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Rollt bei mir!

Tan Caglar ist Sportler, Model, Comedian und sitzt im Rollstuhl. Jetzt wird er auch noch Arzt in der Sachsenklinik.

Der Schauspieler Tan Caglar zieht als Arzt in die Sachsenklinik
Foto: MDR
Der Schauspieler Tan Caglar zieht als Arzt in die Sachsenklinik Foto: MDR © MDR

Leipzig. Sein Bühnenprogramm heißt „Rollt bei mir.“ Tan Caglar kam 1980 mit einer Rückenmarkserkrankung zur Welt und sitzt seit 15 Jahren im Rollstuhl. Er arbeitet als Integrationscoach und kämpft für mehr Respekt und für mehr Gleichberechtigung von gehandicapten Menschen. Zum Beispiel dadurch, dass er als erstes Model im Rollstuhl bei der Berliner Fashion Week zu sehen war. Am 10. August steigt er als Arzt in die Serie „In aller Freundschaft“ ein. Wir sprachen mit Tan Caglar über das Leben als „Schweizer Taschenmesser der Minderheiten“, multiple Diskriminierung, neue Wege zu mehr Diversität und darüber, ob man über Behinderte Witze machen darf.

Meine erste Frage geht an den Comedian Tan Caglar. Sie machen gleich vierfache Diskriminierungserfahrungen – als Rollstuhlfahrer, Sohn türkischer Eltern, Träger eines Vornamens, für den es auf vielen Tatstaturen nicht die korrekten Zeichen gibt, und gebürtiger Hildesheimer. Worunter leiden Sie am meisten?

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Tja, als eine Art Schweizer Taschenmesser der Minderheiten muss man erst einmal unbeschadet durch die Welt kommen, das stimmt schon. Wenn ich Leute frage, ob ich mal bitte ein bisschen Mitleid bekommen könnte dafür, dass ich im Rollstuhl sitze, türkischstämmig bin und auch noch aus Hildesheim stamme, sagen die meisten: „Ooooh, behindert, und oooh, Türke … aber wieso wegen Hildesheim?“ Die waren anscheinend noch nie in Hildesheim … (lacht) Aber damit kann ich immer schön darauf anspielen, dass es auch noch eine Menge anderer Probleme gibt, als im Rollstuhl zu sitzen und einen Migrationshintergrund zu haben.

Was ist für Sie diskriminierender: Witze zu machen über Minderheiten wie Rollstuhlfahrer oder Türkischstämmige – oder keine Witze darüber zu machen und sie damit nicht wie andere Menschen zu behandeln?

Ich werde ziemlich oft gefragt, ob man Witze über Behinderte machen darf. Ich sage dann immer: Ich mache ja gar keine Witze über Behinderte. Ich mache Witze über Leute, die mit Behinderten nicht umgehen können. Das verstehen die Menschen in meinen Shows auch. Und ich bin mir sicher: Wer dann wieder nach Hause fährt, der sieht jemanden mit Behinderung oder auch Migrationsgrund mit anderen Augen. Falls er das nicht vorher schon getan hat. Am Ende sind wir immer auf einem Nenner. Das lässt sich nur mit Kommunikation erreichen. Und Comedy sollte schon barrierefrei sein.

Comedy haut ja gerne möglichst laut und unkorrekt auf den Putz, andererseits wollen Sie sensibilisieren. Klingt nach ziemlicher Gratwanderung.

Klar. Aber es ist gar nicht so wichtig, was ich auf der Bühne erzähle, sondern wie ich es erzähle. Ich zeige ja nicht mit dem Finger auf andere. Ich halte ihnen den Spiegel vor. Und wenn ich Behinderten-Zoten erzähle, höre ich schon am Lachen meiner Zuschauer: Die wissen genau, was und wie das gemeint ist. Sie sehen, hören und erleben mich ja dabei.

Was mir auffällt: Wenn im Film oder in einer Serie Menschen mit Behinderungen vorkommen, steht bei diesen Rollen erzählerisch auch immer deren Handicap im Vordergrund. Selbst im Münsteraner „Tatort“, wo die kleinwüchsige Schauspielerin Christine Urspruch als Gehilfin von Professor Boerne einen normalen Job macht, wird sie immer wegen ihrer Behinderung verspottet. Warum ist es so problematisch, Behinderte ganz normale Rollen spielen zu lassen, als Ärzte, Kommissare, auch mal als Verbrecher?

Das frage ich mich auch. Deshalb freue ich mich ja so riesig, nicht nur für mich, dass ich jetzt mit dem Rollstuhl in der Serie „In aller Freundschaft“ einen Arzt spielen darf, der vor allem Arzt ist, und erst in zweiter oder dritter Hinsicht behindert. Das ist eine richtige Sensation! Der Letzte, der im deutschen Fernsehen Arzt war und im Rollstuhl saß, war „Doktor Dressler“ aus der „Lindenstraße“. Und dessen Schauspieler Ludwig Haas war selbst nicht behindert. Auch das ist typisch: Die Produzenten versuchen meistens erst gar nicht, einen Rollstuhlfahrer zu casten, weil sie lieber auf Nummer sicher gehen und einen gestandenen Schauspielprofi nehmen, der die Behinderung nur spielen muss. Das ist für mich auch eine Art Diskriminierung.

Und für „In aller Freundschaft“ wollte man ausdrücklich Sie?

Ja. Ich dachte erst: Die suchen mich als irgendeinen Patienten, der da quasi als Running Gag einmal durch jede Folge rollt (lacht). Aber nein: Sie wollten mich als Arzt. Und man hat mir beim Vorgespräch auch sehr glaubhaft versichern können, dass meine Rolle „Dr. Ilay Demir“ nicht nur ein sehr guter Arzt ist, sondern auch ein spannender Charakter. Er ist forsch, gerne mal sarkastisch, steht nicht besonders auf Autoritäten. Der Rollstuhl spielt bei dieser Figur wirklich eine untergeordnete Rolle. Außer in solchen Szenen, wo Dr. Demir gerne mal mit der Unsicherheit anderer spielt wegen seiner Behinderung. Andererseits ist er sehr empathisch im Umgang mit den Patienten, weil er selber genau weiß, wie es ist, Hilfe zu brauchen. Es geht also um den Typen dahinter. Nicht um den Behinderten. So großartig!

Welche Wirkung erhoffen Sie sich davon – außer auf Ihre Karriere?

Dass endlich mehr Produzenten auf die Idee kommen, Behinderte mit einem Talent für die Schauspielerei zu casten – denn die gibt es sehr wohl –, ihnen eine Chance zu geben, sie in Filmen oder Serien zu besetzen und damit dazu beizutragen, dass Menschen mit Behinderungen sichtbarer werden. Eben in ganz normalen Rollen.

Überhaupt werden in Filmen und im Fernsehen, aber auch auf den Bühnen noch sehr viele Minderheitenklischees bedient. Menschen im Rollstuhl sind vor allem tragische oder bemitleidenswerte Figuren, Leute mit südlichem Migrationshintergrund kriminell, Russen sowieso. Nur in wenigen Ausnahmen bricht das auf, etwa bei den Ermittlerinnen und Ermittlern im „Tatort“. Keine besonders tolle Bilanz, oder?

Vielleicht haben die Autorinnen und Autoren lange Zeit eine Erwartungshaltung der Zuschauer erfüllen wollen. Dabei wurden leider auch viele Klischees bedient. Man wollte wohl auf Nummer sicher gehen. Aber inzwischen ist da einiges in Bewegung geraten, denke ich. Immer mehr Bücher werden anders geschrieben, es wird mehr auf die üblichen Klischees verzichtet und eine neue Vielfalt angeboten. Was mich aber an diesen Debatten generell stört: Sie werden so schnell zu einer politischen Frage zwischen Rechts und Links.

Und die Mitte dazwischen muss sehen, wohin sie sich bewegt oder eben bewegen lässt.

Ja, das finde ich sehr, sehr schade. Aber die Debatte ist ja auch nicht ganz einfach. Das liegt auch daran, dass sich in den letzten Jahrzehnten enorm viel getan hat. Das sieht man zum Beispiel an dem Streit um den ersten Otto-Film. Da gibt es diese Szene, in der Otto einem Afro-Amerikaner begegnet und sagt: „Das Einzige, was mir jetzt noch fehlt, ist ein …“ und dann sagt er das N-Wort. Heute hörst du ständig: Früher hat sich da niemand drüber aufgeregt. Aber: Doch, auch früher hat sich da jemand drüber aufgeregt, und das war auch früher schon nicht in Ordnung. Der Unterschied ist nur: Damals haben sich nur wenige darüber aufgeregt, und auf die wurde einfach nicht gehört, weil es der Mehrheit egal war. Heute sind diese Menschen aber endlich sichtbarer geworden, gerade Leute mit Migrationshintergrund, und sie werden auch mehr gehört, weil sie ganz anders in der Gesellschaft verankert sind. Das gilt eben auch für den Bereich in der Kultur.

Dann sind Sie also optimistisch?

Ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind, mehr Vielfalt reinzubringen. Das sollte nur nicht ins Gegenteil kippen und total künstlich wirken. Die Geschichten müssen in die Realität passen, die Rollen in die Geschichte, die Schauspieler in die Rollen. Und eigentlich kann jede oder jeder fast alles spielen. Hauptsache, er oder sie ist gut und kann wirklich spielen. Und die Figur wird nicht reduziert auf Hautfarbe oder Herkunft. Oder eine Behinderung.

Unsere Serie "Kultur und Vielfalt"

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