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Auch beim ESC gejammert? Reinhards Wochenrückblick

Eine Woche nach der "nationalen Katastrophe" beim Song Contest ist wieder alles still geworden. Dabei war das Wehklagen doch so schön!

"Unser" Kandidat Jendrik wurde beim ESC Vorletzter - und eine Hasswelle brach über ihn herein. Nur das Gejammer vieler selbstmitleidiger Landsfrauen und -männer war lauter.
"Unser" Kandidat Jendrik wurde beim ESC Vorletzter - und eine Hasswelle brach über ihn herein. Nur das Gejammer vieler selbstmitleidiger Landsfrauen und -männer war lauter. © dpa-Zentralbild

Haben auch Sie am vergangenen Sonnabend bis in die Puppen vor dem Fernseher gehockt? Ich schon. Und mir hat dieser Eurovision Song Contest super gefallen. Obwohl meine Favoriten aus der Ukraine nicht gewonnen haben. Vor allem hat mich erfreut, dass die Ära des brimboriumesken East European Dance Trash wohl endgültig vorbei ist. Doch das Allerschönste am ESC bleibt für mich sein hoher Unterhaltungswert bei niedrigster Relevanz. Denn letztlich ist der ganze Wettbewerb ja ziemlich unwichtig, zumindest für uns Deutsche. Die meisten Sängerinnen und Sänger sind hierzulande völlig unbekannt und bleiben es danach, sogar die einheimischen. Oder erinnern Sie sich noch an Ben Dolic? An die S!sters? Levina? Sehen Sie!

Überhaupt interessieren sich von Jahr zu Jahr immer weniger Leute für die Veranstaltung. Aber sie ist nun mal der traditionsreiche Eurovision Song Contest. Und eines an ihm scheint letztlich doch sehr wichtig zu sein: dass „unsere" Sängerinnen und Sänger dabei in der Regel schlecht bis katastrophal abschneiden. Wie am Wochenende „unser“ Jendrik, der auf dem vorletzten Platz landete mit seinem so selbstbewussten wie fröhlich queeren Lied „I don't feel Hate" - Ich empfinde keinen Hass.

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Vorschlag zur Güte: Ein neuer Jammerlappen-Wettbewerb

Leider taten genau das sehr viele andere und überschütteten Jendrik mit ihrem Hass für sein maues Abschneiden. Und wieder einmal reagierten zahllose Landsfrauen und -männer wie üblich, nicht nur beim ESC - mit Wehklagen und Selbsthäme. Tenor: Das komme halt davon, wenn „wir" zu politisch korrekt sein wollten! Das liege nun mal daran, dass die anderen uns Deutsche nicht mögen würden! Und: Das passe ja hervorragend zu dieser Katastrophenrepublik! Als sei der ESC eben doch kein belangloser Träller-Wettbewerb. Sondern eine vernichtende UN-Resolution gegen Deutschland, die uns ins Abseits der Weltgemeinschaft stößt, noch hinter Weißrussland und Nordkorea.

Immerhin zeigt die Aufregung, worin wir wirklich spitze sind - im Jammern und im Selbstmitleid. Daher schlage ich vor, einen Alternativ-Wettbewerb ins Leben zu rufen: den EJWC, den European Jammerlappen-Weitwurf-Contest. Jede Wette, dass die 12-Punkte-Wertungen nur so auf Deutschland herabregnen würden. Und endlich, endlich hätten selbst die größten Klage-Maurer unter uns keinen Anlass mehr, wegen einer solchen Nebensache Hate oder Selbst-Hate zu empfinden.

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