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So ist die neue Staffel von „Ku'damm“

Es geht weiter mit der Familie Schöllack und ihrer Tanzschule. Die ZDF-Serie spielt diesmal im Jahr 1963.

Helga (Maria Ehrich) hat gelernt, mit den Umständen ihrer Ehe umzugehen. Foto: ZDF/Boris Laewen
Helga (Maria Ehrich) hat gelernt, mit den Umständen ihrer Ehe umzugehen. Foto: ZDF/Boris Laewen © ZDF/Boris Laewen

Ach, was hatte man sich gefreut auf die neuen Folgen von Ku’damm. Endlich erfahren, wie es der Familie Schöllack weiter ergeht. Endlich vielleicht ein wenig Stoff, um die gegenwärtige Misere für ein paar Minuten zu vergessen. Endlich mal wieder eine verlässlich gute Miniserie in einem Meer an austauschbaren Serien und Filmen, in denen zwischen erotischen Verwicklungen pausenlos gekämpft, geschossen und ziemlich viel gestorben wird.

Die ersten Folgen der ZDF-Serie hatten mit viel Zeitkolorit, etwas Humor und Raum für menschliche Zwischentöne vom Leben der Schöllacks erzählt, von ihrer Tanzschule im Berlin der Jahre 1956 und 1959. Das war kurzweilig, und zugleich lernte man etwas über das Lebensgefühl und die ganz unterschiedlichen Menschen in der noch nicht völlig gespaltenen Stadt. Erlebte Alt-Nazis, Mitläufer, Opfer und die Palette dazwischen. Beobachtete die jüngere Generation, die sich einzurichten versuchte in den Strukturen der Alten, aber immer häufiger aufbegehrte dagegen, nach Freiheit dürstete, Vielfalt, Lebendigkeit, Experimenten. Die mittlere der Schöllack-Schwestern, die verhuschte Monika, fand ein Stück Freiheit im Rock’n’Roll. Es war schön, dieser Entpuppung beizuwohnen, bei der die Tänze immer wilder wurden, das Liebesleben abwechslungsreicher und die Kleider zunehmend bunter.

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Monika (Sonja Gerhardt, r.) und Freddy (Trystan Pütter, l.) versuchen, Hannelore Lay von ihrem Song zu überzeugen.
Monika (Sonja Gerhardt, r.) und Freddy (Trystan Pütter, l.) versuchen, Hannelore Lay von ihrem Song zu überzeugen. © ZDF/Boris Laewen

Seit Samstag nun sind die drei neuen Ku’damm-Folgen, die 1962 und 1963 spielen, auf der Mediathek des ZDF zu sehen. Am Sonntagabend wurde der erste Teil im Fernsehen ausgestrahlt. Der dynamische Rock ’n’ Roll ist leider verstummt. Eine neue Regisseurin wurde verpflichtet, dazu die Sängerin Helen Schneider für eine Nebenrolle. Ansonsten erlebt man das bekannte, bewährte, hervorragende Film-Personal, allen voran Claudia Michelsen als alleinstehende Mutter Schöllack, die sich mit der Nachkriegsgesellschaft immer noch nicht so recht anfreunden kann.

Es wird ziemlich viel gestorben

Revolutionäre Wirren nahen diesmal in Form eines Tangolehrers. Der Südländer veranlasst Mutter Schöllack zu gewohnt herablassenden Sprüchen: An ihre Tanzschule kämen keine Ausländer, nur Deutsche, höchstens Österreicher. „Ja, damit haben wir ja gute Erfahrungen gemacht“, giften die Töchter zurück. Der Tangolehrer darf also bleiben, und wieder beginnt ein Freiheitskampf. Er ergreift diesmal Helga, die älteste Tochter, kurz nachdem sie verkündet hatte, dass eine Frau an den Herd gehört und allabendlich ins eheliche Wohnzimmer. Dort hockt vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher Gatte Wolfgang. Der Staatsanwalt hadert unverändert mit seiner Homosexualität. Tagsüber lässt er Homosexuelle verfolgen, abends guckt er Berichte über die DDR. Meist blickt er auf Stacheldraht, süffelt Bier und murmelt, wie schrecklich das alles sei.

Das ist in dieser Staffel alles, was man vom Osten zu sehen bekommt: Stacheldraht, kaum Menschen. Für ein bisschen Zeitgeschichte sorgt US-Präsident John F. Kennedy. Aber bevor noch der berühmte Satz „Ich bin ein Berliner“ ganz verklungen ist, hat Monika das Amerika-Fähnchen weggepackt, ohne dass der Besuch des Hoffnungsträgers zu irgendeiner Reflexion geführt hätte. Dafür führt der neue Tanzlehrer Helga zu leicht melancholischen Tangoklängen übers Parkett und alsbald ins Bett. Auf wundersame Weise verwandelt sie sich innerhalb kürzester Zeit zu einer völlig anderen Frau.

Der neue Tanzlehrer
Der neue Tanzlehrer © ZDF/Boris Laewen

Auch bei den anderen Familienmitgliedern passiert allerhand. Es wird ziemlich dramatisch und viel gestorben. Leider nehmen sich Drehbuch und Regie oft zu wenig Zeit, einzelne Figuren zu erklären, sich entwickeln zu lassen. Vieles wirkt übertrieben, bisweilen unverständlich. Der Bösewicht und Unsympath aus Staffel zwei taucht in den neuen Folgen kurz auf, um einige erklärende, verständnisvolle Sätze zu sagen zur depressiven Erkrankung von Monikas Ehemann, dann ist er auch schon wieder weg. Wenig Freude bereitet zudem der penetrante Klangteppich aus vielen Streichern, der fast jede Gefühlsregung begleitet. Das nervt, zumal es mancherlei Schauspielkunst erstickt. Und nach den Sechzigern klingt es auch nicht, sondern nach moderner Serien-Massenproduktion.

Auf der Strecke bleibt diesmal leider die Kunst, bei aller Unterhaltung Anspruch und Erkenntnisgewinn nicht aus dem Blick zu verlieren. Vielleicht wird es wieder besser beim nächsten Mal. Wahrscheinlich wird es eine weitere, eine vierte Staffel geben. Die könnte wohl 1968 spielen, im Jahr der Revolutionen.

"Ku'damm 63" zeigt das ZDF am 21., 22. und 24. März jeweils um 20.15 Uhr und alle drei Folgen in der Mediathek.

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