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"Baseballschlägerjahre": Als Neonazis triumphierten

Die rbb-Doku „Baseballschlägerjahre“ blickt zurück in die gewalttätigen Nachwendejahre. Ab Dienstag gibt es sie in der ARD-Mediathek zu sehen.

Prügel, Drohungen, Hetzjagden – in den Nachwendejahren bricht in Ostdeutschland Hass, Rassismus und Gewalt auf – besonders unter Jugendlichen. Eine Doku geht auf Spurensuche zwischen Umbruch und Gewalt in den 90er Jahren.
Prügel, Drohungen, Hetzjagden – in den Nachwendejahren bricht in Ostdeutschland Hass, Rassismus und Gewalt auf – besonders unter Jugendlichen. Eine Doku geht auf Spurensuche zwischen Umbruch und Gewalt in den 90er Jahren. © RBB

Es war weder das erste noch das letzte Mal, aber besonders heftig: Am 6. Mai 1989 zog ein Haufen Dresdner Skinheads zur Luther-Kirche in der Neustadt, um die Teilnehmer eines Konzerts „aufzumischen“. Sie konnten zurückgeschlagen werden, ausnahmsweise. „Die waren immer mehr, und sie waren bewaffnet“ erinnert sich ein Dresdner Ex-Punk, „und die Polizei war nicht zu sehen“. Monate später, nach dem Mauerfall, wurde die vorher regelmäßig, aber punktuell auftretende Gewalt von Neonazis zur flächendeckenden Gefahr in Ostdeutschland.

„Baseballschlägerjahre“ nennt der Journalist Christian Bangel diese Zeit, in der auch er in seiner Heimatstadt Frankfurt/Oder zum Opfer rechtsextremistischer Schläger wurde. Vor etwas mehr als einem Jahr hat Bangel unter diesem Logo eine Aktion im Internet gestartet und damit einen unterschwellig vibrierenden Nerv getroffen: Hunderte Betroffene aus Ost und West meldeten sich und erzählten ihre Geschichten. Es war – unter anderem - die Initialzündung für eine bemerkenswerte Doku-Reihe samt Multimediaprojekt, gestemmt von vielen Kolleginnen und Kollegen Bangels, darunter ausgewiesene Experten für das Thema wie Thoralf Staudt und Heike Kleffner. Ab Miwwoch läuft „Baseballschlägerjahre“ im rbb, ab Dienstag bereits in der ARD-Mediathek.

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Bemerkenswert ist das Projekt vor allem deshalb, weil es seine Geschichte auf sechs Episoden aufteilt und aus unterschiedlichen Blickwinkeln reflektiert. Um den Preis einer gewissen formalen und stilistischen Heterogenität, aber mit dem entscheidenden Gewinn einer perspektivischen Breite, wie man sie so bislang wohl in keiner anderen Dokumentation zum Thema gesehen hat. „Baseballschlägerjahre“ greift zurück in die Jahre vor und nach 1990, geht in die Thüringer oder Brandenburger Provinz ebenso wie in die Großstädte Frankfurt, Rostock, Magdeburg und lässt betroffene ehemalige DDR-Vertragsarbeiter neben eingeborenen deutschen Opfern zu Wort kommen. Zudem Anti-Nazi-Aktivisten, Behörden, die Polizei sowie einen Aussteiger, der sich in schmerzhafter Prozedur sein riesiges Hakenkreuz-Tattoo vom Rücken brennen lässt.

Massive Probleme der Polizei

„Natürlich haben all die Brüche nach 1990 mit der Massenarbeitslosigkeit und Massenabwanderung bei der Explosion der Gewalt eine große Rolle gespielt“, sagt Christian Bangel. „Aber ich finde, es ist an der Zeit, dass wir endlich genauer fragen: Was ist es eigentlich, das vorher im Osten grundiert wurde und dann aus der DDR in die Neunziger herübergeschwappt ist? Ich würde da durchaus von einer Gewaltgeschichte sprechen. Von einer längeren Geschichte des Rassismus und der Gewalt.“

Das bezeugen auch ehemalige Vertragsarbeiter. „Auf der Arbeit war eigentlich alles ganz ok“, sagt einer von ihnen über seine Erlebnisse in einem Eberswalder Fleischkombinat. „Aber nach Feierabend, draußen oder in der Kneipe, wurden wir sehr oft angemacht.“ Ein anderer erinnert sich an Ähnliches. Und daran wie es noch schlimmer kam: „Danach wurden die Menschen kälter.“ Noch etwas brachte die „Wende“: Neonazis aus dem Westen, bestens vernetzt und organisiert, die im Osten feste Strukturen aufbauten, den Deckel endgültig vom Topf hoben und auch die Polizei vor massive Probleme stellten.

„Wir mussten plötzlich mit unseren Schreibmaschinen gegen technisch viel versiertere Leute kämpfen“, sagt ein Polizist über die damalige Zeit. Außerdem bestand die Polizei zum allergrößten Teil aus ehemaligen Vopos, die nach 1989 von vielen Bürgern nicht mehr ernst genommen, oft auch verhöhnt wurden. Von völliger Überforderung spricht eine ehemalige Polizeipräsidentin. Christian Bangel geht noch weiter, bis zurück in seine eigenen Eindrücke als Jugendlicher in Frankfurt/Oder: „Viele hatten einfach Angst, bis hin zur Feigheit.“ Es wäre eine Erklärung auch dafür, dass im Dezember vor 30 Jahren der Angolaner Amadeu Antonio in Eberswalde von einem Nazi-Mob getötet werden konnte, obwohl bewaffnete Polizisten in der Nähe waren und die Tat beobachteten.

Die Eisenstange in der Hand

Aber die „Baseballschlägerjahre“ überrollen die Zuschauer nicht als bleierne Frustkugel. Denn zur Geschichte, die sie erzählen, gehört auch, dass sich in den Neunzigern als Reaktion auf den Terror überall Bürgerinitiativen gründeten, das Ignorieren und Wegsehen weniger wurde, und Polizei sowie Justiz entschlossener zugriffen, wenn auch oft und bis heute längst nicht entschlossen genug. Und: dass sich Betroffene selbst zu wehren begannen.

Zu ihnen gehörte der Rostocker Nguyen Dinh Khoi. Auch er hatte immer eine Eisenstange zur Hand, für den Fall der Fälle. Mit Herrn Khoi schließt die Reihe, und „seine“ Geschichte ist die außergewöhnlichste der „Baseballschlägerjahre“: Keine Experten, keine anderen Zeugen; nur er kommt zu Wort. Das macht seine Geschichte extrem intensiv und seine Erzählungen ungeheuer emotional. Die Erinnerungen an ein Leben in ständiger Angst. Das Zurückdenken an tausende begeisterte Rostocker, als Neonazis 1990 das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen angriffen. Aber auch Herrn Khois Aussage über sein Leben heute, nach und trotz alledem: „Ich fühle mich schön. Frei.“

Doch der sperrige und desillusionierende Kommentar eines Polizisten – „Die Stimmung heute ist genauso wie damals, wo wir angefangen haben“ - bleibt von den „Baseballschlägerjahren“ ebenso in Erinnerung, nicht minder die Sätze jener Betroffener, deren Leben gezeichnet bleibt und deren Angst nie verschwunden ist. „Das darf man dabei nicht außer Acht lassen“, sagt Christian Bangel: „Viele Menschen sind durch ihre Erfahrungen wirklich traumatisiert und leiden darunter bis heute. Auch ich bin davon nicht frei.“

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