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Fast jeder Zweite pendelt für den Job

Die Zahl der Menschen, die längere Fahrtwege auf sich nehmen, steigt. Die meisten haben ein Ziel.

© Julian Stratenschulte/dpa

Von Dominique Bielmeier und Nadine Franke

Wie geht's Brüder

Eine Reportagereise durch Osteuropa 30 Jahre nach dem Umbruch auf Sächsische.de

Freital. Im Dunkeln bereits das Haus zu verlassen und auch erst wieder nach Hause zu kommen, wenn die Sonne längst untergegangen ist. Für Martina Halfter ist das nichts Ungewöhnliches an diesen Januartagen. „Mein Bus geht um 6 Uhr, damit ich stressfrei zur Arbeit komme.“ 40 Minuten braucht sie für die Strecke von Wilsdruff zu ihrem Arbeitsplatz in Freital. Sie muss jeden Tag pendeln. Ihr geht es wie Millionen anderen Arbeitnehmern, die als Pendler täglich einen längeren Arbeitsweg zurücklegen müssen.

© Geipel, Erik

Nach einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit ist die 60-jährige Lehrerin aber in guter Gesellschaft: Von den rund 31 Millionen Beschäftigten in Deutschland pendelten im Jahr 2016 exakt 12,16 Millionen zur Arbeit in einen anderen Kreis innerhalb der Bundesrepublik. 40 Prozent der Beschäftigten müssen also zum Teil weite Wege bis zur Arbeit in Kauf nehmen. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge ist die Zahl sogar noch ein wenig höher. Von rund 97 000 Beschäftigten, die im Landkreis wohnen, haben rund 42 000 Arbeit außerhalb des Landkreises – macht rund 43 Prozent, also fast jeder Zweite. Das geht aus den aktuellen Zahlen des Pendleratlas’ hervor. Demnach gibt es im Landkreis 800 Pendler mehr als noch 2016. In dieser Statistik taucht Martina Halfter nicht mehr auf. Da sie einen Arbeitsplatz in Freital gefunden hat, bleibt sie nun zum Arbeiten im Landkreis. „Seit acht Jahren fahre ich diese Strecke mit dem Bus. Früher musste ich immer nach Dresden-Nickern.“ Nun nimmt nur noch ihr Sohn jeden Tag die Strecke Wilsdruff – Dresden auf sich. Er braucht etwa die gleiche Zeit wie Halfter, doch er ist mit dem Auto unterwegs. „Dabei muss er auch über die Autobahn, da ist er manchmal ganz schön gestresst“, sagt die Wilsdrufferin.

Damit ihr Arbeitsweg entspannter ist, fährt sie mit dem Bus. Auf der Fahrt kann sie ein Buch lesen oder den Unterricht vorbereiten, anstatt auf die Straße achten zu müssen. „Ich komme mit dem Bus besser. Aber man sollte natürlich überlegen, welche Strecken man mit dem Auto fahren sollte.“ Ihr Sohn komme mit dem öffentlichen Nahverkehr nicht so leicht ans Ziel.

So geht es auch vielen anderen. Denn nicht nur die Zahl der Pendler ist erneut gestiegen, sondern auch ihr Weg: Wie das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung errechnet hat, legen sie eine Strecke von durchschnittlich knapp 17 Kilometern zurück. Im Jahr 1999 waren es lediglich 14,6 Kilometer.

Fahren bis nach Leipzig



Das häufigste Ziel der Pendler im Landkreis dürfte wenig überraschen: Die meisten dieser sogenannten Auspendler haben eine Arbeitsstelle in der Landeshauptstadt Dresden gefunden. 28 000 Menschen sind das nach der Statistik. Nach Bautzen pendelten immerhin noch knapp 3 000 Arbeitnehmer, nach Meißen immerhin noch 2 500. In den Landkreis Mittelsachsen fuhren gleich schon 1 000 Arbeitnehmer weniger. Selbst Leipzig ist für manchen aus dem Landkreis nicht zu weit weg: Mehr als 700 pendelten dorthin.

Die sogenannten Auspendler sind jedoch nur die eine Seite der Medaille. Denn zugleich pendelten 2017 knapp 23 000 Beschäftigte, die in einem anderen Kreis wohnen, in den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge ein. Das sind etwa 1 000 Pendler mehr als noch im Jahr 2016, und sie stellen damit ein knappes Drittel aller Beschäftigten im Landkreis.

Auch bei den Einpendlern kommen die meisten (etwa 12 600) aus Dresden, gefolgt von Bautzen (2 338) und Meißen (gut 1 971). Die Görlitzer nahmen die weite Strecke häufiger auf sich als umgekehrt: Von der Neiße pendelten gut 300 Menschen in die hiesige Region. Die Leipziger hingegen scheinen andernorts lieber zu arbeiten. Gerade einmal 84 Pendler kamen zum Arbeiten in die Sächsische Schweiz.

Selbst wenn insgesamt mehr Menschen den Landkreis zum Arbeiten verlassen, als für den Beruf einpendeln, so liegt der Kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge damit im Sachsentrend: Nur in den drei größten Städten Dresden, Leipzig und Chemnitz pendeln mehr Menschen ein als aus.

Auto ist das Mittel der Wahl


Was der Pendleratlas auch zeigt, ist, dass Männer häufiger pendeln als Frauen – mit einer Ausnahme: Aus dem Landkreis pendelten 2016 rund 14 100 Frauen nach Dresden, aber nur rund 13 600 Männer. In umgekehrter Richtung waren es 5 700 Frauen zu knapp 6 900 Männern. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass es in Dresden deutlich mehr Stellen im Dienstleistungsbereich, wo viele Frauen arbeiten, gibt im Vergleich zu Stellen im verarbeitenden Gewerbe und auf dem Bau, traditionell eher Männerberufe,

Insgesamt ist die Entwicklung für den Freistaat positiv: Die Zahl der Menschen, die zum Arbeiten nach Sachsen fahren, steigt beständig. Nach den aktuellen Zahlen der Arbeitsagentur pendelten fast 120 000 Menschen nach Sachsen. So viele Berufstätige kamen seit dem Jahr 2000 nicht mehr nach Sachsen. Dennoch verlassen noch immer etwa 20 000 Berufstätige mehr den Freistaat zum Arbeiten. Diese Arbeitskräfte fehlen dem sächsischen Arbeitsmarkt. Das sind 2 100 Auspendler mehr als noch 2016.

Das zeigt wiederum auch den Trend, dass die Arbeitnehmer immer mobiler im Berufsalltag werden, und sie sind dabei auch am liebsten unabhängig: Zwei Drittel der sächsischen Pendler sind mit dem Auto unterwegs. Gerade einmal ein gutes Zehntel nutzt die öffentlichen Verkehrsmittel. Da bilden Arbeitnehmer wie Martina Halfter eine Minderheit.