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"The Third Day" bei Sky: Bloß weg von der gruseligen Insel!

Seltsame Ereignisse in berauschenden Bildern: Am Donnerstag startet die schrecklich schöne britische Mystery-Serie „The Third Day“ mit Jude Law.

Sam (Jude Law) sieht Kinder, die zu spielen scheinen. Plötzlich hängt eins davon baumelnd mit dem Kopf in einer Schlinge.
Sam (Jude Law) sieht Kinder, die zu spielen scheinen. Plötzlich hängt eins davon baumelnd mit dem Kopf in einer Schlinge. © Sky

Von Andreas Körner

Wie eine Riesenschlange windet sich der Damm vom Festland auf die Insel Osea hinüber. Aus der Luft betrachtet, sieht man bei Ebbe rissige Haut und braune Löcher auf dem schmalen Weg. Bei Flut schimmert die Schlange silbrig unter Wasser und ist mehr Ahnung denn Gewissheit. Hier im ostenglischen Essex mündet der Blackwater River ins Meer. Nur im Takt der Gezeiten gelangt man als Besucher oder Ansässiger auf Osea Island. Will man weg von dort, könnte es knapp werden.

Nun entspringt die sechsteilige Serie „The Third Day“ sehr eindeutig der Gattung Mysterythriller mit Horroreinschlag. Es wird also vor allem ums Entkommen, nicht ums Willkommen gehen, denn auf Osea Eiland geschehen Dinge. Ungebetene Gäste ziehen dort die schlechtesten Karten, die man sich vorstellen kann. Selbst wenn sie bleiben sollen, haben sie schon verloren. Und immer ist gerade Flut, wenn sie es sich anders überlegen.

Familie und Kinder
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Tödliche Kinderspiele

Sam (Jude Law) gerät durch einen Notfall auf Osea. Er wollte, wie mithin seit zehn Jahren, unweit der Küste seines Sohnes Nathan gedenken, der im Alter von sechs einem brutalen Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Wollte ein nächstes von Nathans Kleidungsstücken in den Waldbach gleiten lassen, ein wenig weinen, sich den Song „The Dog Days Are Over“ von Florence + The Machine ins Ohr legen und dem Zorn einen Kanal offerieren. Er ist bereits auf dem Rückweg, als Sam im Dickicht einer Kuhle zwei Kinder sieht, die gemeinsam zu spielen scheinen. Plötzlich hängt das größere Mädchen baumelnd mit dem Kopf in einer Schlinge und der kleine Junge türmt.

Sam befreit Epona (Jessie Ross) fix vom Strick, setzt sie in seinen Wagen und bietet ihr an, sie heimzufahren. Wo Epona lebt? Natürlich auf Osea Island und es ist grad Ebbe. Lange dauert es nicht, bis Sam erfahren muss, dass dort so einiges in höchstem Maße verstörend ist. Mit der Insel, den Menschen, die dort wohnen, mit seiner eigenen Vergangenheit und der Zukunft sowieso. Dass daheim noch eine Frau und zwei Töchter sind und 40.000 Pfund fehlen, um die Familie aus der Bredouille zu holen, ist nur ein Fakt. Was auf Osea geschieht, ist der Wahnsinn.

Die Serie „The Third Day“ gönnt sich nach drei Episoden einen Kapitelwechsel, nach Marc Munden mit Philippa Low-

thorpe eine neue Regisseurin, nach Jude Law mit Naomie Harris eine neue zentrale Figur, nach „Sommer“ den „Winter“ als Titelgeber. Dieses Format und die Entscheidung, dem Zuschauer schon innerhalb einer Miniserie eine Art zweite Staffel anzubieten, erzeugen eine spezielle Spannungskomponente. Selbst den „Herbst“ gibt es – als zwölfstündige interaktive Performance im Internet, initiiert von den Autoren Dennis Kelly und Felix Barrett. Die zentralen Themen von „The Third Day“ sind Trauer, Verlust und Schmerz, die Grenzen zwischen Vision und Realität verwischen lassen. Hinzu kommen, very british, die Einflüsse von christlichem Fundamentalismus und keltischen Mythen auf eine karg und abgeschieden lebende Gemeinschaft. Es sind Rituale, die schon am ersten Wochenende beim Inselfest „Esus und das Meer“ beginnen und Sam in Nöte bringen. Danach hat man mit diesem Mann etwas Besonderes vor.

Trügerische Briten-Idylle

Alle Symbole, die Sam zwischen Feld und Flur auffindet, all die schrecklich-schönen Dinge, die geschehen, Menschen mit ihrem eher absonderlichen Verhalten, die er trifft, das Einsundeins, das er nicht zusammenbringt, alles wird in den ersten drei Teilen zwischen oft gesehenem übersinnlichen Budenzauber und passablem Knistern inszeniert. Nach der Hälfte wird die Handlung auffällig ruhiger, intensiver, zieht erst nach dem Offenlegen der Brücken zwischen den Kapiteln wieder an, freilich mit einer ordentlichen Portion gewalttätiger Energie.

Was durchgängig überzeugt, ist die grandiose Komposition der Bilder, denen man als Filmnarr regelrecht verfallen kann. Dabei ist völlig gleich, ob sie Osea Islands bizarre Landschaft aus allen möglichen und ein paar unmöglichen Perspektiven zeigen oder sich die Kamera in Räumen mit historischen Pubs, Hotelfoyers und -zimmern, Kirchen oder skelettartigen Türmen bewegt, mit gezielten Unschärfen verstört und dabei den Schauspielerinnen und Darstellern auflauert. Wobei die Besetzung, neben Jude Law und Naomie Harris, unter anderem noch mit Paddy Considine, Katherine Waterston und Emily Watson sowie in der zweiten Hälfte mit starken Kindern zu begeistern weiß.

Osea als nur 1,5 Quadratkilometer große Insel existiert wirklich. Der Damm als Riesenschlange hat es schon einmal ins Kino geschafft, 2012 für den nicht minder schaurigen Film „Die Frau in Schwarz“. Jetzt kann man sich an ihm sattsehen.

The Third Day“ ab Donnerstag in dt. Fassung auf Sky

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