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Feuilleton

Gundermann in der ARD: Der singende Baggerfahrer

Warum ein Spielfilm über den singenden Baggerfahrer Gundermann aus der Lausitz Westdeutsche genauso begeistert wie Ostdeutsche.

Alexander Scheer rückt seiner Filmfigur Gundermann auf den Leib, in die Stimme und unter die Haut.
Alexander Scheer rückt seiner Filmfigur Gundermann auf den Leib, in die Stimme und unter die Haut. © Pandorafilm

Du bist in mein Herz gefallen wie in ein verlassenes Haus – auf so eine Liebeserklärung an seine kleine Tochter muss man erstmal kommen! Doch in dieser ersten Zeile von Gerhard „Gundi“ Gundermann über seine „Linda“ steckt noch mehr als Herzenspoesie: Sie umschreibt obendrein recht griffig, was mit Andreas Dresens Film über den singenden Baggerfahrer aus der Lausitz seit Kinostart im August 2018 geschehen ist und weiter geschieht. Über 330 000 Menschen sahen „Gundermann“ bereits (Stand November 2018). Ziemlich beachtlich für die Geschichte eines Menschen mit DDR-Vita, der seit 20 Jahren tot ist, den jüngere Ostdeutsche allenfalls von den Eltern kennen und Westdeutsche zumeist gar nicht. Wobei sich Letzteres inzwischen ein wenig geändert hat. Denn, und dies ist das eigentlich Besondere an der Geschichte von „Gundermann“: Über ein Viertel der Besucher sind „Wessis“.

Ob der Film im Osten gut ankommen würde, diese Frage hat sich nie wirklich gestellt. Schließlich bündelten „Gundi“ und seine Lieder vor allem nach der Wiedervereinigung das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Er war ein Unangepasster, ein Querkopf, zugleich hochtalentiert und hochemotional, feige und mutig, verräterisch und wahrheitsfanatisch, ein Anti-Star mit Fleischerhemd, Kassenbrille, Zauselzopf. Wie so viele sang er viel über die Liebe und viel über den Tod. Aber eben auch über die schattigen Nachwehen der „Wende“, über sterbende Reviere, Arbeits-, Rat- und Hilflosigkeit, über Armut und Ausbeutung. Und über Menschen, die den Boden unter den Füßen verloren und nicht mehr wiederfanden.

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Gundermann ist der Anti-Star im Fleischerhemd

Wie lebendig Gundermann in den Herzen seiner Fans geblieben ist, spiegelte sich in „Gunderman“-Vorstellungen auf ergriffenen Gesichtern und in schimmernden Augenwinkeln. Bei der Premiere am Dresdner Elbufer konnte selbst die eigens aus der Crew zusammengestellte Band mit Andreas Dresen, Hauptdarsteller Alexander Scheer und Axel Prahl die Schluchzer im Publikum nicht übertönen.

Aber im Westen? Wo man seine eigenen Liedermacher hatte und mit ihnen gemeinsam für Frieden und Umweltschutz sang, aber zum Lebensgefühl der Postwende-Ostdeutschen samt Gundermann-Songs meist kaum einen Zugang fand? Wo die Produzenten vor ihrer Zusage lange überlegt hatten: Macht sich ein kleiner Film über einen toten ostdeutschen Barden bundesweit überhaupt bezahlt?

Waren von Passau bis Flensburg viele Filmpräsentationen ebenfalls ausverkauft. Nicht nur dann, wenn Dresen oder Scheer oder beide anwesend waren. Verlassen ebenfalls Besucher das Kino im Gefühl, etwas Ungewöhnliches gesehen und bislang völlig Unbekanntes erfahren zu haben. Denken viele jetzt über „Gundermann“, was Gundermann einst über Linda dachte: „Hast die Tür und Fenster weit aufgerissen, das Licht kann rein und raus.“

Nun ist es ja nicht so, dass Filme über die DDR in Westdeutschland ignoriert würden. Das Fluchtdrama „Ballon“ etwa hat über eine Million Zuschauer angezogen. Doch liefert die DDR dort wie in den meisten „DDR-Dramen“ lediglich die Hintergrundfolie für eine Thriller-Handlung, beschränkt sich das Gesellschaftsgefühl der Protagonisten auf Bedrohung, aufs Rauswollen. Oder auf die absurden Seiten ihres Alltags, in Komödien wie „Sonnenallee“ oder „Good Bye Lenin“, mit denen man die DDR so schön weglachen kann. Nun aber, ausgerechnet, der kleine „Gundermann“!

Es gibt kein eindeutiges Gut und Böse

Doch sind es offenbar gerade seine leisen Töne, die ihn so anders und auch im Westen so erfolgreich machen. Die mal weichen, mal pritschenharten Klänge eines Lebens und eines Landes, auf dessen Partitur überquellende Herzen für die Mitmenschen genauso ihren Platz hatten wie Spitzeldienste für die Stasi.

„Hier im Süden ist das Bild vom Osten ziemlich einseitig und eher negativ geprägt“, sagt etwa die Münchnerin Sonja Panthöfer. Der Film hingegen illustriere, wie vielschichtig die Realität gewesen sei, eben anhand von Gundermann. „Dresen zeigt jemanden mit inneren Widersprüchen und traut sich, diese Widersprüche stehen zu lassen, sie auszuhalten. Es gibt kein eindeutiges Gut und Böse. Deshalb denke ich, dass der Film ein sehr authentisches DDR-Bild vermittelt.“

„Vielleicht lässt sich kaum besser als in ,Gundermann’ zeigen, was es bedeuten konnte, in der DDR zu leben“, glaubt der Bonner Sebastian Wirth. „Zumal Dresen ja weder verklärt noch dämonisiert. Das merkt man sogar als Wessi. Er zeigt die Grautöne. Das ist selten.“

Andere wie Steffi Unsleber waren „von all den Stasi-Filmen gelangweilt“ und deshalb neugierig auf „Gundermann“. 1987 in Schweinfurt geboren, wusste sie wie so viele Westdeutsche ihrer Generation wenig über den Alltag in der DDR. „Vor allem die Popkultur, mit der viele Ostdeutsche aufgewachsen sind, ist mir ziemlich fremd“, so die Wahlberlinerin. Das hat der Film in Unslebers Fall ein wenig ändern können. „Die zwiespältige Figur Gundermanns, die Wucht seiner Musik, aber auch die Arbeiter-Ästhetik, die ganz anders ist als die im Westen ... Ich glaube, ,Gundermann‘ kann ein bisschen dabei helfen, die kulturelle Geschichte Ostdeutschlands ein bisschen besser kennenzulernen.“

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Noch mehr Hoffnung hegt Lutz Bülow aus Nürnberg: „Ich hatte im Kinosaal den Eindruck: Über diese Hauptfigur können sich wirklich mal Ost und West begegnen.“ Und womöglich auf den gleichen Erkenntniskern stoßen, den „Gundermann“ – so, wie Andreas Dresen von ihm erzählt – nicht versteckt, sondern herausschält: Menschen wie er passen sich mal an, mal ecken sie an. Hier treffen sie goldrichtige Entscheidungen, dort grundfalsche. Es gibt sie immer und überall. Nicht nur im Osten, in den Gerhard Gundermann hingeboren wurde, seine Richtung fand, sie immer wieder verlor und sein Vertrauen in Kinder setzte wie Linda: „Vielleicht kannst du mein Lotse sein ...“ Noch so eine Songzeile, die prima auf „Gundermann“ passt.

Dieser Text wurde im November 2018 erstmals veröffentlicht uns anlässlich der TV-Premiere aktualisiert.

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