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Der „Tatort“ aus Köln: Am Ende gewinnt die Straße

Hinschauen tut weh, wenn Ballauf und Schenk im Kölner Obdachlosenmilieu ermitteln.

Monika Keller (Rike Eckermann, l) hilft Ella Jung (Ricarda Seifried), die gerade erst lernt, sich auf der Straße durchzuschlagen. Foto: WDR
Monika Keller (Rike Eckermann, l) hilft Ella Jung (Ricarda Seifried), die gerade erst lernt, sich auf der Straße durchzuschlagen. Foto: WDR © WDR

Das Kölner „Tatort“-Team liefert erneut einen fein inszenierten Krimi mit mehreren Verdächtigen und diversen Handlungssträngen, mit zwingender Kameraführung und überzeugenden Akteurinnen. Ballauf und Schenk ermitteln im Obdachlosenmilieu, wo vergewaltigt, geklaut und gelogen wird, wo die Guten nicht immer nur gut sind. Ganz so wie im Rest der Gesellschaft. Die beiden alten Hasen haben sich an Jüttes gemächliche Tour gewöhnt. Umso überraschter sind sie, wenn er ihnen Kontra gibt. Doch der so zielstrebigen wie schlagfertigen Kriminaltechnikerin Natalie, frech und mit einem Hauch Ironie gespielt von Tinka Fürst, können die Herren noch lange nicht Paroli bieten.

Die Bedrohung kriecht aus jeder Ritze

Das Mordkommissions-Gefrotzel fangen Regisseurin Nina Wolfrum, Drehbuchautor Jürgen Werner und Kamerafrau Katharina Dießner genauso treffsicher ein wie das Milieu draußen an Dom, Bahnhof und Kiosk, unter Brücken, in den Wohnungen der einfachen Leute und im Büro der Obdachlosenhilfe „em Kabäus’chen“. Die engagierte und bodenständige Regine Weigand (Hildegard Schroedter) kennt ihre Obdachlosen, weiß auch, dass eine junge Frau neu auf der Straße ist. Ella (Ricarda Seifried) hielt es nicht mehr aus mit ihrem Mann. Diesmal schlug sie heftig zurück. Völlig panisch ist sie geflohen.

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Ballauf und Schenk ermitteln auf der Straße. Foto: WDR/Martin Valentin Menke
Ballauf und Schenk ermitteln auf der Straße. Foto: WDR/Martin Valentin Menke © WDR/Martin Valentin Menke

Diese Szenen sind wie beiläufig in den Vorspann des Films gebettet. Ein brutaler Auftakt. Die obdachlose Moni (Rike Eckermann) hilft Ella in den ersten Tagen auf der Straße und wird eines Nachts in ihrem Schlafsack angezündet. Ella versteckt sich bei Alex, dem Tellerwäscher. Sie denkt, sie hält es noch mal aus, obwohl die Bedrohung aus jeder Ritze kriecht. Und dann ist da noch Katja Fischer (Jana Julia Roth), die wie Moni von einem Obdachlosen vergewaltigt wurde, ihn aber nicht anzeigt und deshalb mit Moni Streit hatte. Frau Fischer hat Schulden und bekommt trotz festem Job als Pflegerin keine Wohnung. „Wie du dich auch anstrengst: Am Ende gewinnt immer die Straße“, sagt Frau Weigand, die den Obdachlosen auch mal die Wäsche wäscht. Sie weiß, wovon sie redet: 180 Euro im Monat mehr Miete und Strom, das ist zu viel für sie, die ganztags arbeitet, aber nur halbtags bezahlt wird.

Am Ende sitzt Ella im Bus, fährt raus aus Köln, rein in ein neues Leben: „Ich habe keinen Mann, keine Wohnung, keinen Job. Aber ich bin hier, wie alle anderen auch“, sagt sie. Die Kamera fängt Gesichter von der Straße ein. Hinschauen!

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