merken
PLUS Feuilleton

"Polizeiruf 110" wird 50 mit neuem Team

Zum Jubiläum der ARD-Krimireihe "Polizeiruf 110" ermitteln starke Kommissare. Es geht ins heutige Halle und in die Historie der Krimiserie.

Neu: Kommissar Lehmann (Peter Schneider, l.) und Hauptkommissar Koitzsch (Peter Kurth). In den bislang 390 Folgen des „Polizeirufs“ gingen seit 1971 über 100 Ermittler auf Verbrecherjagd
Neu: Kommissar Lehmann (Peter Schneider, l.) und Hauptkommissar Koitzsch (Peter Kurth). In den bislang 390 Folgen des „Polizeirufs“ gingen seit 1971 über 100 Ermittler auf Verbrecherjagd © WDR Kommunikation/Redaktion Bild

Ein mörderisch spannendes Jubiläum gilt es zu feiern. Die Krimireihe „Polizeiruf 110“ wird 50 – und das begeht die ARD, indem sie ein neues Team an den Start schickt: Erstmals ermitteln in Halle an der Saale die Kommissare Henry Koitzsch (Peter Kurth) und Michael Lehmann (Peter Schneider). Diese müssen einen mysteriösen Mordfall aufklären, der bereits Monate zurückliegt – dabei gibt es kein Anzeichen für ein Motiv, keine Verdächtigen, keine Indizien. Als letztes Mittel greifen sie zur Funkzellenauswertung. Das führt dazu, dass ein skurriles Sammelsurium an Menschen – Rentner, Trinker, Prostituierte, Geschäftsleute... –, die aus den unterschiedlichsten Gründen durch die Tatnacht geisterten, zu verhören sind.

Der Fall „An der Saale hellem Strande“, benannt nach dem gleichnamigen Volkslied von 1830, bietet keine spektakulären Szenen und packende Action. Vielmehr zeigt er die kleinteilige, akribische Polizeiarbeit, auch die Frustrationen, wenn es keine Spur gibt. Zudem werden die unterschiedlichen Charaktere der Zeugen, deren Alltagstragödien und Schicksalsschläge im Rahmen der großen Mördersuche erzählt. Damit ist diese 391. „Polizeiruf 110“-Episode ganz dicht an dem, was die Stärken dieser Krimireihe seit jeher ausgemacht hat.

Anzeige
Familienabenteuerland Sachsen
Familienabenteuerland Sachsen

Die schönsten Regionen Sachsens, die besten Ausflugsziele und kulinarischen Highlights. Hier gibt's Geheimtipps, die garantiert noch nicht Jeder kennt.

Die ersten „Polizeiruf“-Ermittler: Leutnant Arndt (Sigrid Göhler, r.) und Oberleutnant Fuchs (Peter Borgelt).
Die ersten „Polizeiruf“-Ermittler: Leutnant Arndt (Sigrid Göhler, r.) und Oberleutnant Fuchs (Peter Borgelt). © ARD-Programmdirektion

Kein Wunder, denn das Buch stammt von Clemens Meyer und Thomas Stuber. Die Leipziger, mit dem „Polizeiruf“ aufgewachsen, haben zusammen schon Kinofilme („Herbert“, „In den Gängen“) gedreht. „Wie kann uns ein Kriminalfall, der nicht zwangsläufig Mord und Totschlag sein muss, an die Figuren heranbringen“, so Stuber, der auch Regie geführt hat. Laut Schriftsteller Clemens Meyer ließ der MDR den Autoren quasi alle Freiheiten. „Das Thema beschränkt sich darauf, dass man uns sagte: Es gibt ein Team, und das ermittelt. Das war es schon“, so der 43-Jährige. Meyer habe sich beim Schreiben auf die alten Filme bezogen. „Die DDR-,Polizeirufe’ hatten immer tolle Titel, das war wie eine Poetologie.“ So erklären sich dann die Zwischenüberschriften der einzelnen Episoden in „An der Saale hellem Strande“: Es sind Titel alter „Polizeiruf“-Fälle.

Weit über 100 Folgen hatte einst das DDR-Fernsehen produziert. Am 27. Juni 1971 wurde „Der Fall Lisa Murnau“ als erster Krimi ausgestrahlt. Das war in besonderer Weise historisch: Die Reihe entstand als Reaktion zur erfolgreichen Etablierung des „Tatorts“ der ARD Monate zuvor. Und mit Leutnant Vera Arndt trat die erste TV-Ermittlerin ihren Dienst an, lange bevor bei der West-Konkurrenz Frauen agierten.

Starker Film nach wahrem Fall von 1988: Gelöste Kreuzworträtsel führen nach fast einem Jahr Ermittlungen zum Mörder - mit Andreas Schmidt-Schaller (r.) als Leutnant Grawe.
Starker Film nach wahrem Fall von 1988: Gelöste Kreuzworträtsel führen nach fast einem Jahr Ermittlungen zum Mörder - mit Andreas Schmidt-Schaller (r.) als Leutnant Grawe. © ARD-Programmdirektion

Nur, wovon sollte der „Polizeiruf“ erzählen, wenn es in der DDR offiziell keine Kapitalverbrechen gab? Er befasste sich vor allem mit Diebstahl und Betrug, Alkohol- und anderem Missbrauch. Er gab so ungeschönte Einblicke in die Gesellschaft. Die Drehbuchschreiber legten großen Wert auf die Darstellung des Täters und seiner Psyche sowie der Hintergründe der Tat. Das machte den „Polizeiruf“ zum Publikumshit. Selbst jene DDR-Haushalte, die Westfernsehen empfangen konnten, entschieden sich nicht selten für den DDR-Krimi und gegen den fast zeitgleich laufenden „Tatort“.

Legendär sind Filme wie der mit Ulrich Thein als Trinker in „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ von 1981 oder der mit dem bis dahin unterschätzten Günter Schubert als Vergewaltiger in „Der Mann im Baum“ von 1988. 1988 kam auch der „Kreuzworträtselfall“ heraus, der nahezu authentisch den sexuellen Missbrauch und Mord an einem Siebenjährigen 1981 in Halle-Neustadt und dessen Aufklärung anhand von Schriftvergleichen mit Tausenden Kreuzworträtseln darstellte.

Große Chance für unterschätzte Schauspieler

Nach 1989 war auch für den DDR-Krimi fraglich, ob es für ihn weitergeht. Bereits produzierte Filme – mit den neuen Kommissaren Ehrlicher (Peter Sodann) und Kain (Bernd Michael Lade) – wurden als „Tatorte“ ausgestrahlt. Waren es die Quoten bei Wiederholungen alter Fälle im MDR, RBB und NDR oder war es der besondere filmische Ansatz des „Polizeirufs“, der auch die TV-Verantwortlichen überzeugte? Die Reihe wurde 1993 nach anderthalbjähriger Pause wiederbelebt. Zunächst produzierten die neuen ARD-Anstalten MDR und ORB sowie der NDR Folgen. Später schloss sich der Bayerische Rundfunk mit einem eigenen Team an: etwa mit dem großartigen Duo von Michaela May und Edgar Selge. Letzterer spielte einen einarmigen, so sarkastischen wie verletzbaren Ermittler.

Die Kommissare Schmücke (Jaecki Schwarz,r.) und Schneider (Wolfgang Winkler, li.) in Halle luden mit ihrer Vergangenheit die Menschen aus der ehemaligen DDR zur Identifikation und die Zuschauer im Westen zu einem neuen Blick auf den Alltag im Osten ein.
Die Kommissare Schmücke (Jaecki Schwarz,r.) und Schneider (Wolfgang Winkler, li.) in Halle luden mit ihrer Vergangenheit die Menschen aus der ehemaligen DDR zur Identifikation und die Zuschauer im Westen zu einem neuen Blick auf den Alltag im Osten ein. © ARD-Programmdirektion

Großartig agieren auch die beiden Neuen aus Halle, wenn sie mit Neurotikern und Verlierern zu tun haben. Der eine, Koitzsch (Peter Kurth, 64, geboren in Güstrow), ist nachtaktiv, von Unruhe getrieben und zehrt von DDR-Erfahrungen, der andere, Lehmann (Peter Schneider, 46, geboren in Leipzig), ist ein bodenständiger Familiensympath mit christlichem Hintergrund, ein ehemaliger Krankenpfleger. Dieses Duo dürfte der traditionsreichen Reihe gewichtige Facetten hinzufügen.

Spannend und aufschlussreich sind die Zitate der alten Krimi-Folgen. Mehr als nett ist, dass Andreas Schmidt-Schaller alias „Leutnant Grawe a. D.“ dabei ist. Von 1986 bis 1995 hatte er in 33 Fällen der Reihe Verbrechen aufgeklärt – etwa den zum Kreuzworträtsel-Mörder. Jetzt brät er in der Nebenrolle als Schwiegervater von Kommissar Lehmann seinen Enkeln Spiegeleier und beantwortet Lehmanns Fragen, wie sie früher ermittelt hätten. Die Rückkehr von Grawe ist als „Verbeugung vor diesem altgedienten Schauspieler und Film-Leutnant“ gedacht, so Autor Clemens Meyer. Schmidt-Schaller soll auch in den nächsten Episoden aus Halle mit dabei sein.

Noch steht kein Termin für einen zweiten Film des neuen, starken Teams fest. Nur so viel: Es gibt einen pro Jahr. Die positive Nachricht: Das Erfolgsduo Stuber/Meyer arbeitet an der Fortsetzung. (mit dpa)

Weiterführende Artikel

So war der neue "Polizeiruf" aus Halle

So war der neue "Polizeiruf" aus Halle

Der „Polizeiruf“ feiert „An der Saale hellem Strande“ 50 Jahre und startet neu durch mit viel Schauspiel und toller Szenerie.

MDR: "Polizeiruf 110" in Gebärdensprache

MDR: "Polizeiruf 110" in Gebärdensprache

Erstmals wird der Krimi aus Halle für Gehörlose übersetzt. Zwei Dolmetscherinnen stellen sich der schwierigen Herausforderung.

"Polizeiruf 110": Charly Hübner hört auf

"Polizeiruf 110": Charly Hübner hört auf

Die TV-Kommissare aus Rostock locken regelmäßig mehr als acht Millionen Zuschauer vor den Bildschirm. Nun steigt ein Hauptdarsteller aus.

So war der letzte "Polizeiruf" mit Olga Lenski

So war der letzte "Polizeiruf" mit Olga Lenski

Die Kommissarin hat gekündigt, ermittelt aber dennoch. Sie riskiert alles und hinterlässt eine tiefe Lücke.

  • „An der Saale hellem Strande“, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD, bis 30.11. in der Mediathek
  • Nach dem Jubiläumskrimi läuft ab 23.35 Uhr in der ARD eine 45-minütige Dokumentation zum „Polizeiruf“. In ihr gibt es ein Wiedersehen mit den Darstellern von Kommissaren Fuchs & Co. sowie denen nach der Wende und den derzeitigen, darunter sind Edgar Selge, Ben Becker, Michaela May, Jaecki Schwarz und Charly Hübner.
  • Darüber hinaus würdigt der MDR in weiteren Hörfunk- und Fernsehformaten den Geburtstag und setzt einen Schwerpunkt in der ARD-Mediathek, auch mit begleitenden Extras und Einblicken in die Dreharbeiten. Noch bis 30. Juni zeigt der MDR gut 50 „Polizeiruf“-Krimis der vergangenen Jahre.
  • Erstmals hat der MDR einen „Polizeiruf 110“ zum Jubiläum in Gebärdensprache übersetzt. Die meisten bisherigen Folgen verfügen bereits über Untertitel für Hörgeschädigte. Für Menschen mit Sehbehinderung gibt es bei Erstausstrahlungen eine Fassung mit Audiodeskription und eine barrierefreie Bedienungsoberfläche unter

Mehr zum Thema Feuilleton