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Fehler im System

Der Wahl-Dresdner Silvio Schirrmeister kapitulierte vor der Doppelbelastung von Beruf und Sport. Er fand eine neue Herausforderung.

© Ronald Bonß

Von Jochen Mayer

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Die Entscheidung fiel spontan: Am 8. September 2015 handelte Silvio Schirrmeister rigoros. Er zog kurzerhand einen Schlussstrich und verabschiedete sich von heute auf morgen aus einem Lebensabschnitt, der bis dahin seinen Tagesablauf dominiert hatte. Er beendete sein Leben als Leistungssportler. Der Mecklenburger und Wahl-Dresdner wollte und konnte nicht mehr mit der dualen Karriere leben, der „schrecklichsten Kreatur, die der deutsche Sport geschaffen hat“, wie er im Abschiedsstatement drastisch formulierte.

Der einstige 400-Meter-Hürdenläufer und Auswahlathlet kapitulierte vor den Belastungen, denen er sich nicht mehr gewachsen fühlte. 70 bis 80 Wochenstunden kamen bei ihm für Arbeit und Sport zusammen. Irgendwann hatte er das Gefühl, „der Weltspitze im Sport nicht mehr näher zu kommen“, erzählte der 29-Jährige beim Neujahrsempfang des Dresdner Fördervereins Leichtathletik. „Und zudem fehlte mir die Zeit, psychisch alles zu verarbeiten, was ich jeden Tag erlebte.“ Er hatte sich im Alltag aufgerieben, der ihm kaum noch Luft ließ, weil er seinen Sport und die Arbeit so gut wie möglich bewältigen wollte.

Dabei ist er nach wie vor dankbar, dass ihm die Sparkasse überhaupt die Chance ermöglicht hatte, Zeit für seinen Sport zu bekommen. Die Doppelbelastung von gefühlten 120 Prozent Einsatz in beiden Karrieren führte aber zu einer dauerhaften Überbelastung. „Ich konnte mich nicht so regenerieren, wie es nötig gewesen wäre“, musste er sich schließlich eingestehen. „Das führte mich an Grenzen, an denen es nicht mehr weiterging.“ Die Konsequenz war eine Notbremsung.

„Warum?“, wollten plötzlich alle wissen – Bundestrainer, Verein, die Dachverbände. „Ich hatte sogar einen Treff in Dresden mit Sven Baumgarten, der im DOSB-Ressort zuständig ist für duale Karrieren“, erzählte der gertenschlanke Ex-Hürdenläufer. „Es war ein angenehmes Gespräch, wir haben uns ausgetauscht. Er meinte, man könne aus meinem Fall lernen, wir sollten theoretisch wie praktisch zusammenarbeiten. Bei dieser Ansage blieb es. Ähnlich ging es mir mit der Sporthilfe. Nach dem Krisengespräch passierte nichts.“

Beim sächsischen Leichtathletik-Verband bewarb sich Schirrmeister auf eine freie Stelle als Geschäftsführer. Der deutsche Meister von 2013 bekam sie nicht und machte einen weiteren Schnitt, weil er sich eingestand, keine weitere Möglichkeit zu haben, sich mit seinen Erfahrungen für Veränderungen im Leistungssport einzubringen, etwas für Athleten zu bewegen.

Silvio Schirrmeister verteufelt das deutsche Sportsystem nicht. Er sagt sogar: „Es ist im Grundsatz nicht schlecht. Doch in der Praxis funktioniert es eben nicht für alle.“ Sein einstiges Problem ist ewig bekannt, besonders bei all den Athleten, die nicht auf die Förderung durch Polizei oder Bundeswehr setzen wollen oder können. Seit 2014 ist eine Reform des deutschen Leistungssports offiziell angesagt – verkündet in Dresden bei der Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes DOSB, dem höchsten Gremium des deutschen Sports.

Was vor vier Jahren mit markigen Worten ausgerufen wurde, geriet längst ins Stocken. „Die Leistungssportreform liegt zurzeit auf Eis“, sagte Dresdens Sportbürgermeister Peter Lames in der Talkrunde des Fördervereins, „weil alle auf die neue Regierung warten.“ Auch für den Kommunalpolitiker läuft die Sportförderung nicht optimal. Da treibt das „nicht professionalisierte Verbändewesen seine Blüten“ und passt nicht zu den „hohen professionalen Anforderungen im Leistungssport“. Das würde für Lahmes erst in Übereinstimmung kommen, wenn die Verbände sich selbst an professionellen Maßstäben messen lassen würden. Seine Schlussfolgerung: „Dann gäbe es so viele Karrieremöglichkeiten wie es Individuen gibt, selbst wenn man das nicht pauschal über einen Kamm scheren kann.“

Für Silvio Schirrmeister war die Förderung an der Neubrandenburger Sportschule optimal, er bekam Unterricht und Training geregelt. Doch für den Nachwuchs-Europameister über 400 Meter Hürden fingen nach der Schulzeit die Probleme an, als sich die Förderwege in Deutschland gabelten, da „fehlte es an Unterstützung“. Er bilanziert nüchtern: „Wer unter den besten acht der Welt ist, der erhält seine Maximalförderung.“ Und immer wieder fragte er sich: „Was ist aber mit den nächsten acht, die ganz dicht dran sind?“ Schirrmeister ist dabei kein Einzelfall. Der einstige hoffnungsvolle deutsche Kader an Hürdenläufern über die Stadionrunde bröckelte inzwischen, es gab einen Dominoeffekt nach dem Schirrmeister-Aus. Der rätselt, ob sich ein Land leisten kann, „so mit Talenten umzugehen? Ist es nicht schade, um die ganze Förderung bis dahin?“

Jetzt gibt Silvio Schirrmeister auch wieder 120 Prozent, wie er meint. Allerdings als Leiter der Sparkassen-Filiale in Dresden-Bühlau. Der Olympia- und WM-Teilnehmer, der bei der Team-EM 2013 den damaligen Weltmeister David Green bezwungen hatte, möchte sich mit seinen Sport-Erfahrungen auch im Unternehmen einbringen, etwas zurückgeben. Er weiß: „Der Sport hat innere Werte. Die würde ich gerne anderen vermitteln und weiterreichen, wie sich Ziele und Träume verwirklichen lassen, wie man sich immer wieder neu motiviert. Das kann sicher Leuten helfen, die sich in einer anderen Welt bewegen. Dafür sollte es in Unternehmen Plattformen geben, wo man sich austauschen kann.“

Und er kann sich vorstellen, wie Leistungssport in Deutschland besser funktionieren könnte: „Es gibt so viele Fördertöpfe, da ist es schwer, die Übersicht zu behalten. Die Verteilung müsste besser koordiniert und zusammengeführt werden. Und man braucht als Sportler Klarheit – länger als für lediglich ein Jahr. Das ist ein Fehler im System, nur von Jahr zu Jahr seinen Status zu bekommen. Unter Planungssicherheit stelle ich mir etwas anderes vor, das betrifft ja auch die Familie.“

Die genießt Silvio Schirrmeister jetzt und den dosierten Sport beim Laufen an der Elbe oder beim Badminton. Für die Dresdner Laufszene ist er als Trainer und manchmal auch als Ratgeber unterwegs mit dem Slogan: „Euer Ziel ist auch mein Ziel.“ Er würde sich auch liebend gern eine Hürde ins Büro stellen, als Erinnerungsstück an sein einstiges Leistungssportleben. Und die könnte eine Motivationshilfe sein, wenn mal neue Hindernisse im Alltag zu nehmen sind. Die Technik dafür verlernt er so schnell nicht.