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Der Kommissar aus "Babylon Berlin" ermittelt wieder

Es gibt wieder Arbeit für Gereon Rath. Diesmal hinter den Kulissen der Berliner Olympiade 1936, zwischen Fahnen und Konzentrationslager.

Volker Bruch brilliert in der Serie „Babylon Berlin“ als Kommissar Rath.
Volker Bruch brilliert in der Serie „Babylon Berlin“ als Kommissar Rath. © ARD/Frédéric Batier

Friedrich Thormann, im Berliner Slogan Fritze oder Fritz genannt, hat einen Traum. Er hätte gern ein Autogramm von Jesse Owens, dem schnellsten Mann der Welt. Seine Chancen darauf stehen gar nicht schlecht, denn er gehört zu den Jungs aus der Hitlerjugend, die als freiwillige Helfer bei den Olympischen Spielen arbeiten.

Sein Traum aber bringt den 16-jährigen Berliner in Schwierigkeiten. Es ist der Sommer des Jahres 1936, und Jesse Owens ist schwarz. „Ein Urwaldaffe“, höhnt einer von Fritzes Kameraden über den Leichtathleten.

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Und während Fritz noch grübelt, ob er für das Autogramm einfach ins Haus Bautzen in die Sachsenstraße gehen soll, wo Owens untergebracht ist, wird er Zeuge eines Todesfalls mitten im Olympischen Dorf: In der Kantine fällt ein Amerikaner um. Offiziell starb der Olympiafunktionär an einem Herzinfarkt. Inoffiziell wird schnell klar, dass ein Giftmord vorliegt.

So beginnt es, das achte Buch des Kölner Autors Volker Kutscher um den eigenbrötlerischen Berliner Kommissar Gereon Rath. Die Krimireihe steht Pate für die Serie „Babylon Berlin“, deren dritte Staffel dieses Jahr auf Sky und der ARD lief. Die Filmserie spielt in den letzten Jahren der Weimarer Republik. In den Büchern bewegt sich die Handlung dagegen über die Machtergreifung im Januar 1933 hinaus, bildet Reichstagsbrand, Röhm-Putsch und den Nürnberger Reichsparteitag 1935 ab.

Anderes Personal als in den Filmen

Auch das Personal ist nicht ganz deckungsgleich: Raths Geliebte Helga oder den „Armenier“ als Berliner Unterweltgröße sucht man in den Büchern vergeblich. Dafür zieht Verbrecherkönig Johann Marlow die Fäden, über alle politischen Systemgrenzen hinweg, und Raths Kollege und einstmals guter Kumpel Reinhold Gräf arbeitet an seiner Karriere bei der SS. Die Charlotte Ritter der Bücher hat keine Proletarierfamilie und nie als Prostituierte gejobbt, sondern studiert Jura, heuert zunächst bei der Polizei und dann in einem Detektivbüro an und ist Gereon Rath in einer wechselvollen und komplizierten Beziehung verbunden.

Bei einem ihrer gemeinsamen Fälle stoßen sie auf den Straßenjungen Fritz, nehmen ihn auf – und müssen ihn bald wieder einer anderen Familie überlassen, wegen politischer Unzuverlässigkeit. Vor allem Charly ist aus der Sicht der Nazi-Machthaber keine geeignete Pflegemutter.

Gereon Rath als überzeugter Unpolitischer mit konservativer Kinderstube versucht noch eine Weile, sich durch die veränderten Machtverhältnisse hindurchzumogeln. Entspannung und ein Stück Freiheit findet er vor allem in seinem Wohnzimmer, wo er bei viel Cognac den Jazzplatten lauscht, die ihm sein Bruder aus Amerika schickt.

Bei der Olympiade setzen Hitler und seine zahllosen Helfer alles daran, Deutschlands Ansehen zu heben. Da ein Mord die Inszenierung als weltoffenes Land empfindlich stören könnte, werden alle möglichen Sicherheitskräfte für die Ermittlungen im Olympischen Dorf eingeschaltet. Oberkommissar Gereon Rath findet sich in Volker Kutschers neuestem Roman unfreiwillig als Mitarbeiter der Kriminalwache auf dem Olympiagelände wieder, wo er unauffällig ermitteln soll.

Dabei stößt er dann auf den einstigen Ziehsohn und wichtigen Zeugen Fritz, zu dem er eigentlich keinen Kontakt mehr haben darf. Die Behörden vermuten, dass eine kommunistische Verschwörung hinter dem Giftmord in der Kantine steckt. Ein Verdächtiger in Form eines Kellners mit lange zurückliegender kommunistischer Vergangenheit ist rasch gefunden. Mithilfe körperlicher Gewalt soll ein schnelles Geständnis erzielt werden.

Als Rath sieht, wie der erste Nagel durch den Finger des Verdächtigen gebohrt wird, den er für unschuldig hält, verlässt er fluchtartig das berüchtigte Columbia-Haus in Kreuzberg, das bis November 1936 als Konzentrationslager genutzt wurde. Er ist voller Ekel und Wut, und nun setzt auch bei ihm ein Nachdenken ein, ob er in diesem Deutschen Reich noch leben will.

Abgründe statt Wohlfühlmomente

Es ist eine Gratwanderung, für einen unterhaltsamen Krimi eine Szenerie zu wählen, die kaum Wohlfühlmomente ermöglicht, sondern unzählige Abgründe birgt. Volker Kutscher gelingt diese Gratwanderung. Zwar wirkt die Krimihandlung in seinem achten Gereon-Rath-Roman an einigen Punkten ein wenig bemüht und konstruiert. Denn man erlebt erstaunlich viele Morde und begegnet so ziemlich allen Ganoven, die in den Bänden eins bis sieben schon einmal aufgetaucht sind, einschließlich der undurchsichtigen Sorokina, die auch dem Streaming- und Fernsehpublikum wohlbekannt ist.

Dennoch, die Schilderung des Alltags zwischen Hitler-Faszination, Aufbruchstimmung, Fahnenwäldern, Straflagern, Diskriminierung und Folterkellern ist ziemlich eindrücklich. Gelegentlich sogar komisch. Rath nimmt eine amerikanische Gastfamilie aus Pittsburgh in seiner Wohnung auf. Bald grüßt Frank Miller senior nur noch mit „Heilitlör!“, und der sonst so verdrießliche Frank Miller junior schwebt auf Wolken, als er kurzzeitig eine HJ-Uniform anziehen darf.

Und wann hätte man je Olympia in der Literatur auf diese Weise erlebt, sozusagen hinter den Kulissen, in den Katakomben dieser gewaltigen Inszenierung? So blickt man Fritz über die Schulter, wie er sich über die Silbermedaille des schwarzen Hochspringers David Albritton freut, den er bei seiner Autogrammjagd kennengelernt hat.

Fassunslos beobachtet er, dass Adolf Hitler rechtzeitig die Ehrenloge verlässt, um die afroamerikanischen Sieger des Wettbewerbs nicht empfangen zu müssen. In einer Szene giftet eine Frau Fritz im Olympiastadion an: „Du latschst mitten durchs Bild!“ Es ist die Filmemacherin Leni Riefenstahl, deren überhöhte, bombastische Bilder noch heute auf seltsame Weise das Bild der Olympiade 1936 prägen.

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Eigentlich sollte dieses Buch das letzte der Reihe sein. Aber Volker Kutscher hat angekündigt, dass es noch eine Fortsetzung geben wird. Mindestens bis 1938, bis zur Pogromnacht im November.

  • Volker Kutscher, Olympia, Piper Verlag, 540 Seiten, 24 Euro.
  • Die drei Staffeln von Babylon Berlin sind bis Ende Januar in der ARD-Mediathek zu sehen.

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