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Schirach im Fernsehen: Recht oder Gerechtigkeit?

In einem aufwendigen Film-Experiment zeigte das Erste wieder einen verzwickten Fall des Bestseller-Autor. Doch das Projekt überzeugt nicht.

Wie immer bei Schirach-Verfilmungen spielt der Gerichtssaal eine tragende Rolle.
Wie immer bei Schirach-Verfilmungen spielt der Gerichtssaal eine tragende Rolle. © ARD Degeto

Ein Mädchen wird entführt. Der Täter fordert fünf Millionen Euro Lösegeld von der Unternehmerfamilie. Nach kurzer Zeit wird ein Verdächtiger gefunden, er hat kein Alibi. Der zuständige Ermittler ist sich sicher: Der ist es. Doch der Mann gesteht nicht, und unterdessen verrinnt die Zeit. Keine Spur von dem Kind. Der Ermittler trifft eine Entscheidung: Er wird den Mann, den er für den Täter hält, mit Folter zum Geständnis zwingen. Ist das rechtens? Wie würden Sie entscheiden? Dieser Frage widmet sich am Sonntagabend der Film „Feinde“ von Ferdinand von Schirach.

Vor gerade mal einem Monat lief in der ARD der intensiv begleitete und stark wahrgenommene Film „Gott“, ebenfalls von dem Bestsellerautor. Viele Tausend Zuschauer stimmten damals im Anschluss an den Film über die Frage ab, ob eine Ärztin einem todkranken Patienten ein tödliches Medikament verabreichen solle. Damals gab es im Nachhinein einige Kritik von Ärzten und Medizinethikern an der Methode, ein gesellschaftliches Meinungsbarometer anhand eines Fernsehfilms zu erstellen. Nun, nur kurz nach „Gott“, wird dies erneut versucht, in einem ungleich aufwendigeren Projekt: Der gleiche Film wird aus angeblich zwei Perspektiven gezeigt (warum angeblich, dazu später): einmal aus der des Ermittlers, dann aus der des Strafverteidigers.

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Bjarne Mädel spielt in "Feinde" großartig.
Bjarne Mädel spielt in "Feinde" großartig. © ARD Degeto

Wie in „Terror“ und „Gott“ wird eine brennende moralische Frage gestellt. Diesmal: Steht menschliches Gerechtigkeitsempfinden über der deutschen Rechtsprechung? Ist es wichtiger, das Leben eines Kindes zu retten als die Würde eines Mannes, der offensichtlich schuldig ist? Reales Vorbild für diese Geschichte war der Entführungsfall Jakob Metzler, bei dem im Jahr 2002 das Geständnis durch Androhung von Folter erzwungen wurde.

Recht oder Gerechtigkeit?

Ist eine Aussage unter Einsatz einer rechtswidrigen Methode überhaupt echt? Über dieses hochkomplexe moralische Problem streiten sogar Juristen. Doch nach der Ausstrahlung von „Feinde“ werden hier die Zuschauer zur Abstimmung gebeten – nachdem sie locker drei Stunden Film anschauen mussten. Denn „Feinde“ ist am Sonntagabend zweimal zu sehen: Einmal aus Perspektive des Ermittlers, dann aus der des Strafverteidigers. Ein und derselbe Film wird also bis in die Nacht hinein zweimal gezeigt, mit leicht veränderten Einstellungen und ergänzenden Szenen. Eine Dokumentation ordnet zwischendurch den Film ein, auf den dritten Programmen laufen die verschiedenen Versionen versetzt. Das Ziel dieses Mammutprogramms: Das Dilemma verstehen, indem man zwischen den verschiedenen Blickrichtungen hin- und hergerissen ist.

© ARD Degeto

Nun ist das Genre Film im Grunde kaum in der Lage, Dinge sachlich und neutral zu erzählen. Allein der Abstand einer Kamera zu einem Gesicht, der Blickwinkel oder das Einblenden von Atemgeräuschen erzeugen eine bestimmte Stimmung. Das ist anders als beim Theater, für das Schirach einst „Terror“ schrieb, sein erstes Abstimmungsstück. Theater erzählt prinzipiell mit mehr Distanz. Auch der Film „Gott“ besticht durch die Reduziertheit einer Diskussion im Ethikrat.

Waren zwei Filme nötig?

Die beiden Versionen von „Feinde“ hingegen sind mit drohender Musik und düsteren Einstellungen aufgemacht wie ein Thriller, mit Nahaufnahmen von vor Schmerz verzerrten Gesichtern, von ängstlichen Kinderaugen und zitternden Händen. Ist unter diesem Eindruck eine möglichst sachliche Entscheidung möglich? Oder will der Film genau das zeigen, dass es keine sachlichen Entscheidungen gibt? Dann wird dies nicht konsequent erzählt, vor allem nicht in der Version aus Sicht des Strafverteidigers, der ausschließlich auf Basis des Rechts entscheidet.

© ARD Degeto

Dazu kommt: Beide Filmversionen unterscheiden sich nur geringfügig voneinander, und nicht jede Szene wurde so geschrieben, dass eine andere Kameraeinstellung tatsächlich zu einer anderen Auffassung der Situation führen würde. Darum sieht man in der späten Abendstunde ein und dieselbe Szene ein zweites Mal – und dafür braucht es echtes Sitzfleisch.

Die grandiosen Darsteller wie Bjarne Mädel, Klaus Maria Brandauer und andere hätten es sicherlich gemeistert, das moralische Dilemma in einem einzigen Film zu erzählen, der, wie gute Regie das locker vermag, immer wieder die Perspektiven wechselt. Die Dopplung bräuchte man dann nicht. Das wäre zwar kein Event gewesen – sondern einfach ein guter Film.

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