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Fasten schützt vor Glühwein-Orgien

Für Serbiens Gläubige währt die 40-tägige Fastenzeit bis zum 6. Januar. Das setzt dem Vorweihnachtstrubel Grenzen.

© picture alliance / dpa

Von Thomas Roser

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Zumindest im Belgrader Kindergarten meines Sohnes winden sich seit ein paar Tagen als Weihnachtsvorboten die Plastiktannenzweige durchs Treppenhaus. Und im nahen Laden einer belgischen Supermarktkette harren auch schon einige verloren wirkende Schoko-Weihnachtsmänner vergeblich auf Käufer. Doch ansonsten können westeuropäische Vorweihnachts-Flüchtlinge in Serbiens Hauptstadt selbst im Dezember erleichtert aufatmen: Die Sinne werden weder durch den wochenlangen Dauerschall säuselnder Engelsstimmen noch durch klebrig süße Glühwein-Orgien oder allgegenwärtigen Elektrolichterglanz gequält.

Es ist nicht nur die durch den julianischen Kalender bedingte Gnade der späteren Festtage, die den Serben einen vom Vorweihnachtstrubel fast völlig freien Dezember beschert. Bis zum Heiligabend am 6. Januar nämlich währt für die Gläubigen der serbisch-orthodoxen Kirche 40 Tage lang die vorweihnachtliche Fastenzeit. Nicht nur Milch-, Fleisch- und Eigerichte sind dabei tabu. Auch beim Sex pflegen fastende Serben den fleischlichen Gelüsten zu entsagen.

Mit der „freudigen“ Fastenentsagung“ reinige man den Geist und bereite man sich innerlich auf die Ankunft von Jesus am Weihnachtsfest vor, erklärt mir meine Nachbarin Djina. Weniger begeistert von der Aussicht auf den sexlosen Jahresausklang schien mir schon zu Beginn des Fastenmarathons hingegen ihr Mann Dusan zu sein. „Noch sechs Wochen bis Weihnachten“, seufzte er – und verdrehte mit einem hilflosen Schulterzucken die Augen.

Doch das Fasten ihrer Gläubigen schützt die Serben immerhin vor den Konsum-Exzessen des Adventsrummels anderswo. Denn das Gebot der Enthaltsamkeit lässt sich kaum mit den fettigen Würsten und dampfenden Glühwein-Kesseln mitteleuropäischer Weihnachtsmarkt-Völlerei vereinbaren. Sicher zähle sie als Fastende zu einer Minderheit, gibt Djina offen zu: Doch auf deren Gefühle werde in Serbien durchaus Rücksicht genommen.

Tatsächlich buhlen in dem zwar nicht unbedingt religiösen, aber traditionsbewussten Land nicht nur die Wirtshäuser mit Fasten-Speisekarten um die Gunst ihrer religiösen Kunden. Auch Läden und Supermärkte bieten zur Vorweihnachtszeit ein erweitertes Sortiment fett- und eierfreier Backwaren an. Dass selbst in Kaufhaus-Tempeln und Innenstädten nur ein begrenzter Lichterglanz die Augen blendet, hat laut Dijna auch mit der Rücksicht auf den religiösen Teil der Bevölkerung zu tun. Das Fasten solle schließlich die Möglichkeit zur inneren Einkehr bieten.

Dass Serbiens spätes Weihnachtsfest kaum vom Geschenk-Stress überschattet wird, ist auch dem sozialistischen Erbe des einstigen Jugoslawien zu verdanken. Die Machthaber des zerfallenen Vielvölkerstaats pflegten nicht nur aus weltanschaulichen Gründen den 1.Januar als wichtigsten Festtag des Landes zu propagieren. Ob Orthodoxe, Katholiken, Muslims oder Atheisten: Neujahr vermochten alle gemeinsam zu feiern. Und am früheren Brauch der Bescherung zu Neujahr hält in Serbien die Mehrheit der sentimental gestimmten Landsleute fest. Da mischen sich einfach die Gebräuche.