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Christian Ulmen im Interview: „Ich schäme mich oft“

Was Christian Ulmen wirklich peinlich ist, wieso seine Serie „Jerks“ läuternde Wirkung haben kann und er keine Lust mehr auf den „Tatort“ hat.

Christan Ulmen ist seit 2017 in der Serie „Jerks“ zu sehen, in der er sich selbst als fiktiven Exmann von Collien Ulmen-Fernandes verkörpert (Start der vierten Staffel am Donnerstag beim Streamingportal Joyn Plus).
Christan Ulmen ist seit 2017 in der Serie „Jerks“ zu sehen, in der er sich selbst als fiktiven Exmann von Collien Ulmen-Fernandes verkörpert (Start der vierten Staffel am Donnerstag beim Streamingportal Joyn Plus). © dpa

Von Markus Ehrenberg

Herr Ulmen, was ist Ihnen peinlich?

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Einkaufsnacht am 1. Oktober in Dresden

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Viel. Ich schäme mich oft. Zuletzt heute Morgen. Ich war frisch geduscht zu einem Interview erschienen. Leider beginne ich immer 20 Minuten nach dem Duschen zu schwitzen. Ich hatte Angst, die Reporterin könnte denken, dass ich ihretwegen schwitze. Und neulich habe ich vergessen, Trinkgeld zu geben. Das ging mir ebenfalls lange nach.

Bei Peinlichkeiten denkt man an „Jerks“. Sie haben bei der Serie über die Freundschaft zwischen den Hauptdarstellern Christian Ulmen und Fahri Yardim nun zum vierten Mal zugeschlagen. Die Ideen, was man alles versemmeln kann, gehen Ihnen offenbar nicht aus.

2016 hat eine deutsche Produktionsfirma die Rechte am dänischen Vorbild „Klovn“ erworben. Elemente aus deren Erzählungen haben wir in der ersten Staffel fast komplett verbraten. Seit der zweiten Staffel stehen wir auf eigenen Erzählfüßen. Und solange Fahri und ich weiterhin jeden Morgen aufstehen und uns durch die Tage quälen, wird „Jerks“ weitergehen.

Die vierte Staffel "jerks" ab 26. August bei Joyn PLUS+. Mit Pheline Roggan, Fahri Yardim, Christian Ulmen, Emily Cox und Collien Ulmen-Fernandes.
Die vierte Staffel "jerks" ab 26. August bei Joyn PLUS+. Mit Pheline Roggan, Fahri Yardim, Christian Ulmen, Emily Cox und Collien Ulmen-Fernandes. © Joyn/Anatol Kotte

Das sind heftige Tage. Es geht darin um Masturbationskurse, Paartherapie, die Thematisierung von Sperma und dubiosen Sexual- oder Fäkalpraktiken. Thematisch und bildlich ist das schon auch starker Tobak.

„Jerks“ findet unter der Aufgabenstellung statt, die Geschichten zu erzählen, die man erst mal nicht erzählen würde, wenn man sich mit Freunden beim Stehempfang trifft. Die Erfahrungen, die wir mit uns allein ausmachen, für die wir uns vielleicht schämen. Und worüber wir nicht gerne sprechen, hat oft mit Intimität, Sexualität und Scheitern zu tun. Davon wollen wir erzählen. Und unsere Hoffnung ist, dass man dabei als Zuschauer denkt: Ah, ich bin ja gar nicht so allein.

Die Serie als Gesprächspartner für all die Gespräche, die man sonst nie führt.

Genau. Weil sie auf Ebenen stattfinden, die viele als Tabu empfinden. Es geht nicht um Körperausscheidungen als Pointe.

Das Schauspielerpaar Christian Ulmen und Collien Ulmen-Fernandes.
Das Schauspielerpaar Christian Ulmen und Collien Ulmen-Fernandes. © Sven Hoppe/dpa

Wenn ich drei, vier Folgen „Jerks“ am Stück schaue, bekomme ich aber schon manchmal das Gefühl: Der Ulmen ist von diesen Sex-und-Fäkalthemen besessen. Schon wieder ein nackter Hintern, wieder Menschenkot im Katzenklo oder anderswo. Ist das nicht doch – postpubertär?

(lacht) Diese Herunterbrechung unserer schönen Serie erinnert mich an den Deutschlehrer, der unseren geliebten Pop-Sender als „Dudelfunk“ bezeichnet hat, oder an meine Tante, die glaubte, Hip-Hop sei ein Synonym für Prostitution und Rauschmittel. Beides verkennt, worum es eigentlich geht. Ich finde es dünkelhaft, wenn etwas reflexartig das Urteil „postpubertär“ erfährt, nur weil Stuhlgang oder Sperma darin vorkommen. Zumal es sich hier um Randnotizen handelt. Im Kern geht es immer ums Irrlichtern und die eigene Scham.

Gibt es unterhalb der Gürtellinie Schmerzgrenzen, wo Sie nicht weiter gehen?

(überlegt länger) Ich sehe diese Gürtellinien-Grenze gar nicht. Wofür ist die da? Man kann über die Folgen einer Durchfallerkrankung genauso geistreich erzählen wie über eine Nudel im Gesicht von Loriot. Es ist nicht etwas automatisch niveaulos oder pubertär, weil es von Themen handelt, die sich eklig oder unaussprechlich anfühlen. Und es gibt auch keine Obsession damit, sondern immer nur die Frage: Welche Geschichte hast du dich bisher nicht zu erzählen getraut, weil sie dir so peinlich ist?

Von Schauspielern hört man immer dieses „Ich liebe es, in andere Welten einzutauchen, ein anderer zu sein“. Die „Christian, Fahri, Emily, Collien“, die Namen der Protagonisten in „Jerks“, sind die Namen der Schauspieler. Da erübrigt sich die nervige Frage nach biografischem Hintergrund.

Das ist natürlich gewollt, als großer Fan der Serie „Fargo“, mit dieser Tafel am Anfang: „Die geschilderten Ereignisse basieren auf der Wirklichkeit.“ Das entfaltet einen Sog, weil ich dieser Behauptung auf den Leim gehe. Schon bist du entrückt. Das ist ein Kniff, mit dem „Fargo“ seine Wirkung verstärkt. Den haben wir uns geklaut. Aber es stimmt natürlich in Teilen, dass uns das alles wirklich passiert ist. Wenngleich ein bisschen überhöht erzählt.

Sehen so glückliche Freunde aus? Fahri (l.) und Christian.
Sehen so glückliche Freunde aus? Fahri (l.) und Christian. © © Joyn/ProSieben/André Kowalsk

Wie viel von Christian Ulmen steckt in „Christian“ bei „Jerks“?

100 Prozent. Zumindest von dieser einen Facette. Ich hoffe, dass ich im echten Leben ein bisschen vielschichtiger bin als „Christian“.

Hat das auch einen kathartischen Effekt: sich etwas von der Seele zu schreiben, eine Neurose wegzuspielen, rauszulassen?

(überlegt) Manchmal, ja.

Einen Psychologen brauchen Sie nicht.

Doch, natürlich, aber nicht wegen „Jerks“.

Gucken Sie sich das mit Ihren Kindern und Ihrer Frau Collien Ulmen-Fernandes an, die ja auch in „Jerks“ mitspielt?

Nicht mit meiner neunjährigen Tochter. Mein 16-jähriger Sohn findet das in Teilen unangenehm, seinen Vater in diesen Situationen zu sehen. Meine Frau ist froh, wenn es bei uns zu Hause mal nicht um „Jerks“ geht.

Berufliches und Privates soll man ja trennen. Ist es schwierig, mit Ihrer Frau zusammenzuarbeiten, ein schmaler Grat?

Es ist der Horror. Weil man sich so gut kennt, sieht man auch immer, wenn der andere spielt. Meine Frau erkennt jeden Trick. Das ist vertrackt, kein großer Spaß. Allerdings sind Christian und Collien aus „Jerks“ ja ein getrenntes Paar. Wir tragen unsere Verklemmung beim Spiel einfach in die Staksigkeit, mit der sich geschiedene Patchwork-Eltern begegnen.

Sie fragt Sie aber nicht wie Christians Emily in der Serie, ob bei Ihnen zu Hause geheime Wünsche nicht ausgelebt werden?

Ich hoffe doch, dass sie mich das fragen würde, wäre sie da ebenso unsicher wie Emily.

Es setzt Ihnen niemand von außen ein Limit? Ich gehe davon aus, dass die Zusammenarbeit mit einem Streaminganbieter bei so einer fast experimentellen Serie leichter ist als mit einem TV-Sender.

Viele TV-Sender taten sich bei der Vorstellung schwer, weil sie im Vorfeld wegen der Improvisationen nichts kontrollieren können. Dann ist es bei Maxdome gelandet (heute Joyn, die Red.), redaktionell betreut von Pro7.

Sagen die Redakteure nicht doch manchmal: Das ist zu krass, bitte umschreiben!

Selten. Und dann machen wir’s halt in der nächsten Staffel (lacht). Unsere Redaktion kann sehr gut loslassen, sowohl in der Buchentwicklung als auch im Schnitt. Ein Riesenglück.

Die Dialoge sind wirklich zu 100% improvisiert?

Ja. Das klingt aber schwieriger, als es ist. In den Büchern steht ja drin, was die Figuren wollen. Die meisten Schauspieler sehnen sich genau danach: Verantwortung für ihre Figur zu übernehmen, nicht nur Interpret von fremden Texten zu sein. Die Figur zu kreieren.

Kein Weimarer „Tatort“ mehr mit Ulmen: Kommissarin Kira Dorn (Nora Tschirner) ermittelte seit 2012 mit Lessing (Christian Ulmen).
Kein Weimarer „Tatort“ mehr mit Ulmen: Kommissarin Kira Dorn (Nora Tschirner) ermittelte seit 2012 mit Lessing (Christian Ulmen). © Steffen Junghans/MDR/MadeFor/dpa

Bei aller heftigen Thematik – was kriegen Sie für ein Feedback aus Potsdam, von den Potsdamern?

Na ja, Potsdam-Sets finden sich jetzt nicht so selten im Kino und Fernsehen. Tarantino dreht hier. Die Potsdamer sind sehr entspannt. Beim Dreh in Fahris Serien-Haus direkt am Griebnitzsee haben wir es mit überwiegend gastfreundlicher Nachbarschaft und einem sehr unangenehmen Nachbarn zu tun.

Inwiefern?

Der fühlt sich belästigt, einfach weil wir da sind und er ein bisschen umständlicher durch die Straße fahren muss. Er sägt regelmäßig Holz, um unseren Dreh akustisch zu sabotieren, oder rast mit 80 durch die 30er-Zone, um unsere Set-Praktikanten zu erschrecken. Das Spannende ist: Er wohnt mit Blick aufs Wasser. Das müsste doch der entspannteste Mensch der Welt sein, in sich ruhen.

Die wollen ja auch keine freien Uferwege am Griebnitzsee für alle.

Stimmt auch wieder.

Apropos frei. Viele „Tatort“-Fans waren Anfang des Jahres überrascht, als der Weimarer Kommissar Lessing starb, den Sie seit 2013 spielen. War das Ihre Idee?

Ja. Der „Tatort“ brezelte mir immer rein, wenn ich „Jerks“ geschnitten oder gedreht habe. Ich konnte irgendwann auch dem vorgeschriebenen „Tatort Weimar“-Ton nicht mehr nachgehen. Daran ist auch „Jerks“ schuld, die Lust am Improvisieren. Ich ertrage es fast nicht mehr, Drehbuchtexte zu rezitieren. Es gab die Idee, gelegentlich als Geist im „Tatort“ unterwegs zu sein. Nora (Tschirner, die Red.) hatte mich dann allerdings zu sehr vermisst an ihrer Seite, was ja auch irgendwie sehr lieb ist.

Es ist sehr mutig, den „Tatort“-Job aufzugeben.

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Am Neujahrsabend hört Kommissarin Kira Dorn - endlich - auf zu plappern. Und Nora Tschirner bekommt einen ganz großen Auftritt.

Ich habe das nie so empfunden: als das Höchste dessen, was ich im Fernsehen machen könnte. Es hat großen Spaß gemacht. Jetzt freue mich über die gewonnene Zeit und auf noch mehr „Jerks“. Die vierte Staffel ist sehr düster geworden. Da muss wieder ein bisschen Licht rein.

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