Merken

Faustrecht auf der Straße

Ein Berufskraftfahrer rastet aus. Nun droht ihm nicht nur ein Fahrverbot, sondern auch der Verlust seines Jobs.

Teilen
Folgen
© Matthias Schumann

Von Jürgen Müller

Wenn Blicke töten könnten, wäre der Rentner aus Coswig sofort tot umgefallen. Der Angeklagte wirft dem Mann, der als Zeuge geladen ist, beim Gang in den Gerichtssaal einen verächtlichen, ja hasserfüllten Blick zu. Immerhin hat es der Mann gewagt, den Berufskraftfahrer anzuzeigen. Dem droht nun ein Fahrverbot und möglicherweise der Jobverlust.

Es ist an einem frühen Januarnachmittag dieses Jahres, als der 37-jährige Angeklagte aus Coswig mit seinem schwarzen BMW auf der Kötitzer Straße in Coswig fährt. Hier befinden sich eine Schule und ein Kindergarten. Weil die Eltern ihre Sprösslinge abholen, ist die Straße um diese Zeit zugeparkt, praktisch nur einspurig. Da taucht an dieser Engstelle plötzlich im Gegenverkehr ein anderes Auto auf. Beide stehen sich Front an Front gegenüber, keiner weicht zurück. Der Angeklagte steigt aus, reißt die Tür des anderen Autos auf, packt dessen Fahrer am Kragen und versucht mit der linken Hand, dessen Sicherheitsgurt zu öffnen. Der sollte wohl zum „Duell Mann gegen Mann“ aussteigen. Erst, als die Beifahrerin, die Ehefrau des Geschädigten, droht, die Polizei anzurufen, lässt er von dem Mann ab.

Der geschädigte Coswiger ist noch acht Monate nach diesem Vorfall entsetzt. „Ich bin 15 Jahre lang in Dresden Taxi gefahren, aber so etwas ist mir noch nie passiert. Noch nie habe ich jemanden angezeigt, aber das war einfach zu viel“, sagt er und seine Ehefrau ergänzt: „Wir hatten die Enkel im Auto. Die haben geschrien vor Angst. Noch heute zucken sie zusammen, wenn sie ein schwarzes Auto sehen“, sagt sie.

Der Geschädigte zeigt den Berufskraftfahrer bei der Polizei an. Der bekommt wegen Nötigung einen Strafbefehl, soll 1 200 Euro Geldstrafe bezahlen, außerdem für einen Monat Fahrverbot erhalten. Deshalb geht er in Einspruch. Denn wenn er nicht Auto fahren dürfe, verliere er wohl seinen Job, argumentiert seine Anwältin.

„Ja, ich habe den Mann angefasst“, gibt der Angeklagte zu. „Anfassen geht gar nicht, das ist ein Tabubruch“, belehrt ihn Richter Michael Falk. Mit dem Strafbefehl sei er noch gut weggekommen. Normalerweise sei in solchen Fällen der Führerschein für ein halbes Jahr weg, weil sich jemand, der so etwas tue, als charakterlich ungeeignet zum Führen eines Kraftfahrzeuges erwiesen habe, so der Richter. Den Führerschein musste der Mann schon einmal für einen Monat abgeben. Damals hatte er mit seinem Lkw eine rote Ampel überfahren. Auch hier gibt er sich uneinsichtig. „Ich hätte ja auch auf der Kreuzung stehenbleiben können, da wäre gar nichts mehr gegangen in der Stadt“, sagt er trotzig. Damals hatte er übrigens während des Fahrverbotes Urlaub genommen. Das rät ihm auch diesmal der Richter. Das kann oder will er diesmal nicht tun.

Das Gericht verurteilt den Mann letztlich zu einer Geldstrafe von 2 000 Euro, also 800 Euro mehr als bisher. Dafür ist das Fahrverbot vom Tisch. Er habe berücksichtigt, dass der Mann mit Autofahren seinen Lebensunterhalt verdiene und ein Jobverlust für diese Tat unverhältnismäßig sei, so der Richter.

Was bleibt, sind die zwei Punkte in Flensburg, außerdem muss der Coswiger die Gerichtskosten und seine Anwältin bezahlen. Im Ausland hätte er übrigens auch trotz Fahrverbotes mit dem Auto fahren dürfen. Denn das Fahrverbot gilt nur in Deutschland.