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Fantastische Ideen für alten Bahnhof

Das Entwicklungsforum Dresden lud zur Diskussion über das Areal des Alten Leipziger Bahnhofs. Einigkeit herrschte bei der Ablehnung von Globus und den Vorzügen mangelnder Eile im Amt.

© Sven Ellger

Dresden. Wenn er doch nur könnte, wie er wollte: Architekt Jörg Möser aus Pirna präsentierte am Montagabend seine Ideen zum Areal des Alten Leipziger Bahnhofs und zumindest ein großer Teil des Publikums schwelgte mit ihm. Im Verlauf seines Vortrages beschwor er immer wieder den Geist des Ortes und pries dessen einzigartigen Charme.

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Eine Frage der Ehre

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In Ermangelung einer hitzigen Debatte trugen die Besucher der Podiumsdiskussion in der „Blauen Fabrik“ vorzugsweise dicke Jacken.
In Ermangelung einer hitzigen Debatte trugen die Besucher der Podiumsdiskussion in der „Blauen Fabrik“ vorzugsweise dicke Jacken. © Stefan Becker

Dabei streifte er Güterböden und Prellböcke, erfreut sich an Gleisen unter Gräsern, sprach von Biotopen in der jungen Wildnis und kam dann zu den zählbaren Größen: 100 Wohnungen hätten dort Platz und 20 000 Quadratmeter der üppigen Fläche kämen für Büros und Gewerbe infrage.

Möser verwies auf London und Paris, Jaffa und Berlin und natürlich New York, wie dort die Reanimation einstiger Bahnhöfe oder Gleisanlagen städtebaulich gelungen sei. Denn entsprechend lautete das Thema der Veranstaltung des Entwicklungsforums Dresden: Alter Leipziger Bahnhof – Denkmal mit Potential.

1839 erbaut, galt die Fernstrecke zwischen Leipzig und Dresden als die erste in Europa. Bis 1902 wurden die Gebäude zweimal abgerissen und größer wieder aufgebaut, bevor der Bahnhof endgültig für den Gütertransport umgerüstet wurde. In der Zeit explodierte Pieschens Einwohnerzahl von 350 auf über 12 000. Den Nazis diente der Bahnhof später auch als Sammelstelle für die Deportation der Juden. Die Reichsbahner der DDR verfrachteten weiter Waren auf dem Gelände und bauten noch moderne Containerbrücken doch 2005 wanderte der Betrieb ab in die Friedrichstadt.

Seitdem erobert die Natur das stillgelegte Gelände zurück und seitdem wartet ein Investor auf die Baugenehmigung. Die aber kommt nicht. Und ob sie jemals kommt, auch das steht in den Sternen, die am Ende des Treffens der Visionäre über dem nächtlichen Areal strahlen. Denn auf dem Podium herrschte ziemliche Einigkeit - keiner möchte die „Kiste mit den Parkplätzen“. Den Globus-Markt.

Als Architekt Jörg Möser endete, ergriff kurz Architekt Maximilian Kunze das Wort und zeigte seine preisgekrönte Arbeit zum Areal. Seine Vision teilt das Gelände in eine Plaza, einen Marktplatz und reserviert den restlichen Raum fürs Grün und bezahlbares Wohnen. Spätestens da tauchte die erste Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit auf: Möser berichtete bei seinem Ausflug in die Welt von neuen teuren Quartieren und erfolgreichen Impulsen für die Immobilienwirtschaft rund um die aufgehübschten Gelände - Kunze dagegen klammerte sich in seiner Idee eher an den sozialen Wohnungsbau.

Auf dem Podium saßen noch Dresdens Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain, Architekt Jens Zander und Denkmalschutz-Professor Thomas Will. Es fehlte allerdings ein Eigentümervertreter und damit der Anlass für die Kontroverse. Als es zur Diskussion über das Potenzial des Ortes kommen sollte, blieb diese aus. Gastgeber und Moderator Dr. Jörg Wildoer fragte daraufhin in die Runde, ob man über den Bart des Kaisers rede - und genau das geschah.

Bürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain bedauerte, dass es in der Vergangenheit widersprüchliche Beschlüsse zur Nutzung des gesamten Areals gegeben hätte, machte aber auch keine Hoffnung, dass sich dieser Zustand in der nächsten Zeit ändern werde. Die Verwaltung arbeite immer noch am neuen Aufstellungsbeschluss, viele Eingaben der Bürger zum Masterplan seien noch zu prüfen und das würde wohl noch dauern. Was Architekt Jens Zander mit der Aussage quittierte, wenn nichts passiere, dann passiere eben auch nichts Schlimmes. Als Moderator Wildoer beim Termin wegen des Beschlusses nachhakte, bekam er nur einen strengen Blick vom Politiker und damit war auch diese Diskussion beendet, bevor sie begonnen hatte.

In der Schlussrunde konstatierte Thomas Will, dass wegen Globus weder Dresden untergehen werde noch ein Stadtteil zerstört würde – die Planung des Unternehmens sei seriös und sich an den Denkmalschutz zu klammern auch keine Lösung. Eine einvernehmliche könne es sowieso nur im großen Dialog geben. Das erklärte er auf Nachfrage der SZ: „Es bräuchte eine größere, strukturierte Initiative, wie seinerzeit bei der Bewerbung um die IGA im Ostragelände. Ein städtebaulicher Wettbewerb zu den Themen, die gestern auch anklangen, wie zum Beispiel alternative Wohnformen auf Industriebrachen, könnte ebenso helfen wie eine Landes-Bauausstellung oder ähnliches.“

Und was hält das Unternehmen Globus von den Dresdner Visionen? Dazu hier bald mehr. (szo/stb)