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Eine Komödie gegen den Trübsinn dieser Tage

Mit „Die Wespe“ gibt es bei Sky den ersten deutschen Dart-Film.

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Die großen Momente sind lange vorbei, doch Eddie Frotzke (Florian Lukas) kann es noch.
Die großen Momente sind lange vorbei, doch Eddie Frotzke (Florian Lukas) kann es noch. © Gaumont

Von Andreas Körner

Kürzlich gewann er in Paderborn ein Turnier. Stark wäre, Eddie Frotzke könnte auch bei den „Wuppertal Open“ siegen, den „Köpenick Masters“ oder irgendwann in Neuruppin. Dann gäbe es wieder einen Satz Winterreifen, einen Toaster oder Tankgutschein, vielleicht eine Wokpfanne oder gar, wenn es sehr hoch kommt, 500 Euro.

Die wirklich großen Momente des Dart-Spielers Eddie F. sind passé. 1997 und 1999 war der Vollprofi deutscher Meister und Seriensieger. Pokale säumen als güldene Zeugen die Garagenregale. Er war „Die Wespe“, hoch geschätzt von Konkurrenten und im Leben auf etwas größerem Fuß unterwegs. Und jetzt? „Jeder hat mal ein schlechtes Jahrtausend!“, sagt Eddie. Er trifft damit ganz sicher nicht die Scheibe, dafür aber den Ton des ersten Dart-Films in und aus diesen Breiten. Es ist eine Komödie.

Einst traf er ganz lässig das Bullseye

Was vom Ruhm geblieben ist, passt in die Region über dem Gummizug seiner Jogginghose. Eddie Frotzke (Florian Lukas) hat sich einen zünftigen Bierhügel zugelegt, qualmt schon früh am Morgen das erste Dutzend weg, zusammen mit einer Art Ziehsohn, der auf den Namen Kevin hört (Leonard Scheicher), foppt er für ein paar Scheine ein paar Großmäuler in der Kneipe. Ansonsten hat Eddie nur noch seine angetraute Manu (Lisa Wagner) bei Laune zu halten, was insofern von der Tatsache erschwert wird, dass auch sie sich dereinst mit Triple 20, Double 6, Pfeil und Bullseye bestens auskannte. Heute macht Manu in Sonnenstudio, bis sich wer verbrennt. Knapp gesagt, es gärt im Neubaublock.

Das famose Personal von Hermine Huntgeburths vergnüglich an- und sich locker wegzuschauender Staffel von „Die Wespe“ wird komplettiert durch keinen Ritter, sondern eine wirklich traurige Gestalt: Nobbe (Ulrich Noethen) ist als Alkoholiker längst kein Anonymer mehr. Über Karrieren spricht er ausschließlich in der Vergangenheitsform, er trägt schwer an einer putzigen Goldkette am Hals und noch schwerer am Tod seines geliebten Hundes. Doch alsbald kann sich Nobbe für einige lebensrettende Maßnahmen seines alten Kumpels Eddie revanchieren. Im Wohnsitz Schreberlaube ist Platz für zwei. Nur dass Eddie noch einmal durchstarten will, treibt Nobbe den Angstschweiß auf die hohe Stirn. Er soll ihn trainieren.

Die erste Hose mit Reißverschluss

Eddie muss auch privat angreifen, denn Manu verfolgt mit Kevin Pläne. Aus dem familiären Vertrauensmann wird für sie ein aufpolierter Liebhaber und für Eddie ein bissfester Konkurrent. Die Rangeleien eskalieren in einem westernähnlichen Duell der beiden, in dessen Folge Eddies echtes rechtes Auge zum falschen Bullseye wird, samt einer Androhung von lebenslangem Spielverbot oder 10.000 Euro Strafe. Da sind wir noch nicht einmal in der Hälfte von „Die Wespe“ angelangt.

Eddie Frotzke muss jetzt arbeiten. Er wird Vertreter für „Reste und Retouren“ bei Mucki, der gleichsam im Dart-Universum unterwegs ist. Eddie presst sich dafür in Anzüge, macht bei Hausfrauen Hausbesuche mit Saugern und nutzt die neue Eleganz für eher jämmerliche Neuanwerbungsversuche bei Manu. Die kontert klar: „Glaubst du ernsthaft, ich komme zu dir zurück, nur weil du zum ersten Mal im Leben eine Hose mit Reißverschluss trägst?“ Touché! Ach nein, das war ja Fechten!

Der Schwung vom Lindenberg-Film

Hermine Huntgeburth hatte wohl diebischen Spaß am Inszenieren des Drehbuchs von Jan Berger, das Team vor der Kamera nicht minder. Launiges Treiben in gemäßigtem Tempo trifft auf restriktive Überzeichnung speziell der Handlungszeit, die dem Heute eine fast schon dreiste Achtzigernote abringt. Es beginnt bei den Autos samt Kassettenklang (Maffays Schnulzling „Und es war Sommer“ – biubiubiuu), setzt sich in der herrlich unmöglichen Kleidung der Figuren fort und endet nicht beim architektonischen Blick auf Berlin, der seinesgleichen sucht im deutschen Film der letzten Jahre. Es scheint, als hätte Hermine Huntgeburth den Schwung ihres letzten Kinoerfolgs eingesackt, der da hieß „Lindenberg! Mach dein Ding“.

Hier in „Die Wespe“ dürfen gern ein paar lakonische Gags in die Schluffibuxe gehen, darf einem das Fremdschämen bekannt vorkommen, ist das Glasauge nicht immer wachsam für Hänger. Dennoch sind diese (ersten) sechs Episoden bestens geeignet, dem Trübsinn dieser Tage ein temporäres Ende zu bereiten, großes Herz für Verlierer und Randgruppen vorausgesetzt.Dass Dart längst über den Status als Volkssport hinaus ein Eigenleben entwickelt hat und besonders in Fernsehübertragungen aus Großbritannien diese seltsam anmutende Melange aus Gaudi und Genuss offeriert, gipfelt in „Die Wespe“ im Erscheinen des Kultmoderators Elmar Paulke. Er hat Eddie Frotzkes Comeback zu kommentieren. Wird der Einäugige etwa König?

  • Sechs Folgen á 30 Minuten streambar bei Sky.