merken
PLUS Feuilleton

Solch ein Zickenkrieg war im "Tatort" aus Zürich

Von wegen Schokoladenleben. Das neue „Tatort“-Team spielt im Film mit, aber anderes – zum Glück – eine viel größere Rolle.

Wenig harmonisch im Moment ist das neue Züricher Team mit Kommissarin Grandjean (Anna Pieri Zuercher, r.) und Kollegin Ott (Carol Schuler).
Wenig harmonisch im Moment ist das neue Züricher Team mit Kommissarin Grandjean (Anna Pieri Zuercher, r.) und Kollegin Ott (Carol Schuler). © ARD Degeto/Programmplanung und P

In diesem „Tatort“ war, trotzdem er aus der Schokoladen-Hauptstadt Zürich kam, nichts ein „Schoggiläbe“ – ein Schokoladenleben, wie es der Titel vorgab. Weder für die Akteure noch für die Zuschauer. Dazu war der Film viel zu fragwürdig. Weniger der Plot um den Machtkampf im Hause „Chocolat Chevalier“ oben auf dem Zürichberg, wo die Reichen wohnen. Der Geschichte konnte man folgen, zumal die ein überraschendes, fast berührendes Ende hatte. Komplizierter war es, die Dialekte und das gebrochene Deutsch zu verstehen. Und auch, dass sich die Ermittlerinnen und die Staatsanwältin unmotiviert direkt an den Fernsehzuschauer mit Ansprachen zu Amnesty International, Obdachlosigkeit und Kapitalismuskritik wandten, irritierte.

Das Ärgerlichste an diesem neuen, erst zum zweiten Mal ermittelnden Team sind die schlecht gelaunten Ermittler. Die Züricher Damen blaffen sich an, frotzeln gern fies und jenseits der Gürtellinie, können sich nicht aufeinander verlassen, haben Leichen im Keller. Warum nur? Es gibt doch schon genug verkrachte Existenzen beim Krimi am Sonntagabend. Regisseurin Viviane Andereggen begründet ihre Figurenzeichnung so: „Die Fragen nach dem filmischen, westeuropäischen Blick auf weibliche Figuren und die Funktion im Kontext mit dem generellen Gesellschaftsbild standen für mich im Mittelpunkt bei der ,Tatort‘-Vorbereitung. Die Hauptfiguren sollten ambivalent und vielschichtig sein, mit einer selbstbewussten Weiblichkeit und mit Freude und Stolz, Frau zu sein. Im Zuge dessen wurde mir wieder bewusst, dass es keine Normalität ist, Frauen mit Selbstbewusstsein in Führungspositionen im TV darzustellen.“ Nun ja!

Anzeige
Endspurt Richtung Zukunft
Endspurt Richtung Zukunft

Die Halbjahresnoten glattgebügelt und der Vorsatz, nochmal richtig Gas zu geben, zeigen es!

Zum Glück hatte der Film einen guten Kameramann. Der setzte die bezaubernde, von Geld, Architektur und Natur verwöhnte Stadt wunderbar in Szene. Die Bilder gerieten zum unterhaltsamen Puzzle für den Zürich-Kenner. Natürlich erkannte der die Steige am Zürichberg. Natürlich wusste er, dass die Tram 13 nach Albisgütli auch am Limmat- und Paradeplatz hält. Er fuhr gedanklich mit auf dem Prachtboulevard Bahnhofstraße mit den exklusiven Mode- und Schokoladen-Boutiquen und stieg beim Rieterpark aus – wo einst Richard Wagner seine Wesendonck-Affäre in seiner aufputschenden Sauna-Oper „Tristan und Isolde“ verarbeitet hatte.

Wieder einmal wurde klar: Selbst ein fragwürdiger Krimi kann den Stadttourismus ankurbeln. Das schöne Zürich ruft! Gut, dass der Lockdown bald vorbei ist.

Mehr zum Thema Feuilleton