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Der neue TV-Kommissar hat immer Angst

Bjarne Mädel spielte genial den „Tatortreiniger“. Jetzt gibt er einen Ermittler, dessen Körper mit ihm Schlitten fährt.

Was Sörensen (Bjarne Mädel) nicht weiß: Die Waffe ist nicht geladen, später schon, wenn sie einen Täter und dann ihren Besitzer richtet.
Was Sörensen (Bjarne Mädel) nicht weiß: Die Waffe ist nicht geladen, später schon, wenn sie einen Täter und dann ihren Besitzer richtet. © NDR Presse und Information

Der deutsche TV-Krimi bekommt ein neues Unikum. An diesem Mittwoch ermittelt erstmals Kommissar Sörensen. Der lässt sich nicht nur aus Hamburg in die friesische Provinz versetzen, weil ihm Großstadt-Mord und -Stress zusetzen. Er hat Angststörungen und extreme Panikattacken – wobei es ja schon viele Kommissare mit Handicaps gibt. Das Besondere an ihm ist sein Darsteller: Bjarne Mädel.

Der 52-jährige norddeutsche Schauspieler hat seit jeher ein Faible für kleine tragikomische und gleichsam würdevolle Charaktere. So schätzen Zuschauer wie Kritiker etwa seine preisgekrönten Figuren wie den in der Serie „Stromberg“ untergebutterten Versicherungskaufmann Erni, seinen dorftrottligen Polizisten in „Mord mit Aussicht“ und vor allem den kultigen, Blut und Leichenreste beseitigenden „Tatortreiniger“. Nun ist Mädel selbst Kommissar.

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Alles andere als lau

Den Sörensen kennt er aus dem Effeff, weil ihm Autor Sven Stricker das Hörspiel „Sörensen hat Angst“ 2014 auf den Leib geschrieben hatte. Das war so erfolgreich, dass daraus ein Roman und ein Drehbuch wurden. Und als die Frage stand, wer die Filmregie führt, da schlug der Schauspieler zu. „Als ich hörte, wer es machen sollte, sagte ich mir, dann mache ich es lieber selbst“, sagt Mädel über sein Debüt. Würden doch andere offenbar regietalentierte Mimen auch so beherzt sein. Manch mauer Abend bliebe dem Zuschauer erspart.

Der Film „Sörensen hat Angst“ jedenfalls ist alles andere als lau. Atmosphärisch klingen die Nordic-Noir-Krimis um Kommissar Wallander an. Das weite Land, die grauen Wolken, kahle Zimmer, 80er-Jahre-Architektur, tickende Uhren, schwitzende Hände, matschige Bauernhöfe – und natürlich ist hinterm Deich auch kein Wasser.

Neu und fremd in Katenbüll: Sörensen (Bjarne Mädel).
Neu und fremd in Katenbüll: Sörensen (Bjarne Mädel). © NDR Presse und Information

Der Neunzigminüter beginnt mit Leichtigkeit und Humor, doch irgendwann übernimmt das Grausame in dem vermeintlich friedlichen Kaff Katenbüll die Geschichte, macht es düster und verdrängt so die Komik und auch die Angst bei Sörensen. Es geht um Kindesmissbrauch. Darin verwickelt sind unter anderem ein dauerbetrunkener einstiger Kurdirektor und der Boss der Großfleischerei „Fleischeslust“ – gespielt von einem sich bis zur Selbstvergessenheit bloßlegenden Matthias Brandt und von Peter Kurth als ebenso großartig Tier wie Mensch verachtenden Boss. Ein silberner Knochen ist dessen einzige Bürozierde. Gleichsam erschütternd, wie die Mütter ihre Kinder vor dem Missbrauch durch die Gatten nicht beschützt, sondern alles nur verdrängt haben.

Die Erzählgeschwindigkeit ist eher langsam, aber nicht behäbig. Angetrieben wird das Spiel von trockenem Humor, lakonischen Sprüchen und verbalen Duellen. Nur Typen, ob die Guten, ob die Bösen oder die dazwischen, treten auf. Gefühlt hat jeder sein Päckchen dabei. Jedes Wort sitzt – ebenso das Ungesagte. Auch ganz wunderbar: Vermeintliche Krimistandard-Situationen wie Verhöre oder gezückte Waffen haben eben nicht die immer gleichen Abläufe und immer gleichen Worthülsen. Sogar die Hinrichtung eines Hauptverdächtigen ist originell choreografiert.

Wenn sich die Wahrnehmung verschiebt

Ebenso interessant und gelungen ist die Umsetzung der Angststörungen des Kommissars. Optisch geschieht das dezent, dafür akustisch umso intensiver, wenn das Klacken der Uhrzeiger oder die Stimme des Nachrichtensprechers immer dominanter werden, weil sich die Wahrnehmung verschiebt. Spät erst wird klar, dass Sörensen Frau und Tochter wegen seiner Krankheit verloren hat. Die hat ihn seit Kindesbeinen begleitet, wegen ihr wurde er Polizist, ohne ihrer Herr zu werden. „Der Körper fährt mit dir Schlitten“, sagt er.

Wie es nach dem Debüt in Katenbüll weitergeht? „Wo die Angst ist, da geht es lang“, sagt der Kommissar am Ende des Films. „Da kann ich ja hier anfangen.“ Gut so, denn der zweite „Sörensen“-Roman ist draußen, ein dritter folgt in diesem Jahr. Genug Stoff also, ohnehin genug Potenzial bei dem Bjarne-Mädel-Team, um die Geschichte weiterzuerzählen.

„Sörensen hat Angst“, Mittwoch, 20.45 Uhr, ARD. Vorab ist der Film in der ARD-Mediathek abrufbar.

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