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Ein Mauertoter in der "Charité"

In der dritten Staffel der ARD-Serie wird an der "Charité" Stacheldraht gezogen. Der Eiserne Vorhang zieht sich 1961 auch durch die Belegschaft.

Nach dem Krebstod ihrer Mutter hat sich die Ärztin Ella Wendt (Nina Gummich, r.) ganz der Früherkennungsforschung verschrieben. Sie hofft auf die Hilfe des berühmten Kollegen Professor Prokop (Philipp Hochmair).
Nach dem Krebstod ihrer Mutter hat sich die Ärztin Ella Wendt (Nina Gummich, r.) ganz der Früherkennungsforschung verschrieben. Sie hofft auf die Hilfe des berühmten Kollegen Professor Prokop (Philipp Hochmair). © Foto: ARD

Die Verlockung ist in ihrem Gesicht abzulesen: Auf einem Kongress in Westberlin trifft die junge Ärztin Ella Wendt (Nina Gummich) ihren Beinahe-Ex-Geliebten Kollegen Dr. Curt Bruncken (Franz Hartwig) wieder, der vor einigen Wochen nach dem Mauerbau rübergemacht hatte. Dann bekommt sie auch noch das Angebot, ihre Krebsforschungen in Westberlin weiterzuführen, mit erheblich besseren Mitteln. Doch in dem Moment, als Curt Ella bittet, bei ihm zu bleiben, verändert sich ihre Miene. Erst ins Nachdenkliche, dann ins Traurige, schließlich ins Trotzdem-Entschlossene. Sie wird durch den Eisernen Vorhang zurückgehen und an der Charité bleiben.

Das Besondere: Man versteht beide. Man kann nachvollziehen, dass Fritz gegangen ist. Und dass Ella bleibt. Dieses Besondere ist in der ARD-Erfolgsserie "Charité" Normalität. Auch in der Dritten Staffel, die am Dienstag im Ersten startet, ändert sich daran nichts. Das hat die ersten sechs Teile ausgezeichnet und noch mehr die Nachfolger, in denen es um die NS-Zeit ging und selbst mitlaufende Hauptfiguren nicht charakterlich denunziert wurden. Nun also ist, chronologisch folgerichtig, die DDR dran, in jenen Wochen, als die Mauer gebaut wurde. Als viele gingen, aber die meisten blieben.

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Tod eines Wismut-Kumpels

Es gehört zum Konzept von "Charité", die Geschichte des weltberühmten Krankenhauses in gravierenden Umbruchssituationen zu schildern. Wie es die Kaiserzeit, der Nationalsozialismus und eben der August 1961 waren. Historische Phasen, in denen die Menschen gezwungen waren, eine Haltung einzunehmen und Entscheidungen zu fällen. Auch die Klinikbelegschaft ist natürlich medizinisch gefordert und bekommt es neben alltäglichen Fällen mit einem uranverseuchten Wismut-Kumpel zu tun und einem vergifteten Landwirt - Fälle, die totgeschwiegen werden sollen. Doch ebenso bewegen die Pflegerinnen und Ärzte politische, moralische und persönliche Konflikte.

Ella Wendt, die sich nach dem Tod der Mutter dem Kampf gegen den Krebs verschrieben hat, gehört zu den fiktiven Figuren der Serie. Das gibt dem Drehbuch genug Freiheiten beim Erzählen, wie sie versucht, den anstrengenden Klinikalltag und ihre eigene ambitionierte Forschung zur Krebsfrüherkennung sowie die zwischenmenschlichen Herausforderungen unter einen Hut zu bringen. Damit hat Ella ziemlich viel zu tun. Denn sie lebt im Spannungsfeld einer Umgebung, die für die Serie - und die Zuschauer - die zentralen zeittypischen Konflikte widerspiegeln müssen.

Der Ärzteschwund trifft die Charité hart

Dafür haben sich die Autoren ein ziemlich buntes Personal einfallen lassen. Die bärbeißige Oberschwester, für die alles Drumherum zweitrangig bleibt; Hauptsache, der Laden kann weiterlaufen. Den Oberarzt, der vom Parteisekretär so lange zum SED-Eintritt gedrängt wird, bis es ihm zu viel wird und er mit seiner Familie in den Westen geht. Den Kollegen, der mit Gewissensbissen den Antrag unterschreibt und zum Lohn neuer Oberarzt wird. Und natürlich die Mauer.

Was sie bedeutet, wird unmissverständlich klar, als in der Charité ein erschossener Flüchtling eingeliefert wird. Warum sie trotzdem von viele begrüßt wurde, findet in der dritten Staffel ebenfalls seinen Platz; der Ärzteschwund durch rübermachende Kollegen trifft auch das Krankenhaus hart. Nicht irgendeine Klinik, sondern die Charité! Man muss das mit Rufzeichen schreiben, denn diese Einrichtung und ihre Bedeutung werden im Drehbuch mit einem - gelegentlich etwas arg pathetisch leuchtenden - Heiligenschein versehen.

Trotz allem in der DDR geblieben

Weniger gestalterischen Spielraum hatten die Autorinnen und Autoren beim Ausschmücken der nicht-fiktiven Rollen. Ella Wendts Chef ist der genannte Gerichtsmediziner Otto Prokop (Philipp Hochmair), ein sanft angeschnöselter Wiener, der trotz allem in Ostberlin blieb. Ebenso wie Kinderärztin Ingeborg Rapoport (Nina Kunzendorf), die als Jüdin 1938 aus Deutschland vertrieben worden war und als Kommunistin nach dem Krieg in die DDR gegangen ist. Und wie der Gynäkologe Helmut Kraatz (Uwe Ochsenknecht).

Sie alle hielten der Charité das Besteck und leisteten selbst unter den Bedingungen eines Mängelsystems Erstaunliches. Was am Ende der dritten Staffel auch ausgiebig gewürdigt wird. Überhaupt bringt das Drehbuch ein erstaunliches Maß an Empathie und Fairness auf für sein Personal, für deren Reflektionen und Reaktionen auf die Ereignisse rund um den Mauerbau. Umso interessanter, dass im Autorenteam kein einziger gebürtiger Ostdeutscher saß.

Hohe Frauenquote im Team

Mag sein, dass der sensible und einfühlsame Umgang mit dem Thema eher der hohen Frauenquote zu verdanken ist. Für das Konzept des Sechsteilers waren Sabine Thor-Wiedemann, Christine Otto und Jakob Hein mitverantwortlich. Die Redaktionspartner beim MDR heißen Jana Brandt und Johanna Kraus. Und über allem lag die führende Hand von Regisseurin Christine Hartmann. Nicht zu vergessen die zentrale Erzählperspektive von Ella Wendt, ein wirkliches Erlebnis dank der Kunst von Nina Gommich, die sich gerade zu einer schillernden Größe der deutschen Jung-Schauspielerszene emporarbeitet.

Natürlich macht "Charité" weiterhin auch Konzessionen an den Massengeschmack und zeigt eine Traumvorstellung von aufopferungsvollen Medizinerinnen und Medizinern mit 16-Stunden-Tagen, jeder Menge Idealismus und vor allem sehr viel Zeit für ihre Patienten. Um den Weichspüler-Preis, dass die Hauptfiguren völlig entpolitisiert wurden. Dass dabei trotzdem bestens gemachte Fernsehunterhaltung mit Mehrwert herauskommt, in famosen Bauten und perfekter Ausstattung, überzeugend bebildert, souverän erzählt und fast ausschließlich großartig gespielt - man muss es so sagen: Auch das gehört inzwischen zur Normalität im Bereich der großen ARD-Historienerzählungen.

Sendetermine: ab 12. Januar jeweils dienstags um 20.15 Uhr. Alle Folgen sind auch in der ARD-Mediathek abrufbar.

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