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Maria Furtwängler als Corona-Comedienne

Sie kann auch anders: „Tatort“-Kommissarin Maria Furtwängler legt nach als Fahrlehrerin Beate Harzer – in einer Corona-Comedyserie und im Interview.

In der Corona-Comedy-Serie "Ausgebremst" verliert Fahrlehrerin Beate Harzer (Maris Furtwängler, l.) ihren Job und macht jetzt auf Onlineberaterin und Lebenshilfe-Coach. Auf ihre Unterstützung hoffen pandemiegeplagte Mütter, Managerinnen, eine Schuldire
In der Corona-Comedy-Serie "Ausgebremst" verliert Fahrlehrerin Beate Harzer (Maris Furtwängler, l.) ihren Job und macht jetzt auf Onlineberaterin und Lebenshilfe-Coach. Auf ihre Unterstützung hoffen pandemiegeplagte Mütter, Managerinnen, eine Schuldire © NDR/Turner Broadcasting System Deutschland GmbH

Beate Harzer hat Schulden, soll ihre Fahrschule schließen und versucht es jetzt online als Corona-Lebenshilfe-Coach: Die Comedyserie „Ausgebremst“ wird von Kritikern wie Zuschauerinnen gleichermaßen gefeiert. Zum Start der zweiten Staffel sprachen wir mir Ideengeberin, Produzentin und Hauptdarstellerin Maria Furtwängler über das Drehen in Corona-Zeiten, Satire als Mittel zum Aufzeigen von gesellschaftlichen Verwerfungen und darüber, inwiefern die Pandemie die Gleichberechtigung von Frauen um Jahrzehnte zurückwirft.

Unser Gespräch hat etwas angenehm Vor-Pandemisches: Wir zoomen oder skypen nicht, sondern wir telefonieren. Machen Sie das lieber, Frau Furtwängler?

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Sagen wir mal so: Wir können uns zwar leider nicht sehen, aber das hat ja auch seine Vorteile. So bleibt Ihnen der Anblick meiner verbeulten Jogginghose auf jeden Fall erspart.

Echt jetzt? Sie tragen gerade den typischen Corona-Look mit Bollerhose und Schlabbershirt und haben die Haare mit einem Bleistift hochgesteckt?

Fast: Ich habe tatsächlich die Haare fix hochgesteckt und eine Bollerhose an. Aber ich trage Schlabber-Pullover. Für ein Shirt ist es noch zu kalt.

Sind auch Sie allmählich genervt von den ständigen Zoom-Konferenzen?

Natürlich. Man hat ja längst eine große Sehnsucht danach, sich endlich wieder live mit mehreren Menschen auseinanderzusetzen, insbesondere in schwierigen Situationen, wo man diskutieren muss. Mir fehlt das Greifbare, die emotionale Komponente. Erst kürzlich hatte ich eine Konferenz mit 40 Leuten. Da kriegt man kein wirkliches Gespür füreinander. Trotzdem hoffe ich, dass das Positive daran uns erhalten bleibt.

Zum Beispiel?

Dass man nicht zu jedem Termin kreuz und quer durch die Republik fahren muss, oder, schlimmer noch: Fliegen. Auf diese Emissionen können wir gut verzichten. Auf den Zeitaufwand auch.

Hatten auch Sie mehr freie Zeit vor einem Jahr, im ersten Lockdown?

Ja, es gab diese Phase, aber die dauerte nicht lange. Es wurde ja bald schon wieder weitergedreht. In eben diesem Zeitraum entstand auch „Ausgebremst“. Die Serie war unsere Antwort auf den aktuellen Zustand, der für viele Menschen ja den beruflichen Stillstand bedeutete. Die Idee habe ich mit der wunderbaren Anke Greifeneder von TNT Comedy entwickelt, und was im Nachhinein ziemlich schräg ist: Wir haben gedacht, wir müssten uns mit dem Projekt beeilen, weil die Pandemie ja bald wieder vorbei wäre. Tatsächlich haben wir vor der Idee bis zur Ausstrahlung nur sechs Wochen für die fünf Folgen zu je 15 Minuten gebraucht. Das war unfassbar schnell.

Was der Qualität der Serie aber keinen Abbruch getan hat

Nein, und als klar war, dass Corona uns leider noch länger erhalten bleibt, konnten wir das Erzählprinzip für die zweite Staffel beibehalten. „Ausgebremst“ zeigt ja alles, was das Leben vieler Menschen seither so verändert hat.

Sie spielen Beate Harzer, die Ihren Fahrlehrerinnen-Job wegen Corona nicht mehr ausüben kann. Jetzt droht ihr die endgültige Katastrophe, weil sie Schulden hat und ihre Fahrschule schließen muss. Aber sie behält den Kopf oben und versucht es jetzt als Lebenshilfe-Coach via Zoom.

In manchen Dingen ist ihr Schicksal typisch für viele Menschen. Beate erlebt ihre Einsamkeit, sie geht kaum noch vor die Tür, hat panische Angst vor Corona, hat keine Dates mehr, keinen Job. Was sie konkret erlebt und wie sie damit umgeht, ist natürlich wieder eine ganz individuelle Geschichte. Beate ist unerschütterlich, wie ein Stehaufmännchen, sie lässt sich etwas einfallen, um ihre Existenz zu sichern. Das kann man doch total inspirierend finden, wenn man so will.

Ich schwanke noch, was ich wesentlicher an Beate finde: ihren unerschütterlichen Optimismus oder ihre Fähigkeit, Probleme zu verdrängen. Zwischen diesen Polen bewegen sich ja sehr viele Menschen. Wie lösen Sie das für sich auf?

Aus der Glücksforschung gibt es viele Erkenntnisse, die besagen, dass die glücklicheren Menschen diejenigen sind, die eine hohe Fähigkeit zur Verdrängung haben. Solche, die morgens schon mit guter Laune aufwachen. Und Beate Harzer hat ohne Frage ein großes Verdrängungspotenzial. Natürlich ist das eine zweischneidige Sache. Und ich selbst gehöre nicht zu den Leuten, die jeden Morgen glücklich aufwachen und das den ganzen Tag auch bleiben. Mir sind die Probleme unserer Zeit schon sehr bewusst, nicht nur im Zusammenhang mit Corona.

Filmschauspielerinnen wie Sie konnten fast durcharbeiten und haben, anders als Beate Harzer, keine Job- und Geld-Einbrüche. Sehr vielen Künstlern geht es da natürlich ganz anders.

Und wie! Filmschauspieler wie ich gehören zu den wenigen glücklichen Ausnahmen. Es wird auch wieder irre viel gedreht. Für alle anderen, die nicht an irgendeinem Theater fest angestellt sind, ist es aber wahnsinnig schwer. Ich finde, das wird immer noch viel zu wenig beachtet. Schließlich ist die Unterhaltungsbranche auch ein enormer Wirtschaftsfaktor, in dem Millionen Menschen arbeiten. Deshalb haben wir schon bei der ersten Staffel unsere werbe- und Lizenzverkaufs-Einnahmen an die KunstNothilfe gespendet, die Kulturschaffenden in Notsituationen unterstützt.

Trotz aller Schwere des Themas Corona haben Sie sich bei „Ausgebremst“ für das Comedy-Format entschieden, also für den Humor. Warum?

Es war uns allen klar, dass wir in die Satire-Richtung wollen. Schließlich versucht es Beate als Lebenshilfe-Coach, und in dieser Sparte tummeln sich ja gerade seit Corona die seltsamsten Existenzen, die den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen. Leute, bei denen man denkt, die sollten lieber erst einmal ihre eigenen Probleme in den Griff kriegen. So wie Beate.

In „Ausgebremst“ gibt es den schmierigen Coach, den Jan Josef Liefers spielt, Beates Schwester macht Geld mit selbstgebasteltem Corona-Schmuck wie der Atemmaske aus Goldbrokat. Und Karolin Kebekus spielt eine soziopathische Managerin, die froh ist über das Alleinsein-Müssen … kann es sein, dass Sie diese Corona-Profiteure ganz besonders gerne aufs Korn nehmen?

Ja, aber wir machen uns ja trotz des Comedy-Formats nicht lustig über Menschen, die leiden. Wir überzeichnen ihre Geschichten ins Absurde, um die Absurdität der Situation zu zeigen. Denken Sie an die Geschichte mit der Mutter, die auch noch Schuldirektorin und damit gleich doppelt überfordert ist. Gerade ihre Figur ist für uns bei „Ausgebremst“ neben Beate Harzer ein Vehikel, um auf die Situation der Frauen in der Pandemie hinzuweisen, die unter den Veränderungen meistens mehr leiden als Männer.

Warum zeigen Sie dann Axel Milberg als notleidenden männlichen Sex-Arbeiter?

Um das Rollenklischee satirisch zu brechen – das geht genau in die gleiche Richtung. Selbst wenn die Frau im Beruf die Erfolgreichere ist – wenn’s durch Corona in der Familie eng wird, bleibt meistens trotzdem sie zuhause. Was die Fortschritte der letzten Jahre auf dem Gebiet der Geschlechtergerechtigkeit anbelangt, da wirft uns Corona meilenweit zurück.

Andererseits sind Frauen in der Öffentlichkeit und den Medien so präsent wie nie zuvor. Durch die Berichte über ihre Doppelbelastung, über Pflegeberufe, durch die Prominenz von Virologinnen in der Presse. Und die bekannteste Ärztin der Corona-Zeit ist Doc Caro. Kann man das wirklich so klar als Rückschritt betrachten?

Ich glaube, das überschätzen Sie. Es ist eindeutig belegt, dass Frauen durch Corona überwiegend zurückgeworfen wurden, aus ihren Jobs, auf die Familie. Eine Studie zur Corona-Berichterstattung im letzten Jahr zeigt, dass im deutschen Fernsehen die Virologen und Epidemiologen, die zu Wort kommen, von circa 75 bis zu über 90 Prozent Männer sind. Und das, obwohl auch in diesen Fachbereichen in Deutschland fast die Hälfte Frauen sind. Selbst wenn die Medien seit ein paar Monaten versuchen, mehr Expertinnen zu befragen und in Talkshows einzuladen, scheint mir das Verhältnis noch lange nicht die Realität widerzuspiegeln. Da gilt es, die Wahrnehmung zu überprüfen. Die Uni Rostock hat dazu repräsentative Daten zum deutschen Fernsehen erhoben, wir sind schon gespannt auf die Ergebnisse.

Im Film oder im Fernsehen scheint sich da etwas mehr zu bewegen. Es gibt allmählich mehr Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen, auch „Ausgebremst“ ist als Teamwork mehrheitlich Frauensache. War das Absicht?

Zunächst mal: Auch da täuscht der Eindruck. Es ist sicherlich so, dass inzwischen die Sensibilität wächst und aufmerksamen Leuten wie Ihnen das auch auffällt. Nur - faktisch hat sich an den Verhältnissen, gerade an den Machtverhältnissen in Film und Medien, kaum etwas geändert. Bei „Ausgebremst“ war das zwar nicht das erklärte Ziel. Anfangs hatte sich das einfach so ergeben mit Anke Greifeneder von TNT und mir.

Und dann kam noch die Hauptautorin Annette Hess dazu.

Richtig. Aber als es darum ging, entweder einen erfahrenen männlichen Comedy-Könner als Regisseur für die wichtige Pilotfolge zu nehmen oder eine talentierte junge Frau mit weniger Erfahrung, da habe ich mir gesagt: Du kannst nicht ständig mehr Präsenz von Frauen in der Filmbranche einfordern – und dann selber den vermeintlich leichten Weg gehen und auf den erfahrenen Mann setzen. Also habe ich mich für Charlotte Rolfes entschieden, die auch bei der zweiten Staffel Regie führt. Wobei ich zugeben muss: Auch ich bin in meiner Kindheit und Jugend noch so sozialisiert worden, dass man bei komplizierten Aufgaben mit hoher Verantwortung im Zweifel lieber auf Männer vertraut. Ich weiß inzwischen, dass diese Denkschablonen unsinnig und falsch sind. Aber ich kann es verstehen, wenn viele Menschen immer noch so denken und handeln.

Eine Aktion, die ausschließlich von Männern initiiert wurde, war auch das ebenfalls als Satire angelegte Video-Projekt #allesdichtmachen. Dabei haben Kolleginnen und Kollegen von Ihnen versucht, die Coronamaßnahmen ins Lächerliche zu ziehen. Sind auch Sie dafür angefragt worden?

Ja. Sogar sehr früh. Ich habe aber nicht mitgemacht.

Warum?

Weil ich in diesem frühen Stadium zwei Videos der Aktion gesehen habe, aber ehrlich gesagt: Ich hab‘ das nicht ganz verstanden ... Und wenn ich etwas nicht verstehe, dann lasse ich die Finger davon.

Das Gespräch führte Oliver Reinhard

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