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Feuilleton

Als der Stülpner Karl in die West-Stube kam

In einer Serie erzählen Redakteure, welche Kulturerlebnisse sie geprägt haben. Heute: Wie das DDR-Fernsehen einen Jungen von drüben faszinierte.

Von Oliver Reinhard
 7 Min.
Was für ein cooler Typ: Manfred Krug 1973 als erzgebirgischer Rebell in der DDR-Fernsehserie "Stülpner Legende". Die hatte auch im Westen jede Menge Freunde unter denen, die das Ostfernsehen empfangen konnten.
Was für ein cooler Typ: Manfred Krug 1973 als erzgebirgischer Rebell in der DDR-Fernsehserie "Stülpner Legende". Die hatte auch im Westen jede Menge Freunde unter denen, die das Ostfernsehen empfangen konnten. © Deutsches Rundfunkarchiv/G. Vent

Er ist sein bestes Stück. Die Ordnungsmacht hat es ihm abgenommen. Jetzt sitzt die Ordnungsmacht direkt unter ihm im Gastraum eines Wirtshauses und speist, neben sich sein bestes Stück, den Stutzen, ein Vorderlader-Gewehr. Langsam lässt der versteckte Rebell durch die Bodenluke einen Bindfaden herab. Zentimeter für Zentimeter senkt sich die Schlinge am Faden-Ende auf den Lauf seines besten Stücks zu. Doch sein Kumpel, der direkt gegenüber der Ordnungsmacht im Gastraum sitzt, bemerkt es, blickt heimlich zu ihm auf, und schüttelt vorsichtig den Kopf: Lass es, zu gefährlich. Das sieht der Rebell ein und zieht den Faden wieder zu sich hoch. Wer weiß, was mit Karl Stülpner passiert wäre, hätte die Ordnungsmacht ihn beim Stutzen-Zurückhol-Versuch erwischt. So aber bleibt er unentdeckt. Den Vorderlader kriegt er später auch so wieder.

Der Stülpner-Stutzen war zu lang für Lego

Der Stülpner Karl. Was für ein Held. Dass er an seinem Stutzen so hing, konnte ich gut verstehen. Ein wirklich prächtiges Teil. So gut gefiel mir der Stülpner-Stutzen, dass ich beschloss, ihn nachzubauen. Mit Lego. Was einigermaßen in die Hose ging. Der Plastik-Ballermann war einfach zu lang und dadurch zu schwer und zu instabil. Immer wenn ich ihn fertig gebaut hatte und aufnehmen wollte, brach der Lego-Lauf ab. Zum Glück hatte der Stülpner Karl noch eine Stülpner-Pistole. Die war kürzer. Die hielt auch in Lego.

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Acht Jahre war ich alt, als mir der Stülpner Karl aus dem Erzgebirge begegnete. Mit ihm Manne Krug und das Ostfernsehen. Allerdings gab’s das nur bei meiner Oma im Weserbergland. Die konnte beide DDR-Sender empfangen. Bei uns in Ostwestfalen, keine fünfzig Kilometer weiter westlich, bekam man die nicht rein. Wir lebten halt im Tal der Ahnungslosen, und wir hatten doch nüscht, nur ARD und ZDF und das Dritte vom WDR.

Was für eine Entdeckung im Westen: Gojko Mitic und die Defa-"Indianerfilme". Die waren genauso gut wie die Winnetou-Abenteuer. Ganz zu schweigen von den Ost-Märchenfilmen. Und Gojko steht noch heute als "Indianer" auf Bühnen.
Was für eine Entdeckung im Westen: Gojko Mitic und die Defa-"Indianerfilme". Die waren genauso gut wie die Winnetou-Abenteuer. Ganz zu schweigen von den Ost-Märchenfilmen. Und Gojko steht noch heute als "Indianer" auf Bühnen. © dpa

Da meine Eltern sich nur alle paar Jahre Urlaub leisten konnten, verbrachte ich die meisten Ferien bei den Großeltern mütterlicherseits, Oma Mia und Opa Ewald. Dass es im Weserbergland oft regnete, war nicht schön, aber okay. Denn da gab es ja fünf statt drei TV-Programme. Inklusive Ostfernsehen. Schwarz-weiße Bilder aus der unerreichbar fernen und mir gänzlich unbekannten DDR. Bilder von „drüben“. Mit Menschen in lustig knatternden kleinen Autos, bei denen es damals aber ansonsten genauso aussah wie bei uns.

War das spannend! Was und wen ich da nicht alles so kennenlernte im Lauf der Jahre. Manne Krug. Renate Blume. Herbert Köfer. Irma Münch. Rolf Herricht. Angelica Domröse. Und natürlich Gojko Mitic. Der war genauso ein super Typ wie Manne Krug. Nur ein bisschen dunkler. Dass Gojko wie Pierre Brice als Indianer, wie man damals noch sagte, selbstverständlich rot beziehungsweise gebräunt war, musste ich logisch schlussfolgern – wir konnten uns lange auch keinen Farbfernseher leisten. Aber selbst in Grautönen waren die Defa-„Indianerfilme“ nicht minder toll als unsere Winnetou-Abenteuer. Und die Märchen erst.

Renate Blume gehörte zu den vielen schönen Ostfrauen, die ihren Weg in manche West-Geräte fanden. Vorausgesetzt, die hatten DDR-Empfang.
Renate Blume gehörte zu den vielen schönen Ostfrauen, die ihren Weg in manche West-Geräte fanden. Vorausgesetzt, die hatten DDR-Empfang. ©  AP/dpa

Besonders cool fand ich viele ausländischen Filme und Serien, die im Westfernsehen nicht liefen. „Timur und sein Trupp“ aus der Sowjetunion zum Beispiel. Oder, noch besser, „Vier Panzersoldaten und ein Hund“ aus Polen. Da ging es zwar um Krieg, aber trotzdem gab es immer wieder auch was zu lachen. Nur mein Großvater lachte nicht mit. Wenn „Panzersoldaten“ kam, ging er meistens raus und werkelte irgendwo an irgendwas. Wenn ich ihn fragte, warum er das tat, sagte er nur: „Och, ich habe gerade keine Lust auf Fernsehen.“

Erst später erfuhr ich, dass er im Krieg gegen solche Leute wie die „Panzersoldaten“ kämpfen musste und sehr viele Freunde verloren hatte und Kriegsfilme generell nicht so gut vertragen konnte. Einmal, ein einziges Mal wurde es auch meiner Oma zu viel. Ich weiß nicht mehr, in welchem Film es geschah, vielleicht bei "Paul und Paula", aber ganz sicher hat mir das Ostfernsehen den ersten Anblick nackter Brüste meines Lebens geschenkt. Leider nur ganz kurz, weil Oma Mia aufsprang, das Gerät ausschaltete und dabei schimpfte: „So‘n Ferkelkram!“ Sie war sehr streng erzogen worden und immens katholisch.

Wieso durften nicht auch Westkinder Mini-Panzer fahren?

Es gab sogar Momente, in denen ich mir wünschte, „drüben“ zu leben. Nicht wegen der Brüste. Sondern wegen der Panzer. Bei einem Bericht der Aktuellen Kamera von einer Parade in Ostberlin sah ich nämlich Jungen, ungefähr in meinem Alter, die in kleinen Panzern mitparadierten. Hammer! Das wollte ich auch! Wieso gab’s das bei uns nicht? Ich dachte, wir hätten alles! Dabei hatten wir nicht mal Kinder- und Jugendspartakiaden oder Weltfestspiele ...

Ich wurde älter, die DDR in der Glotze nicht. Jedenfalls nicht so richtig, also äußerlich. In den Achtzigern fuhren im Ostfernsehen immer noch die gleichen Autos rum. Auch die Klamotten folgten nicht der westmodischen Entwicklung, wenigstens war das so bei den älteren Menschen. Komisch. Auf einmal sahen wir doch nicht mehr genauso aus wie die von „drüben“. Und die großen alten Häuser in den Stadtzentren – konnte die nicht mal jemand anstreichen und den Putz ausbessern? Ähnlich die Politiker in den Nachrichten. Die waren ja sogar noch älter als meine Opas. Und diese Hüte! Erst recht diese bescheuerten Brillen!

"Vier Panzersoldaten und eine Hund" hieß die Serie aus Polen, die zwar vom Krieg erzählte, aber trotzdem auch lustig war.
"Vier Panzersoldaten und eine Hund" hieß die Serie aus Polen, die zwar vom Krieg erzählte, aber trotzdem auch lustig war. © DRA

Zu den lustigen Entdeckungen im Ostfernsehen gehörte ein Mann, der immer ganz schlimm auf die „BRD“ schimpfte. Der hieß Karl Eduard von Schnitzler und seine Sendung „Der schwarze Kanal“. Mir gefiel zwar inzwischen manches an unserem Land auch ganz und gar nicht. All die Raketen. All die Umweltverschmutzung. Und all die Arbeitslosen. Aber so schlecht, wie der Herr von Schnitzler es machte, lief es ja nun auch wieder nicht. Schön war es mit ihm trotzdem. Denn Opa konnte sich vor Lachen über seine Geschichten manchmal kaum noch halten. Da ich meinen Opa sehr lieb hatte, freute ich mich natürlich immer, wenn er einen Grund zum Lachen hatte. Erst später verstand ich von diesen komplizierten politischen Sachen zumindest so viel, dass ich beim „Schwarzen Kanal“ manchmal mitlachen konnte.

Bei den Puhdys in der Schützenhalle Paderborn

Doch allmählich verlor das Ostfernsehen für mich sein Alleinstellungsmerkmal. Es gab auch anderswo immer mehr DDR. Das Radio spielte Lieder von Wolf Biermann, Bettina Wegner, Silly, Stefan Krawczyk und – na von wem wohl noch, richtig: Manne Krug. Der Plattenhändler in der Innenstadt empfahl mir Scheiben von Bands wie Karat, den Puhdys oder City. „Am Fester“ lief bei ihm andauernd, bald auch bei mir zu Hause. Als die Puhdys in der Paderborner Schützenhalle auftraten, waren ich und die Kumpels hin und weg. Ungefähr in dieser Zeit gab mir meine Mutter „Kassandra“ und „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf zu lesen. Es blieb nicht dabei. Erwin Strittmatter kam hinzu, Jurek Becker und vor allem Anna Seghers, von der ich alles verschlungen habe.

Sorgten auch im Westen für viel Heiterkeit: Karl Eduard "Schnitz" von Schnitzler und sein "Schwarzer Kanal".
Sorgten auch im Westen für viel Heiterkeit: Karl Eduard "Schnitz" von Schnitzler und sein "Schwarzer Kanal". ©  [M] AP/dpa / SZ

Kurz nach meinem 24. Geburtstag fiel die Mauer. Auf einmal bestanden die Begegnungen mit Menschen aus der DDR außerhalb des Ostfernsehens nicht länger nur in den Kontakten zu den stets miesepetrigen Vopos an der Grenze, wenn ich zu Freunden nach Westberlin fuhr. Jetzt streiften wir auch durch Ostberlin und machten Ausflüge ins Umland.

Im Rückblick erscheinen mir jene Monate als die aufregendste Zeit meines Lebens. Vielleicht auch, weil ich feststellen durfte, dass nicht nur mir die DDR des Ostfernsehens in den Achtzigern zunehmend fremd vorgekommen war. Sondern dass es vielen Ostdeutschen mit der echten DDR genauso gegangen war. Dass wir überhaupt in den allermeisten Dingen wirklich nicht verschieden geworden waren und sind. Dass das Leben in der DDR so war, wie ich es seit Stülpner Karls Zeiten dank Ostfernsehen vermutet hatte - und zugleich völlig anders.​

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