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Fast jedes zweite Kind spricht nicht richtig

Schon Vierjährige im Landkreis Görlitz haben mit dem Sprachvermögen Probleme. Die setzen sich bis zum Schulanfang fort.

© dpa

Von Matthias Klaus

Arbeiten in Görlitz

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Landkreis Görlitz. Putt. Da Ball. Haben wollen. Wenn Kinder im Alter von vier Jahren keine korrekten Sätze bilden können oder Vorsilben und Endungen verschlucken, gelten sie als sprachauffällig. In den Kindertagesstätten hat mittlerweile fast jedes zweite Kind Probleme mit der Sprache. Das ergab jetzt eine Untersuchung des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes in Kitas im Landkreis Görlitz. Seit mindestens 2012 liegt die Zahl der Kinder mit Sprachauffälligkeiten demnach bei über 40 Prozent, Tendenz schwankend. Wirklich abgenommen hat die Zahl bisher nicht. Sachsenweit geht man davon aus, dass etwa ein Drittel der Vorschulkinder Sprachdefizite hat. Nach Angaben des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie in Sachsen sind allein 2016 bei Kindern unter fünf Jahren 9516-mal logopädische Therapien verordnet worden. Im Landkreis Görlitz sind vor allem die Jungen im Vorschulalter von Sprachauffälligkeiten betroffen: fast 55 Prozent, der höchste Anteil seit 2012.

Nicht ganz so dramatisch sieht es bei anderen untersuchten Fähigkeiten der Kita-Kinder aus. Reichlich 20 Prozent haben Probleme mit der Feinmotorik, also das Gefühl für feine Bewegungen, die Hände, Finger, die Dosierung der Kraft. Die Zahl der Störungen der Grobmotorik, Gespür für den eigenen Körper, Gleichgewicht, Muskelspannung, geht etwas zurück. Etwa 15 Prozent der untersuchten Vorschüler sind betroffen. Es zeigt sich: Sowohl bei Grob- als auch Feinmotorik haben vor allem die Jungen ihre Schwierigkeiten. Eine leicht rückläufige Tendenz gibt es seit 2013 bei Defiziten des Gehörs. Als gut wird der Impfstatus der Kinder eingeschätzt.

Die Untersuchungen in den Kindertagesstätten im Kreis sind freiwillig. Dabei wurde aber nicht jede Einrichtung besucht: Von den 168 Kitas im Landkreis waren es 122. „Aus personellen Gründen konnten wir nicht allen Kitas ein entsprechendes Angebot machen“, schilderte jetzt Sachgebietsleiterin Antje Liebscher während der jüngsten Sitzung des Gesundheitsausschusses des Landkreises.

Zwei Jahre später sehen sie und ihre Kollegen die Kinder wieder, dann zur Schulaufnahmeuntersuchung. Die ist Pflicht, ein Elternteil muss dabei sein. Und auch hier zeigte sich 2017: Sprache, Sprechen bleibt ein Problem. Seit 2015 steigt die Fallzahl bei den Schulanfängern. „Zwar sind hier auch wieder die Jungen besonders betroffen. Aber der Unterschied zu den Mädchen ist nicht mehr so gravierend wie in den Kitas“, sagt Antje Liebscher. Knapp 14 Prozent der betroffenen Schulanfänger sind deswegen in Behandlung. Weit nach Auffälligkeiten bei Sprache und Sprechen folgen Zahlenwissen, die Hand-Auge-Koordination und herabgesetzte Sehschärfe. Übergewicht und Fettleibigkeit bei Schulanfängern steht auf der Untersuchungsliste derweil relativ weit unten. Gut acht Prozent der Schulanfänger leiden darunter. „Diese Zahl liegt im landesweiten Schnitt“, sagt Antje Liebscher.

Bleiben die Sprachauffälligkeiten als Hauptproblem – sowohl in der Kita als auch bei den Schulanfängern. Der frühere Görlitzer Amtsarzt und SPD-Kreisrat Bernhard Wachtarz sieht unter anderem die Eltern in der Pflicht. „Kinder werden einfach vor das Fernsehen gesetzt, sich selbst überlassen“, sagt er. Es werde zu wenig miteinander gesprochen. „Gerade in der Familie ist das aber wichtig“, so Bernhard
Wachtarz. Er regt einen Vergleich an: Die entsprechenden Zahlen aus Vorwendezeiten mit denen von heute zu vergleichen – und daraus Schlüsse zu ziehen. „Die entsprechenden Unterlagen sind vorhanden“, sagt der Reichenbacher.

Landrat Bernd Lange macht wiederum, neben den Sprachproblemen der Kinder, die hohe Zahl an Rückstellungen Sorge. Von 2 161 Kindern wurden 2017 knapp neun Prozent zurückgestellt. Der Jugendarzt gibt dazu nur Hinweise und Empfehlungen. Die Entscheidung über eine Rückstellung liegt letztendlich beim entsprechenden Schulleiter.