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Deutsche gegen Tschechen gegen Deutsche

Ein Unrecht kommt selten allein: Die TV-Doku „Odsun“ beleuchtet Geschichte und Vorgeschichte der Vertreibung aus dem Sudetengebiet.

Allmählich verblasst das Revanche-Denken: Auch in Tschechien wird die Vertreibung der Sudetendeutschen – hier eine Gruppe von ihnen auf einer Zwischenstation im Mai 1945 in Prag – immer öfter als ein Unrecht betrachtet.
Allmählich verblasst das Revanche-Denken: Auch in Tschechien wird die Vertreibung der Sudetendeutschen – hier eine Gruppe von ihnen auf einer Zwischenstation im Mai 1945 in Prag – immer öfter als ein Unrecht betrachtet. © Looks Film/CTK Photobank

Eine Hochfläche im Erzgebirge mit Blick ins Unendliche. Im Grün ein paar wie hingewürfelte Ruinen, daneben ein Bach, eine Brücke, ein Grenzpfahl. Und auf dem Steg ein knappes Dutzend lächelnder Menschen. „Das Erlebnis einer glücklichen Grenze“, kommentiert Petr Miksicek das Bild. Der Kulturwissenschaftler und seine Begleiter gehören zur Initiative Antikomplex, die seit 20 Jahren zu einem Umdenken in der tschechischen Gesellschaft beitragen möchte. Auch und gerade über die wechselvolle Geschichte der Deutschen und Tschechen hier oben, im ehemaligen Sudetengebiet. Zahllose Lost Places wie Königsmühle haben sie bereits erschlossen, verlassene Orte der ehemaligen deutschen Bevölkerung. Sie bewahren Ruinen vor dem endgültigen Verschwinden, arbeiten deren Geschichte auf, informieren darüber. Obendrein veranstaltet Antikomplex einmal im Jahr zwischen den Mauerresten ein deutsch-tschechisches Kulturfestival. „Das ist nicht einfach“, sagt Miksicek. „Wir müssen jedes Jahr um unsere Projekte kämpfen.“

Die Erinnerung an das, was 1945 geschah, ist für die Heimatvertriebenen anhaltend schmerzhaft. Die Erinnerung an die Vorgeschichte bleibt ein Dorn in der Seele vieler Tschechen. Die zweiteilige Dokumentation „Vertreibung – Odsun. Das Sudetenland“ von Matthias Schmidt und Vít Polácek zeigt als Koproduktion der Leipziger Looks-Film, von MDR, Ceská televize und ORF: Nur der erweiterte, der grenz- und zeitübergreifende Blick kann Vergangenheit klären und erklären, eine Vergangenheit, die bis in die heutige Europapolitik nachwirkt.

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Wie also ließe sich das Damals von heute aus beurteilen? Natürlich liefert die Dokumentation dazu eine Antwort, jedoch ohne sie mit erhobenem Zeigefinger auszubuchstabieren. Man muss, man darf sie für sich selbst formulieren. Was es dazu braucht, dafür bietet „Odsun“ ausführliches historisches Filmmaterial samt sorgsam recherchierten Hintergründen an. Noch eindrücklicher und hilfreicher: die vielen Interviews mit Tschechen und Deutschen, die Krieg und Vertreibung als Kinder erlebt haben.

Besonders bemerkenswert an diesem Zweiteiler ist der Rückblick in jene Zeit, der heute kaum noch Aufmerksamkeit geschenkt wird. Herkömmliche TV-Reflektionen beschränken sich dabei meist auf die Vorgeschichte der Vertreibung seit der nationalsozialistischen Annexion zunächst des Sudetenlandes und dann der „Rest-Tschechei“ 1938 samt Unterdrückung, Terror, Massenmord. „Odsun“ geht weiter zurück, bis zur Auflösung der österreich-ungarischen Hegemonialmacht und Gründung der Tschechischen Republik nach dem Ersten Weltkrieg. In eine Blütezeit, die vom weitgehend friedlichen Zusammenleben von Deutschen und Tschechen gekennzeichnet war sowie einem ökonomischen Aufstieg, der den jungen Staat in den Nachkriegsjahren besser dastehen ließ als Österreich und Deutschland.

Erkenntnisprozesse und Debatten

Doch in der Wirtschaftskrise spitzen sich die Konflikte zu, wurden die Sudetendeutschen zunehmend benachteiligt. Das verstärkte ihre ohnehin nie verschwundene Orientierung nach Deutschland und ließ sie sich schließlich großteils zum Nationalsozialismus bekennen und zu Separationsbestrebungen, die Hitler gezielt förderte und bestärkte. Als die provozierte „Sudentenkrise“ schließlich in offene Kriegsvorbereitungen mündeten, gaben Europas Großmächte Hitler im Münchner Abkommen 1938 faktisch freie Hand. Mit katastrophalen Folgen: Nun glaubte Hitler, der Westen würde ihm letztlich alles durchgehen lassen. „Die Tschechen wurden von all ihren Verbündeten im Stich gelassen“, sagt Filmemacher Matthias Schmidt. „Das wird oftmals bis heute als Verrat empfunden und führt dazu, dass viele Menschen in Tschechien das Handeln der EU und von Deutschland als Bevormundung empfinden.“

Überhaupt habe das Thema in Tschechien eine ungleich größere Brisanz als hierzulande. Wie langwierig und schwergängig die Erkenntnisprozesse und Debatten sind, bis man sich seiner eigenen historischen (Mit-) Verantwortung wirklich offen stellen kann; die deutsche Geschichte nach 1945 zeigt es nachdrücklich. Nicht zuletzt Vertriebenenverbände pflegten lange Zeit einen mehr oder weniger offenen Revanchismus, mit bestärkenden Echos aus der Politik. In der DDR hingegen wurde die Erinnerung an die Vertreibung der Sudetendeutschen praktisch unterdrückt. „Und gerade ältere Tschechen, aber nicht nur sie, sehen sich nach wie vor allein als Opfer, was sie ja zunächst auch zweifellos waren“, so Matthias Schmidt.

„Odsun“ macht die Schwierigkeiten nachvollziehbar, die viele unserer südlichen Nachbarn mit dem offenen Blick weniger auf die Zeit bis Kriegsende haben als auf die Vergangenheit der Jahre 1945 und 1946. Auf Vertreibung und Unterdrückung der Sudetendeutschen inklusive Todesmärsche und Zwangsarbeit, auch für Kinder. Auf Massaker wie den „Blutsonntag“ von Aussig. Aber aus den Erinnerungen der befragten deutschen Zeitzeugen spricht nur der Schmerz, kein Revanchegefühl und schon gar nicht Hass. Bei den Tschechen ist es ebenso.

Im tschechischen Erzgebirge, überall auf dem Land tut man sich vielfach schwer mit dem Annehmen der Erkenntnis, dass die Vergangenheit zweischneidig ist. In den Städten ändert sich das mittlerweile; ein Phänomen, das sich fast überall auf der Welt beobachten lässt, wenn es um kritisch-historische Selbstreflektionen geht. Aber auch die Stadt-Land-Grenzen bleiben fließend, gerade bei derart emotional behafteten Themen wie Unterdrückung und Vertreibung, wenn Traumata die Entscheidungen mitbestimmen, welche Seite der Geschichte man lieber ausleuchtet und welche man unterbelichtet. Und wenn der alte Schmerz immer wieder zu neuen Schuldzuweisungen führt. Das lässt sich, schildert Matthias Schmidt, auch beobachten in den Debatten auf der Webseite von Ceská televize, seit „Odsun“ dort vor vier Wochen seine TV-Premiere hatte.

„Wir müssen stärker sein als die Stimmen aus den Gräbern“, sagt Petr Miksicek von der Antikomplex-Initiative, die an der „glücklichen Grenze“ im Erzgebirge die Erinnerung an Königsmühle wachhält. Seine zentrale Frage steht wie ein unsichtbares Leitmotiv über der Dokumentation von Matthias Schmidt und Vit Polácek: Darf man ein Unrecht durch ein anderes ersetzen? Es ist eine rhetorische Frage.

„Vertreibung – Odsun. Das Sudetenland“: 17.11., 22.40 Uhr (Arte), 24.11., 0.15 Uhr (Das Erste), 24.11. und 1.12., 22.10 Uhr (MDR) sowie in der ADR-Mediathek.

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