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Wohnungsfenster wird zur Corona-Bühne

Torsten Schäpan kann zurzeit nicht arbeiten. Doch das Singen will und kann der Tenor aus Dresden nicht lassen.

Tenor Torsten Schäpan singt in der Corona-Zeit für die Bewohner seines Viertels in Zschertnitz. Fast jeden Sonntag und immer eine halbe Stunde lang.
Tenor Torsten Schäpan singt in der Corona-Zeit für die Bewohner seines Viertels in Zschertnitz. Fast jeden Sonntag und immer eine halbe Stunde lang. © Jörg Nitzschner

Dresden. Zu einem gelungenen Konzert gehört die passende Kleidung. Es ist an diesem Abend ein blaues Jackett mit einem roten Einstecktuch. Der Anlass spielt eine Rolle - es ist Sonntagabend, 18 Uhr, eine gute Zeit für klassische Musik. Der Raum ist wichtig. Das ist ein ruhiger Innenhof zwischen vier gepflegten Plattenbauten in Dresden-Zschertnitz. Nur die vielen jungen Pflänzchen im Sand des verwaisten Spielplatzes sind ein Zeichen dafür, dass irgendetwas anders ist als sonst. Er darf nicht benutzt werden, steht auf einem Hinweisschild. Wegen Corona. Und das Publikum muss passen - im Parkett sind es etwa 70 Menschen, die meisten bevorzugen Stehplätze auf der großen Wiese, eine Dame hat ihren Klapphocker mitgebracht. Platz ist genug, der aktuelle Hygiene-Abstand kann problemlos eingehalten werden. Auch die Ränge, die Balkons, sind besetzt. Jeweils sechs übereinander sind es in diesem besonderen Konzertsaal ganz in der Nähe vom Vitzthum-Gymnasium. Fast alle sind besetzt, manche Gäste haben ein Glas Wein in der Hand. Sie stoßen in der Abendsonne an.

Ein Fenster im dritten Stock ist derzeit die Bühne von Torsten Schäpan.
Ein Fenster im dritten Stock ist derzeit die Bühne von Torsten Schäpan. © Jörg Nitzschner

Aus dem Haus mit der Nummer 9 ertönt Musik. Im dritten Stock steht ein Fenster offen, die Stereoanlage von Torsten Schäpan spielt ein Stück aus Beethovens Neunter. "Freude schöner Götterfunken", summen seine Zuhörer mit. Dann tritt der Tenor aus dem Profichor der Semperoper ans Fenster. Im Hintergrund ertönt eine neue Musik und Schäpan beginnt zu singen: "Panis angelicus". Der blinde italienische Tenor Andrea Bocelli singe das auch, hat Schäpan zuvor im Gespräch erklärt, heute habe er etwas lustigere Stücke für sein Hofkonzert ausgesucht.

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Es ist bereits das fünfte. Immer sonntags, genau 18 Uhr, ist Schäpan in den vergengenen fünf Wochen ans Fenster getreten und hat eine halbe Stunde lang gesungen. Für seine Nachbarn, für die Bewohner des Gevierts, aber auch für sich. "Das klingt gut hier, hier kann sich meine Stimme entfalten", sagt der Tenor und zeigt mit einem Arm im Bogen über den Hof. Das sei, wie üben und deshalb auch gut für ihn. Denn zu Hause in der Wohnung geht das nicht und die Oper samt allen Gebäuden, die dazu gehören, ist dicht.

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Die Orchestermusik für seinen Auftritt kommt aus einer Lautsprecherbox, die für die Zuhörer unsichtbar hinter Schäpan am Fenster steht. Er steht davor, singt dazu und agiert dabei wie auf einer Bühne. Die Akustik im Hof ist perfekt, niemand spricht, alle hören ergriffen zu und manchmal fließt auch eine Träne. "Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände", singt der gebürtige Berliner, der auch reichlich Erfahrung als Solist hat. Das Lied aus der Operette "Viktoria und ihr Husar" wirkt dieses Mal wirklich wie ein Abschiedslied. Es ist es auch, denn Torsten Schäpan will eine Woche Pause machen.

Nicht nur in seinem Zschertnitzer Geviert hat er zuletzt gesungen, auch in Seniorenheimen. Auf der Dachterrasse der Heinrich-Schütz-Residenz am Neumarkt zum Beispiel. Da saßen die Senioren an ihren Fenstern und haben zugehört. "Die dürfen ja zur Zeit nicht raus", erklärt Schäpan die ungewöhliche Situation seines Publikums in dem Seniorenheim.

Das ist zur Zeit der Konzertsaal von Torsten Schäpan. Eine große Wiese im Hof des Zschertnitzer Gevierts samt den Balkons der gegenüberliegenden Häuser. Sein Publikum sind seine Nachbarn.
Das ist zur Zeit der Konzertsaal von Torsten Schäpan. Eine große Wiese im Hof des Zschertnitzer Gevierts samt den Balkons der gegenüberliegenden Häuser. Sein Publikum sind seine Nachbarn. © Jörg Nitzschner

Die Zschertnitzer, die ihm an diesem Abend zuhören, kennen solche Konzerte. Auch in der Weihnachtszeit hat "ihr" Tenor schon am Fenster für sie gesungen. "Das ist ein Künstler mit Herz und Stimme", freut sich Annegret Zech, die Torsten Schäpan schon mehrmals zugehört hat. In den Treppenaufgängen hängen sogar Plakate, auf denen seine Corona-Konzerte angekündigt werden. Uta Behnisch hat einen Teil davon aufgehängt. Die 77-Jährige hat das erste Konzert am Fenster gehört. Doch dann wollte sie den Tenor, der zwei Stockwerke weiter oben wohnt, auch sehen. Seitdem steht sie zum Konzert stets auf der Wiese im Hof. Dort genießt auch Christa Wauer die Privatvorstellung. Nach jedem Stück gibt es Beifall für Torsten Schäpan. Der bedankt sich am Ende bei seinen Zuhörern, erinnert an die Maskenpflicht und lädt zum nächsten Konzert ein. Dieses Mal in zwei Wochen, am 3. Mai. 

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"Ave Maria" hat er zum Schluss gesungen. Wie bei jedem Konzert. Das rührte manche Zuhörer zu Tränen. Christa Wauer ist vor allem begeistert. "Die Großen singen für die Welt, der singt für uns", freut sich die 73-Jährige. Ganz gewiss wird sie beim nächsten Hofkonzert wieder dabei sein. Schön auf Abstand zu den Mitbewohnern, so wie es die Corona-Regeln vorschreiben. Doch mit dem Herzen ganz dicht dran an Tenor Torsten Schäpan und ihren Nachbarn. Denn dieses gemeinsame Erlebnis verbindet die Zschertnitzer. Miteinander und mit ihrem Coronahelden aus dem dritten Stock.

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