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Fastenbrechen mit der Ministerin

Trotz widriger Umstände laden Riesas Muslime zum Essen ein – und verbinden damit eine Hoffnung.

© Sebastian Schultz

Von Stefan Lehmann

Riesa. Es gebe ein paar zeitliche Zwänge, sagt Zuhair Qasem gleich nach seiner Begrüßung und lächelt verlegen. Ab 21 Uhr werde aus technischen Gründen das Wasser abgestellt, aber immerhin könne man noch 45 Minuten länger im Gebäude bleiben als sonst üblich. „Aber wir haben genug Eimer befüllt, und wir können danach ja noch woanders hingehen“, sagt der Vorsitzende des Vereins Islamisches Zentrum Riesa und strahlt in die Runde, als er zum abendlichen Fastenbrechen begrüßt.

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Qasem hätte gerne in die eigenen Vereinsräume geladen, daraus macht er kein großes Geheimnis. Doch ehe das Islamische Zentrum das Gebäude in Altriesa beziehen kann, wird noch einige Zeit vergehen, vorausgesetzt, die Stadt erteilt grünes Licht. Als Provisorium für diesen Abend hat die Diakonie dem Verein ihr Informations- und Kommunikationszentrum in der Hauptstraße zur Verfügung gestellt. Probleme bei der Suche nach Räumlichkeiten kennt die Chefin der Migrationsberatung, Gerline Franke, nur zu gut. „Es war für uns schon schwer, für Sie muss es ja doppelt schwierig sein.“

Die drei langen Tische sind gut besetzt. Stadträte von Links- bis CDU-Fraktion sind gekommen, mehrere Pfarrer, ein paar Nachbarn und einige in der Flüchtlingshilfe engagierte Riesaer. Auch Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) besucht das Fastenbrechen – zum dritten Mal in ihrer Amtszeit. In den vergangenen Jahren war sie in Dresden und Leipzig.

Für die Muslime beginnt das Iftar, das tägliche Fastenbrechen, erst nach Sonnenuntergang. Erst dann darf während des Ramadan gegessen und getrunken werden. „Aber Viertel nach neun wäre ein bisschen spät“, sagt Qasem und bittet lachend zum üppig gedeckten Büffet aus Salaten, Falafel, Gemüse, Hähnchenkeulen und mit Rindfleisch gefüllten Teigröllchen. Die deutschen Gäste dürfen schon eine reichliche Stunde früher anfangen, während sich die Gastgeber noch eisern in Geduld üben müssen. An diesem Abend sind die Deutschen ohnehin deutlich in der Überzahl.

Bei den Besuchern jedenfalls kommt die Einladung an. „Ich hatte ein gutes Gefühl“, wird CDU-Stadtrat Kurt Hähnichen nachher sagen. Er kenne Gastgeber Qasem schon seit vielen Jahren und schätze seine seriöse, unaufgeregte Art. Linke-Fraktionschefin Uta Knebel bedauert indes, dass der Oberbürgermeister nicht zur Veranstaltung gekommen ist. „Damit setzt man auch ein Zeichen, wie offen man mit anderen umgeht.“

Als Vertreter der Stadt ist stattdessen Baubürgermeister Tilo Lindner an seinem letzten Arbeitstag vor Ort. – Der Gastgeber ist am Ende dennoch zufrieden, dass so viele Leute der Einladung gefolgt sind. „Besonders freue ich mich über die Pfarrer, die da sind.“ Ein starkes Zeichen sei das, wenn zwei Religionen an einem Tisch sitzen. Im kommenden Jahr könnten es noch mehr werden, wenn sich ein Raum findet. „Es gibt noch so viele Leute, die ich gern einladen würde“, sagt er.

Mit der Einladung verbindet er vor allem die Hoffnung, dass Riesas Muslime in der Mitte der Gesellschaft Anerkennung finden. Mittlerweile lebten mehr als 1 000 Menschen muslimischen Glaubens in Riesa. „Noch vor fünf Jahren hätte ich nicht für möglich gehalten, dass es in Riesa mal eine muslimische Gesellschaft geben würde“, sagt der gebürtige Palästinenser, der seit Jahrzehnten in Riesa lebt. „Das ist neu und auch ein wenig aufregend.“

Um sie an der Gesellschaft teilhaben zu lassen, seien Gespräche wie an diesem Abend unerlässlich. Eine Ansicht, die auch die Ministerin teilt. Vorurteile ließen sich am besten über Begegnung abbauen. So wie im Fall des Schmieds aus ihrem Heimatdorf, der früher am Stammtisch gegen Flüchtlinge gewettert habe. Mittlerweile beschäftige er selbst einen Afghanen. „Von dem sagt er heute, dass er bessere Arbeit abliefert als die Deutschen, die er zuletzt hatte.“