwas zu einer besseren Nachbarschaft beitragen kann.“ Sie selbst wird man fast nie in einem Supermarkt sehen – außer, sie braucht Schokolade. Ihre erste Schwärmerei in der Friedrichstadt startete sie vor etwa zwei Jahren. Im Sommer stehen die Stände jeden Donnerstag von 17 bis 19 Uhr im Hinterhof des Vereins riesa efau in der Wachsbleichstraße. Jetzt im Winter darf sie für ihren Markt die „runde Ecke“ unmittelbar daneben nutzen, in der sonst Kunst ausgestellt wird.

Das Start-up-Unternehmen hinter Marktschwärmer wurde 2011 in Frankreich gegründet, wo es unter dem etwas eigentümlichen Namen „La Ruche Qui Dit Oui!“ (Der Bienenkorb, der Ja sagt) weithin bekannt ist. Mehr als 900 regional begrenzte Märkte gibt es inzwischen in Frankreich – in Deutschland sind es erst 50. Fanny Schiel, die passenderweise Innovationsmanagement studiert hat, lernte das Konzept bei ihrem Auslandsjahr in Frankreich kennen und lieben. Schon bald schmiedete sie den Plan, selbst eine Schwärmerei in ihrer Heimat ins Leben zu rufen. Gesagt, getan. Sie ist nun so etwas wie eine Franchise-Nehmerin – mit maximal transparenten Bedingungen: 8,35 Prozent der Umsätze gehen an sie als Organisatorin, weitere 8,35 Prozent streicht das Unternehmen ein, das die Plattform zur Verfügung stellt.

Innerhalb eines Jahres hat sich die Zahl der Mitglieder in der Friedrichstädter Schwärmerei verdoppelt. Etwa 80 Interessenten holen nun jeden Donnerstag ihre Waren ab, die Hälfte davon sind Stammkunden. „Seit den letzten Sommerferien geht es stetig nach oben“, freut sich Fanny – und das muss es auch. Seit Anfang des Jahres ist das hier nämlich ihr Job. Ihr einziger. Zuletzt arbeitete sie noch im Marketing für ein Softwareunternehmen, doch jetzt zählt nur noch ihr Markt. Momentan lebt sie noch vom Gründungszuschuss. Drei Tage in der Woche arbeitet sie im Büro. Den Rest der Zeit sucht sie nach neuen Partnern oder besucht ihre Erzeuger. Nein, nicht ihre Eltern. Die Bauern! 20 Landwirte sind bis jetzt dabei – mindestens einer für jede Produktsparte, die ein regionaler Markt abdecken sollte. Um weiter zu wachsen, wird Fanny im März eine zweite Schwärmerei in Striesen eröffnen. „Dort muss mir der Start schneller gelingen“, sagt sie. Als Standort hat sie nach monatelanger Suche die Montessori-Schule „Huckepack“ gewinnen können. „Teure Mieten können wir uns nicht leisten. Wir brauchen ja nur zwei Stunden in der Woche.“

Fanny spricht oft von „wir“, meint aber eigentlich nur sich. Das klingt einfach größer. Ihr großer Wunsch wäre es, bald auch einen Markt in der Neustadt zu starten, wo sie derzeit selbst in einer Dreier-WG wohnt. Die Standortsuche dürfte auch hier hart werden. Aber ein bisschen Schwärmen wird doch wohl erlaubt sein.

www.sz-link.de/marktschwaermerdresden