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Krömer über Depressionen: „Keinen Bock auf Versteckspiel“

Immer lustig, immer einen Spruch auf den Lippen. So kennt man Kurt Krömer. Jetzt spricht der Komiker erstmals über seine Erkrankung.

Am Dienstag startet im RBB die vierte Staffel der Talkshow „Chez Krömer“
Am Dienstag startet im RBB die vierte Staffel der Talkshow „Chez Krömer“ © rbb/Daniel Porsdorf

Kurt Krömer, der Berliner Komiker, Schauspieler und Grimme-Preisträger hat sich neben Bühnenprogrammen seit 2003 mit TV-Formaten wie „Die Kurt Krömer Show“, „Die internationale Show“ oder aktuell mit „Chez Krömer“ einen Namen gemacht. In dem etwas anderen Talk lädt sich der 46-Jährige Gäste ein, die er entweder mag oder auch nicht. Der Start der vierten Staffel mit Torsten Sträter bildete eine überraschend persönliche Ausnahme und wartete mit einer Enthüllung auf.

Herr Krömer, am Dienstag startet im RBB die vierte Staffel Ihrer etwas anderen Talkshow „Chez Krömer“ mit einem Paukenschlag. Da sind Interviewgast Torsten Sträter und Sie. Zwei lustige Menschen in einem lustigen TV-Format, sollte man meinen. Dann wechselt der Gesprächston nach zehn Minuten. Sie erzählen erstmals, dass Sie selbst unter Depressionen leiden. War das geplant?

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Ja, wenn auch nicht in der Ausführlichkeit. Im vergangenen Herbst war ich für acht Wochen in der Klinik. Parallel dazu bin ich auf Torsten Sträter gestoßen und habe gemerkt: Der redet offen über Depressionen. Was mich immer gestört hat bei dem Thema, war dieser Satz, dass das ein Tabuthema sei. So nach dem Motto: Du hast Depressionen? Die kannst du gerne haben, aber darfst nicht darüber sprechen.

Sie dürfen und machen es nun, im Fernsehen, in der Öffentlichkeit, hier im Interview ...

Ja, weil ich das überhaupt nicht als Tabuthema, sondern als Krankheit ansehe, die einfach scheiße ist. Ich habe das sehr bewundert, dass Torsten Sträter ernsthaft darüber spricht, das Thema sogar in seinen Comedy-Programmen verarbeitet.

Gehen wir zu den Anfängen. Wann haben Sie das erste Mal gedacht: Da ist was mit mir nicht in Ordnung, im Sinne einer depressiven Erkrankung?

Die Diagnose selber habe ich im Sommer 2020 bekommen. So, dass ich es auch gerafft habe. Dass irgendwas mit mir nicht stimmt, wusste ich seit drei bis fünf Jahren. Irgend etwas switchte um. Ich wusste nicht mehr, was los ist.

Torsten Sträter (l.) ist erster Gast in der neuen Staffel von „Chez Krömer“.
Torsten Sträter (l.) ist erster Gast in der neuen Staffel von „Chez Krömer“. © rbb/Daniel Porsdorf

Etwas konkreter, bitte.

Ich bin morgens aufgewacht und dachte nach acht, neun Stunden im Bett: Hast du überhaupt geschlafen? Auf Tourneen fühlte sich der Körper fit an, aber im Kopf war ich down. Der Körper sagt: Geh raus, spazieren. Der Geist: Nee, hat keinen Sinn. Bleib mal schön im Bett liegen.

Was sagte Ihr Arzt?

Ich bin von Arzt zu Arzt. Eine Odyssee. Vor drei Jahren habe ich noch 20 Kilo mehr gewogen, bin dem Bus nicht mehr hinterhergerannt. Ich dachte mir: Muss wohl so sein. Du isst ungesundes Zeugs, rauchst zu viel. Der erste Arzt sagte mir, dass meine Cholesterinwerte zu hoch sind. Ich habe Sport gemacht, viel abgenommen. Die Werte waren okay. Aber dieser leere Zustand im Kopf, der blieb. Ich dachte: Was soll ich denn noch alles machen?

Sie erzählen in der „Chez-Krömer“-Show von einer Situation mit der Einkaufsliste vor Ihren Kindern …

Ja. Da gab es schon die Diagnose: Depressionen. Ich hatte am Samstag eine Einkaufsliste zu erstellen, stand vier Stunden zu Hause in der Küche, dann im Supermarkt und habe geweint. Ich hatte keine Kraft mehr. Das war der Peak. Ich musste mich um eine Klinik kümmern.

Sie gingen in eine Tagesklinik.

In Berlin, im Herbst 2020. Es war mir wichtig, abends nach Hause zu kommen. Ich wollte mich nicht entfernen von meinen Kindern. Ich war zu dem Zeitpunkt auch verknallt. Die Beziehung sollte nicht scheitern, wenn ich so lange weg bin. Ich hatte panische Angst vor der Klinik, die aber total unbegründet war. Wenn dir das darin zu viel ist, kannst du vor die Tür und bist mitten im Leben.

Nun sind Sie – Kurt Krömer. Man kennt Sie. Auch in der Klinik.

Die haben das dort registriert. Okay, manche haben gesagt: Der Krömer ist hier, den will ich kennenlernen. Ich dann: Nein, der Anlass ist ein bisschen scheiße. Ich habe die gleichen Probleme wie ihr. Depression macht vor Prominenz nicht halt. Auch nicht vor den Gruppentherapien, die wir täglich abgehalten haben.

Haben Sie in den Gruppen gefremdelt?

Nein. Das hatte was von einer geilen Netflix-Serie. Menschen mit Schwächen und Stärken, die wachsen dir total ans Herz. Keiner hat dort beurteilt, keiner hat bewertet, auch und gerade wenn ich mal wieder einen depressiven Schub hatte.

Gehörte Mut dazu, sich mit der Krankheit an andere zu wenden, an Kollegen?

Mit der Familie habe ich von Anfang an alles geteilt. Friedrich Küppersbusch, meinen Produzenten, habe ich im Herbst angerufen, mich geoutet. Fast zeitgleich zum Aufenthalt in der Tagesklinik lief ja die Aufzeichnung der dritten Staffel von „Chez Krömer“.

Sie haben trotz dieser schweren Krankheit weitergearbeitet?

Die Show wollte ich nicht absagen. Wenn die Depression mich auch arbeitstechnisch lahmlegt, komme ich aus der Krise nicht mehr raus. An den Tagen vor meiner Einweisung bin ich noch vier Mal in der Wuhlheide live aufgetreten, vor 5000 Leuten.

Das muss sich seltsam angefühlt haben, oben auf der Bühne, mit dem Wissen: Morgen gehe ich in die Klinik.

Die zwei Stunden auf der Bühne habe ich absolut genossen. Vorher und hinterher war es schlimm. Ich hatte immer im Hinterkopf: Noch zwei Tage, noch ein Tag, dann die Klinik. Als wenn man ins Gefängnis kommt. Die Arbeit hat mich oben gehalten. Ich habe die Tagesklinikphase dann auch unterbrochen, über zehn Tage die sechs TV-Shows produziert und bin danach wieder für vier Wochen rein.

Hatte Ihre Krankheit mit Corona zu tun?

Überhaupt nicht. Ich habe die Pandemie quasi dafür genutzt, um meine Depressionen loszuwerden. Am 20. November, meinem 46. Geburtstag, war mein letzter Tag in der Klinik. Ich kam raus, bin in die Stadt und hatte so eine Art Frühlingserwachen. Ich habe mir die Leute auf der Straße angeguckt und wollte die ganze Welt umarmen.

Keine gute Idee in der Pandemie.

Nee. Trotzdem dachte ich: He, ihr seid ja alle depressiv!

Karrieregipfel: Kurt Krömer (l) und Thomas Gottschalk im April 2011 in Marl bei der Verleihung der Grimme-Preise.
Karrieregipfel: Kurt Krömer (l) und Thomas Gottschalk im April 2011 in Marl bei der Verleihung der Grimme-Preise. © Henning Kaiser, picture alliance / dpa-Bildfunk

Verkehrte Welt. Aber noch mal gefragt: Das Thema Depressionen ist ja auch zwölf Jahre nach dem Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke, der an der Krankheit litt und nicht darüber sprach, kein Unterhaltungsthema. Man hat zu funktionieren, zu glänzen.

Ich habe das für mich jetzt anders entschieden. Das hat auch einen pädagogischen Touch. Ich erzähle von meinen Problemen, dann hast du das in deinem Kopf, aus meinem ist es raus. Ich bin damit safe. Das waren ja auch nicht nur fünf Jahre.

Inwiefern?

Durch die Therapie habe ich erfahren, dass ich 30 Jahre schon depressiv war. Der Schleier, der mich umgibt, gehört zu meiner Vita. Ich muss damit leben. Und ich habe keinen Bock, das zu verheimlichen.

Das Ganze, das Interview könnte medial ausgeschlachtet werden, mit der Schlagzeile: „Krömer: Ich habe Depressionen!“

Wenn ich jetzt mit Ihnen spreche, ist es raus. Mehr wird da von meiner Seite nicht kommen. Was andere daraus machen, ist mir egal. Die Zeiten haben sich geändert. Vor zehn Jahren hätte ich mit Ihnen nicht über meine Depressionen gesprochen. Ein Privatthema. Vorbei, ich habe keinen Bock auf Versteckspiel.

Krömer mal mit Bart.
Krömer mal mit Bart. © Britta Pedersen dpa/lbn

Torsten Sträter sagt, er hatte wegen seiner Depressionen starke Selbstmordgedanken. Wie ist das bei Ihnen?

In den letzten fünf Jahren nicht. Mit 18 hatte ich so eine Überlegung, als ich die Lehre abgebrochen hatte, es finanziell nicht lief. Da hatte ich ein Teppichmesser in der Hand und dachte: Ein Schlitz und all deine Probleme wären gelöst. Ich denke heute an meine Kinder und an die Arbeit. Beides liebe ich über alles.

Sie sprechen von Ihrer Arbeit. Es gibt ja dieses Thema: Komiker und Depressionen. Ich denke an Woody Allen, Robin Williams, TV-Moderator Conan O’Brian, Oliver Polak. Nach einer Studie der Uni Oxford besitzen befragte Komödianten oftmals Charakterzüge, die normalerweise Menschen mit manisch-depressiver Erkrankung oder Schizophrenie zugeordnet werden. Machen Depressionen lustig?

Ich habe in der Show mit Sträter gesagt: Treffen sich zwei Komiker, beide depressiv. Ein Klischee. Der traurige Pierrot, der alle zum Lachen bringt und zu Hause weint. Ich denke an die Clowns von früher, die eine Torte ins Gesicht bekamen. Wenn man immer der ist, bei dem man sagt: Guck mal, der ist ein bisschen doof. Dass das depressiv macht. Zu denken: Oh nee, ich bin jetzt 46 Jahre alt, ich muss morgen wieder in die Manege und mir eine Torte ins Gesicht werfen lassen.

Diese Art unglückliches Bewusstsein kann auch eine Triebfeder von Kreativität sein.

Sicher. Ich hatte Angst, dass mir das in der Klinik weggenommen wird, dass ich oberflächlich werde. Dass ich aus der Klinik zu 100 Prozent geheilt herauskomme und mich frage, was ich 25 Jahre auf der Bühne gemacht habe. Ich möchte einen anständigen Beruf. Was soll der Mist?

Die Sorge kann ich Ihnen nehmen, nach Ansicht der ersten „Chez Krömer“-Folge.

Die Depression ist weg. Jetzt ist da so eine Leere, die auch unheimlich viel Freiheit mit sich bringt. Wo ich momentan noch gar nicht weiß, wie ich das ausfüllen soll. Ich werde dazu bestimmt mal ein Bühnenprogramm machen. Es kommt der Kunst auf jeden Fall zugute.

Werden das auch Karl Lauterbach und Frauke Petry zu spüren bekommen, Gäste der nächsten Folgen „Chez Krömer“?

Mal schauen. Lauterbach ist für mich der schwierigste Gast. Viele nervt der ja, auch meinen Produzenten Küppersbusch. Dabei sagt Lauterbach einfach die Wahrheit.

Die Folge mit dem Outing im RBB ist noch nicht ausgestrahlt, dieses Interview jetzt geführt. Fühlen Sie sich hiernach befreiter?

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Ich bin noch sehr wacklig, in Behandlung. Zwei Stunden die Woche Therapie. Klar kann die Krankheit wiederkommen, mit Panikattacken. Und vor diesem Interview hatte ich schon auch ein bisschen Schiss. Jetzt denke ich: Jeder weiß Bescheid. Raus damit. Ich hatte mich im Dezember 2020 geoutet, dass ich seit Jahren trockener Alkoholiker bin. Es tut mir unheimlich gut, darüber zu sprechen, es nach außen zu tragen. Ein Brustlöser. Wenn ich dieses Gefühl der Befreiung an Leser und Zuschauer weitergeben könnte, wäre viel gewonnen.

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