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Fast 4 000 Lärm-Betroffene

In vier Gemeinden der Region wird ein Grenzwert überschritten. Tatsächlich dürfte es noch mehr Menschen treffen.

© Sebastian Schultz

Von Stefan Lehmann

Riesa. Wie viele Menschen in Sachsen leben in Gebieten, in denen es zu laut ist? Das wollte die Landtagsabgeordnete Andrea Kersten (fraktionslos) von der Landesregierung wissen. Die Antwort aus dem Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft zeigt: Auch in und um Riesa sind Tausende Menschen betroffen.

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Woher kommen überhaupt die Daten der Landesregierung?

In seiner Antwort stützt sich das Umweltministerium maßgeblich auf die Lärmkarten der einzelnen Gemeinden und des Eisenbahn-Bundesamtes. Schienen- und Straßenlärm werden deshalb getrennt ausgewertet, außerdem existieren getrennte Werte für Tag und Nacht. Aus gutem Grund, denn in Orientierung an der EU-Umgebungslärmrichtlinie wurde für die Nacht ein Lärmpegel ab 45 Dezibel als belästigend angenommen, während dieser Wert tagsüber bei 55 Dezibel lag. Sachsenweit gibt es demnach in 210 Gemeinden Gebiete mit „belästigendem Umgebungslärm“, weit mehr als 300 000 Menschen leben in diesen Bereichen, die meisten davon in den Großstädten. Allein in Dresden sind es demnach mehr als 100 000.

Welche Gemeinden in der Region sind betroffen?

Insgesamt listet das Ministerium in seiner Antwort vier Gemeinden auf, in denen Verkehrslärm ein Problem sein kann: Riesa, Zeithain, Glaubitz und Nünchritz. Am stärksten betroffen ist dabei wenig überraschend die größte und am dichtesten besiedelte Stadt. 1 890 Riesaer leben in jenen Gebieten, in denen der Autoverkehr tagsüber besonders viel Krach macht. In Zeithain sind es lediglich 141. Deutlich stärker wirkt sich der Bahnlärm aus. Von ihm sind in Riesa 1 635, in Zeithain 1 110 und in Glaubitz 795 Menschen betroffen. Ganz vorn liegt die Gemeinde Nünchritz mit 1 696 Anwohnern innerhalb des 55-Dezibel-Bereiches. Die Zahl der Betroffenen innerhalb des Nachts gültigen 45-Dezibel-Bereichs liegt meist noch höher. In Riesa etwa leben 3 666 Menschen in einem Gebiet, in dem der Schienenlärm 45 Dezibel erreicht oder überschreitet. Dafür ist in Riesa die nächtliche Belastung durch den Lkw-Verkehr geringer, hier geht die Regierung von 1 088 Betroffenen aus. In Zeithain klettert dagegen auch dieser Wert nachts auf 266.

Welche gesundheitlichen Folgen kann der Umgebungslärm mit sich bringen?

Hörschäden muss niemand fürchten, der in den betroffenen Gebieten lebt. Dafür bräuchte es über einen längeren Zeitraum Lautstärken von mindestens 85 bis 90 Dezibel, heißt es vom Berufsverband der HNO-Ärzte. Die Grenze von 45 bis 55 Dezibel hat nach Angaben des Umweltministeriums dennoch ihren Grund. Zwar entspricht dieser Pegel lediglich einem Gespräch in leiser Lautstärke. Auf Dauer kann aber dieses Geräusch ebenfalls krank machen und beispielsweise zu Nervosität, gereizter Stimmung und Schlafstörungen führen. Allerdings stellt nicht nur das Umweltministerium fest, der Grad der empfundenen Beeinträchtigung sei hauptsächlich „subjektiv geprägt“. Zum Handeln verpflichtet sind Kommunen jedenfalls erst ab Werten, die über 60 (nachts) beziehungsweise 70 Dezibel (tags) liegen.

Was wird getan, um den Lärm weiter zu reduzieren?

Lärmkartierung und -begrenzung den Straßenverkehr betreffend sind Aufgabe der Kommunen. „Die wesentlichen Maßnahmen betreffen Geschwindigkeitsbegrenzungen“, erklärt beispielsweise Riesas Stadtsprecher Uwe Päsler. Die seien in Riesa schon an einigen Stellen umgesetzt worden. Zusätzliche Abhilfe kann leiserer Straßenbelag schaffen. In Zeithain war das kürzlich etwa auf der B 169 bei Röderau der Fall: Der neue Belag soll den Lärm um bis zu zwei Dezibel senken, heißt es im Lärmaktionsplan der Gemeinde. Um die Lautstärke auf der Schiene kümmert sich das Eisenbahnbundesamt. Bereits bestehende Strecken werden aber nur Stück für Stück „nachgerüstet“. Bundesweit soll sich der Schienenlärm vor allem durch neue Züge reduzieren: Nach 2020 dürfen keine lauten Güterwagen mehr in Deutschland verkehren. Schon jetzt hat die Deutsche Bahn laut Ministerium 40 000 ihrer Güterwagen mit der sogenannten „Flüsterbremse“ ausgestattet, zwei Drittel der Flotte.

Welche Fragen beantworten die Zahlen der Landesregierung nicht?

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Die Erhebung ist und bleibt eine theoretische Größe. Erstens, weil die Werte errechnet werden, nicht gemessen. Zweitens, weil das Lärmempfinden subjektiv ist: Nicht jeder, der in den betroffenen Gebieten lebt, muss sich auch wirklich vom Lärm gestört fühlen. Umgekehrt kann es auch Menschen geben, denen die Geräusche egal sind. Und drittens werden Lärmkarten nicht überall erstellt, wo es subjektiv laut ist, sondern nur an bestimmten Orten. Die Zahl der Betroffenen dürfte also noch höher sein.