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Der Serien-Markt wird immer undurchschaubarer

Es wird schwieriger, das Beste bei Netflix & Co. zu finden: Empfehlungen für Filme und Serien, die sonst durchrutschen könnten.

Eine atemlose Packung an Inhalt und Form ist die Serie „Caid (Gangsta)“: Darin ist Tony (Abdraman Diakite) nicht nur Rapper, sondern vor allem ein Clanchef in den Pariser Banlieues.
Eine atemlose Packung an Inhalt und Form ist die Serie „Caid (Gangsta)“: Darin ist Tony (Abdraman Diakite) nicht nur Rapper, sondern vor allem ein Clanchef in den Pariser Banlieues. © Mika Cotellon

Von Andreas Körner

Die Frage lautet längst nicht mehr, ob. Eher geht es darum, wie viele ein jeder am Ende verträgt. Abonnements fürs Heimkino sind gemeint. 7,99 Euro oder knappe fünfzehn als Einsatz, drei Monate für lau, Basis oder exklusiv, Prime oder Primel – der Druck wächst. Man will ja mitreden können.

Gesteigerte Aktivitäten der Streamingdienste mit all ihren Unterkanälen sowie von Video-on-Demand-Plattformen der Fernsehanstalten, Verleiher und Bibliotheksverbünde haben die nicht mehr ganz so junge Ahnung verstärkt, dass es in Zukunft bestenfalls um friedliche Koexistenz zwischen Konkurrenten gehen kann, die Filme zum Hingehen und Nach-Hause-Holen offerieren. Nur dass diese Zukunft mit der pandemiebedingten Schließung der stationären Kinos schneller ins Heute geholt wurde als gedacht. Auch wenn es sich einige puristisch veranlagte Cineasten anders wünschen: Die Tendenz ist unumkehrbar.

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Oscar-Kandidat und Atemloses

Was entscheidend daran liegt, dass längst nicht nur Giganten wie Netflix oder Sky mit hauseigenen Produktionen und zum Teil namhaften Regisseurinnen und Regisseuren punkten. Auch Firmen, die sich der Filmkunst verschrieben haben, tun es. Mubi mit Sitz in England und mit neuem Anlauf in Deutschland präsent, ist wohl das prominenteste Beispiel, zudem fürs exklusive Platzieren von internationalen Festivalerfolgen.

Der Markt wird undurchschaubarer, die filmjournalistische Arbeit wird sich verändern müssen, denn Rufe nach einem Kompass tönen lauter, durchaus auch solche nach kuratierten Angeboten bei den Anbietern selbst. Einige praktizieren das bereits, bei den Querbeet-Marktführern erledigt es Kollege Algorithmus.

Jüngst ließ der US-amerikanische Primus Netflix verkünden, dessen Abonnentenzahl habe die 200 Millionen passiert. „Wir streamen in mehr als 30 Sprachen und 190 Ländern, denn großartige Geschichten können überall ihren Ursprung haben“, heißt es in einer Selbstdarstellung des seit 24 Jahren existierenden Unternehmens. Dabei kann statistisch nicht mit Quellen belegt werden, wie hoch der Anteil der regionalen Segmente bei den Klickzahlen ist. Fakt jedoch ist, dass sich Netflix einen Großteil der Kunden außerhalb der USA mit ländertypischen Produktionen holt, weil eben dort gedreht wird, wo die Geschichten „ihren Ursprung haben“ und das zumeist mit einheimischem Stab.

Wie die Klasse in der Masse finden?

Netflix geht es seit geraumer Zeit um mehr als reines Abspielen, eher um echten Einfluss auf die Filmszenen der Länder. Indien ist da sehr weit vorn. Gerade erst hat Netflix angekündigt, den Anteil neuer Werke vom Subkontinent zu erhöhen. Auch Europa ist naturgemäß stark vertreten, nicht nur in den Hochburgen. Was allerdings im Vergleich zu Kinoverleihern fehlt, sind ordentliche Kampagnen, die aus der Masse die Klasse schälen würden. Es ist beispielsweise harte detektivische Arbeit für einen hiesigen Netflix-Nutzer, an besagten Algorithmen vorbei das Beste am Neuen aus der Welt zu finden.

Auf zwei Serien und einen Film, die sich dem fatalen „Durchrutschen“ förmlich aufdrängen, sei an dieser Stelle verwiesen. Sie machen auf jeweils eigene Weise glücklich und, wer wüsste es nicht, das Schauen eines Filmes ist ja immer auch Lebenszeit. „A Sun“ sollte für Taiwan im April den Oscar holen, „Ethos – Bir Baskadir“ beobachtet Menschen in Istanbul, „Caid (Gangsta)“ ist eine atemlose Packung aus den Banlieues von Paris.

„A Sun“: Stets sagt der Vater, er hätte nur einen Sohn und meint den älteren. Den Zweitgeborenen hat er schon abgeschrieben, glücklich ist er damit nicht. Der Große wird vielleicht studieren, der Kleine sitzt im Jugendknast, war dabei, als einem Kumpel die Hand mit der Machete abgehackt wurde. Es sollte ein Streich sein, jetzt ist es eine Straftat.

Jede Folge nur acht, neun Minuten

Regisseur Chung Mong-hong inszeniert mit „A Sun“ ein dringliches wie poetisches, tragisches wie hoffendes Familiendrama. Exzellent fotografiert, herausragend gespielt, Asien reflektierend und das globale menschliche Dilemma meinend. Stark vor allem, weil es asiatisches Kino bleibt, also im Blick nicht „verwestlicht“ wird.

Gleiches trifft auf „Ethos – Bir Baskadir“ zu, der als Netflix-Original die stärksten Momente der so reichen türkischen Filmkunst aufnimmt und ein Alltagstableau in acht Episoden entwirft. Keine einzige der 400 Minuten ist hier zu viel. Nicht, wenn man schlichten Frauen und Männern wie Yasin, Meryem und Ruhiye folgt, die aus einem Dorf an Istanbuls Metropolenrand gezogen sind und mit eher dunklen Schatten des Vergangenen kämpfen. Meryem hofft, dass ihr Therapeutin Peri dabei helfen kann, die wiederum mit eigenen Dämonen ringt und das in ihrer modernen Welt mit abgelegten starren Konventionen. Zwänge, die auch die stolze Tochter eines Hodschas hinter sich lassen will. Und wird. Elegant und sicher nimmt „Ethos – Bir Baskadir“ den Parcours eines weiten Bogens der türkischen Gesellschaft, um nicht minder genau den Kern des Menschseins zu treffen.

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Wenig Licht bringt „Caid (Gangsta)“. Inhaltlich wirkt er eher wie ein Hieb. Franck und Thomas filmen für ein Plattenlabel einen Ghetto-Rapper. Dicht dran soll das Material sein, Handkamera und Body-Cam sind gesetzt, das Leben eben. Der Auftrag wird zum Fiasko, denn die Jungs geraten mitten hinein in die blutigen Clankämpfe im Viertel. Es geht um Drogen, Pfründe, den Dreck der Straßen und Hausflure, einen Notausgang. Die Kamera wackelt permanent, fiebert, hetzt. Länger als acht, neun Minuten hält man das nicht aus. Nicolás López und Ange Basterga haben es als Regisseure geahnt – jede der zehn Folgen ist genauso kurz. „Caid (Gangsta)“ ist die sehr andere Art Miniserie. Ein Statement-Stream.

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