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Feuilleton

Sasha: Künstlern wird das Leben unmöglich gemacht

Mitten in den Corona-Beschränkungen und zu seinem 50. erscheint die Autobiografie des Sängers. Sie feiert den Glauben des Künstlers an sich selbst.

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Erst Schmusesänger, dann Rock’n’Roller, jetzt Entertainer: Sasha plant 2022 eine große One-Man-Show..
Erst Schmusesänger, dann Rock’n’Roller, jetzt Entertainer: Sasha plant 2022 eine große One-Man-Show.. © Foto (PR): Jens Koch

Mit seinem Hit „If You Believe“ wurde Sasha in den Neunzigern berühmt. In den Nullerjahren erfand sich der Sänger aus Soest als Rock’n’Roller Dick Brave komplett neu und 2018 brachte er erstmals ein deutschsprachiges Album auf den Markt. Als Juror von Shows wie The Voice Kids wurde er auch zum TV-Entertainer. 2022 wird er mit einer eigenen One Man Show auf Tour gehen. Kurz vor seinem 50. Geburtstag am 5. Januar ist Sashas Autobiografie „If You Believe“ erschienen. Wir sprachen mit ihm über die drei „Zufalls“-Karrieren, den Umbruch in der Musikindustrie und das Künstler-Selbstvertrauen in diesen eingeschränkten Zeiten.

Hallo Sasha, ist 50 so ein magisches Alter für eine Biografie?

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Jein. Ich habe jetzt nicht gedacht: Ich werde 50 – Zeit für ein Buch. Ich habe ab 40 immer mal wieder überlegt, mein Leben in Worte zu fassen, bevor ich die Hälfte vergesse, mich aber nie getraut. Auch weil ich immer dachte, es ist noch zu früh, der richtige Zeitpunkt ist noch nicht gekommen. Immer wieder habe ich gekniffen und geglaubt: Interessiert doch keinen, und so spannend ist mein Leben auch wieder nicht. Letztlich hat mich meine Frau bestärkt und gesagt: Mach das doch mal – und wenn es nichts wird oder du keine Lust mehr hast, hörst du halt wieder auf. Lustigerweise war es dann so: Einen Tag, nachdem ich endlich die Entscheidung getroffen hatte, hat sich der Verlag Droemer & Knaur gemeldet und gefragt, ob ich Interesse hätte, meine Biografie zu schreiben. Das war also so etwas wie Fügung, und ich bin jetzt auch sehr froh, dass es gelungen ist. Der 50. Geburtstag ist dafür natürlich ein guter Anlass, in Verbindung mit der Live-Show, die dieses Jahr stattfindet.

Um wie viel besser kennen wir Sasha nach der Lektüre?

Es wird auf jeden Fall Geschichten geben, die ich noch nie erzählt habe. Entweder, weil nie jemand gefragt hat oder weil ich das bisher zurückgehalten habe, weil es vielleicht zu intim, zu privat ist. Was ich allerdings nicht gemacht habe, das war mir wichtig: Ich habe keine Abrechnung mit ehemaligen Partnern oder wem auch immer geschrieben. Da hege ich keinen Groll, ich bin auch nicht nachtragend, das verarbeite ich anders. Im Buch erfährt man eher etwas über meine Gefühle und darüber, warum und wie ich meine Entscheidungen getroffen habe. Auch wie meine Jugend war, dass es nicht leicht war, als Kind aus der Siedlung überhaupt aufs Gymnasium zu kommen. Und dass man trotzdem an sich geglaubt hat, mit allen erdenklichen Zweifeln – daher auch der Titel „If you believe“. Ohne diesen Glauben muss man gar nicht erst anfangen mit so einem Beruf.

Als er vor 20 Jahren das Alter Ego Dick Brave erfand, wollte Sasha eigentlich nur mal eine Pause einlegen. Der riesige Überraschungserfolg seiner zweiten (Rock’n’Roll-) Karriere kam ihm dazwischen.
Als er vor 20 Jahren das Alter Ego Dick Brave erfand, wollte Sasha eigentlich nur mal eine Pause einlegen. Der riesige Überraschungserfolg seiner zweiten (Rock’n’Roll-) Karriere kam ihm dazwischen. ©  PR

Apropos Glaube, denken Sie, eine Traumkarriere wäre auch unter Pandemiebedingungen möglich gewesen?

Die Pandemie einmal ausgenommen, glaube ich, dass generell heute natürlich vieles anders ist – und ich sage bewusst nicht „besser“ als früher. Ich hatte hier und da auch so meine Schwierigkeiten mit der Entwicklung. Denn ich komme aus dieser Zwischengeneration, die nicht mit Handys, Computern und dem Internet aufgewachsen ist. Das alles kam erst so mit Mitte 20 in mein Leben. Für mich war das, im Gegensatz zur jüngeren Generation, immer ein bisschen mühsam, mich mit den neuen Medien auseinanderzusetzen. Aber für die jungen Talente ist das ja eher ein Segen. Auf der einen Seite kann natürlich jeder, der fleißig ist und Talent hat, sich heute bis zu einem gewissen Punkt selbst vermarkten. Diese Möglichkeit gab es ja zu meiner Zeit nicht. Hätte es damals schon „The Voice“ oder „The Voice Kids“ gegeben, dann hätte ich daran teilgenommen. Aber ich komme aus dem kleinen Städtchen Soest in Westfalen, da gab es natürlich nicht so viele Musiker, mit denen ich hätte vernünftig Musik machen können. Da musste man noch Anzeigen schreiben: „Sänger sucht Band“. Heute kann man sich viel schneller kurzschließen, schneller Kritik oder auch Lob abholen, man ist einfach viel besser vernetzt. Einziges Problem: Es sind so viele, die die neuen Medien nutzen. Da braucht man natürlich besonders viel Glück oder muss etwas ganz Besonderes haben, um aus der Masse herauszustechen. Am Ende ist es genauso schwer wie früher, obwohl einem der Anfang leichter gemacht wird.

Hier in Sachsen ist die Kultur aktuell „abgeschaltet“. Es kommt einem so vor, als wäre man nur noch Saison-Kulturarbeiter. Wie sehen Sie das?

Es macht leider den Anschein, dass man trotz allem, was man in den letzten Monaten in die Wege geleitet hat, den Kulturschaffenden wieder das Leben sehr schwer bis unmöglich macht. Es gibt mittlerweile so viele tolle und funktionierende Hygiene-Konzepte, dass so etwas eigentlich nicht mehr sein darf. Insofern sollte man wirklich einmal überlegen, ob das wirklich sein muss. Man hat das Gefühl, dass hier der Schalter viel zu schnell umgelegt wird. Wo es nicht anders geht – okay. Aber wo es nicht sein muss, sollte es eben weiter möglich sein. Gerade in der Gastronomie, in der Hotellerie und in der Kultur hat man manchmal das Gefühl, da wird zu willkürlich entschieden.

Gibt sein Können gerne als Coach an Jüngere weiter: Sasha bei der TV-Show "The Voice Kids".
Gibt sein Können gerne als Coach an Jüngere weiter: Sasha bei der TV-Show "The Voice Kids". © © SAT.1

Sie haben gleich drei Karrieren durchlaufen, als Pop-Sänger, als Rock’n’Roller und als TV-Entertainer. Wie planbar sind solche Erfolge?

Bei mir war es so: Was nicht im Trend lag, hat bei mir gut funktioniert. In den 1990ern wollte niemand einen Solosänger haben, sondern Boybands, da hatte ich eigentlich keine Chance. Aber weil der Song „If you believe“ gut war und so auch irgendwie alles gepasst hat, konnte ich mich damit dann doch durchsetzen. Bei Dick Brave war es ähnlich – zu diesem Zeitpunkt wollte keiner handgemachten Rock’n’Roll mit einer neu erfundenen Figur hören. Da hätte ich nicht auf den Erfolg gewettet. Ich hatte Dick Brave ja nur erfunden, weil ich eine Pause von Sasha brauchte. Das ergab sich irgendwie alles, mit vielen Konzerten und Mundpropaganda. Als Dick Brave hatte ich auch mein erstes und einziges Nummer-Eins-Album, einfach crazy, weil es eben nicht im Sinne des Zeitgeistes war, sondern eine Begleiterscheinung. Als ich in einem Konzertsommer auf Tournee war, waren dann auf einmal wieder College-Jacken und Holzfällerhemden in.

Ist man mit 50 zu alt für eine Neuausrichtung der Karriere?

Ich kann mir immer noch so ziemlich alles vorstellen. Ob ich mich das auch traue, ist wieder etwas anderes. Ich habe ja vor ein paar Jahren mein erstes deutsches Album gemacht. Das hat mich extrem lange beschäftigt, und ich war froh, dass mir das auch gelungen ist. Dick Brave kommt vielleicht auch wieder zurück – kleiner Spoiler: könnte sein, dass er live nächstes Jahr eine kleine Rolle spielt. Mein größter Wunsch wäre es aber mal, ein Weihnachtsalbum aufzunehmen, denn ich liebe Weihnachten. Aber immer kam mir jemand dazwischen, entweder Robbie Williams oder Michael Bublé oder Helene Fischer. Da muss ich meine Lücke abpassen.

Erkennen Sie bei Ihrem Sohn schon musikalische Talente?

Ja, er singt sehr gerne. Ich habe gerade erst den Titelsong zum Film „Die Schule der magischen Tiere“ herausgebracht. Den mag er sehr und den singt er auch mit. Er wäre gerne ein Rockstar, deshalb hat er sich eine Rockstar-Geburtstags-Party gewünscht. Auch sein Lieblingsgeschenk hat er nun seit über einem Jahr zu Hause, ein Schlagzeug – zum Leidwesen der Anwesenden. Daher an dieser Stelle an alle Eltern der Tipp: Wenn sich ein dreijähriges Kind ein Schlagzeug wünschen sollte, bitte warten Sie noch ein bisschen.

Sie feiern am 5. Januar Ihren 50. Geburtstag. Genießen Sie die Zeit davor, oder spielt die Zahl keine Rolle?

Achnee. Ich versuche sowieso, so gut es geht in dieser unsteten Zeit, jeden Moment zu genießen, den ich in der Familie haben kann. Da denke ich eigentlich gar nicht so viel über meinen Geburtstag nach. Eher darüber, was nächstes Jahr alles kommt, worauf ich Bock habe – das Buch, die Tour, eine neue Platte. Das alles hat zwar irgendwie mit dem 50. Geburtstag zu tun. Aber es ist nicht so, dass ich jetzt panikartig noch irgendwas erleben möchte, bevor es so weit ist. Diese Phase ist schon durch, die hatte ich zu meinem 30. Geburtstag. Damals dachte ich, ich muss noch mal schnell irgendwas Verrücktes machen.

Das Gespräch führte Tom Vörös

Sasha: If You Believe – Die Autobiografie. Droemer & Knaur, 272 Seiten, 22 Euro

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