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„Sie schüren den Frust, den sie nachher abkassieren“

Bei "Hart aber fair" ging es am Montag um das Ost-West-Verhältnis. An der AfD führte auch in dieser Diskussionsrunde kein Weg vorbei.

Frank Plasberg moderiert die Talkshow "Hart aber fair".
Frank Plasberg moderiert die Talkshow "Hart aber fair". © WDR

Von Michael Bittner

Seit nunmehr dreißig Jahren werden in der Debatte um die deutsche Einheit die Argumente regelmäßig ausgetauscht, aber nie ausgewechselt. Nur mäßig gespannt erwartete man daher Antworten auf die Frage „Wir Ostdeutsche, wir Westdeutsche: Wie groß ist die Kluft wirklich?“ in Frank Plasbergs Talkshow „Hart aber fair“ am späten Montagabend. Würde womöglich jemand sagen, die Kluft sei immer noch sehr groß? Und jemand anderes widersprechen, so groß sei sie ja gar nicht mehr? Es kam so und doch ein bisschen anders.

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Die ARD hatte zuvor die Dokumentation „Wir Ostdeutsche“ ausgestrahlt, in der einmal nicht nur die üblichen Verdächtigen, Bürgerrechtler und Politiker, zu Wort gekommen waren, sondern vor allem ostdeutsche Bürgerinnen und Bürger. Der nachdenkliche Film strahlte noch auf die Talkshow ab: Es ging etwas besinnlicher zu als gewöhnlich, obwohl mit Hubertus Heil (SPD), Katja Kipping (Linke) und Nikolaus Blome (RTL) drei routinierte Politquatschköpfe eingeladen waren. Ergänzt wurde die Runde durch die ostdeutsche Unternehmerin Angela Brockmann, die allzu zurückhaltend für Chancengleichheit plädierte, und den AfD-Bundestagsabgeordnete René Springer aus Brandenburg.

Überrascht vom "Unmut" vieler Ostdeutscher

Offenbar für die Rolle des blasierten Ekel-Wessis engagiert war Blome. Er zeigte sich „überrascht“ vom „Unmut“ so vieler Ostdeutscher und erinnerte sie daran, die „Erfolgsgeschichte“ der deutschen Einheit doch endlich gebührend zu würdigen. Wann immer jemand über die innerdeutsche Ungleichheit bei Löhnen und Vermögen oder die Abwesenheit der Ostdeutschen in den Eliten sprach, forderte Blome, man solle doch nicht die Spaltung herbeireden. Die AfD und die Linke hätten die „Masche“ gemeinsam, die Ostdeutschen zu „Opfern“ zu erklären: „Sie schüren den Frust, den sie nachher abkassieren.“ Man wird es Blome als einem, der von der Ungleichheit profitiert, wohl nachsehen müssen, dass er nicht gerne von Unterschieden hört.

Die Linke Katja Kipping hielt tapfer dagegen, warb um „Respekt“ für die Lebensleistungen der Ostdeutschen und erkannte sogar einen „Erfahrungsvorsprung“ in manchen Bereichen, etwa dem der weiblichen Gleichberechtigung. Überraschende Erleuchtungen hatte aber auch sie nicht. Wenigstens gab Kipping noch Senf dazu, den Bautzner nämlich, wo gerade ostdeutsche Arbeiter dafür streiken, nicht mehr skandalös schlechter für die gleiche Arbeit bezahlt zu werden als westdeutsche.

Keine AfD-Sendung? Wieder nicht gelungen

Der Arbeitsminister Hubertus Heil unternahm den Versuch, sich als „differenzierter“ Versöhner und praktischer Macher zwischen den Streithähnen zu präsentieren. Im Gegensatz zu Blome hatte er mit einer „Mutter aus Vorpommern“ immerhin ein bisschen was fürs Gefühl anzubieten. Trotzdem wird man bei Heil nie das Gefühl los, der Roboter Olaf Scholz könnte noch einmal in einer gepolsterten Version ausgeliefert worden sein.

Wie schon in der Dokumentation „Wir Ostdeutsche“ versuchte der AfD-Politiker Springer auch im Gespräch, als soziales Gewissen des Ostens aufzutreten. Nun konfrontierte Kipping seine Phrasen aber mit dem asozialen Abstimmungsverhalten der AfD im Bundestag. Der ehemalige Soldat schlug sich trotzdem wacker, bis er mit den Massenmordfantasien seines Parteigenossen Christian Lüth konfrontiert wurde, die am Morgen bekannt geworden waren. Springer stotterte nur noch etwas von vereinzelten „Irrläufern“ in seiner Partei. Mit rührendem Wohlwollen versuchten die restlichen Anwesenden, Springer zum augenblicklichen Austritt aus der AfD zu überreden.

„Wir wollen keine AfD-Sendung machen“, hatte Plasberg am Anfang versprochen. Es ist wieder einmal nicht gelungen. In Fernsehdiskussionen über den Osten führen eben noch immer alle Wege zur AfD.

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