merken
PLUS Feuilleton

Süchtig nach dem nächsten Serien-Mord

Wann geht’s denn bitte endlich weiter? Die Corona-Krise stärkt das Geschäft mit TV- und Streaming-Serien – und damit auch deren Gefahren.

Die Mittelalter-Fantasy-Serie "Game of Thrones" wurde in über 170 Ländern ausgestrahlt und gilt als die erfolgreichste Serie des US-Senders HBO aller Zeiten. Auch ihr Suchtfaktor ist besonders hoch.
Die Mittelalter-Fantasy-Serie "Game of Thrones" wurde in über 170 Ländern ausgestrahlt und gilt als die erfolgreichste Serie des US-Senders HBO aller Zeiten. Auch ihr Suchtfaktor ist besonders hoch. ©  Foto: dpa

Ob bei privaten Online-Anbietern oder im klassischen Fernsehen: Serien wie „The Crown“ oder „Charité“ boomen weltweit. Seit Ausbruch der Pandemie und unter den Bedingungen der Ausgangsbeschränkungen ist das Verlangen der Fans nach Mehrteilern regelrecht explodiert. Der Psychologe Gerald Poscheschnik ist Herausgeber des Buches „Suchtfaktor Serie“ und hat zusammen mit mehreren Autorinnen und Autoren die Wirkung von 15 populären Vielteilern untersucht. Wir sprachen mit ihm über die Verlockungen, aber auch über die Gefahr von Serien.

Netflix hat 2020 dank Serienhits wie „The Crown“ die Zahl seiner Abos massiv erhöhen können. Auch im klassischen TV sind die Mehrteiler „Charité“ und „Babylon Berlin“ beliebt. Was macht den Reiz solcher Serien aus?

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Der Philosoph Robert Pfaller hält es für nötig, aus dem Alltag aussteigen zu können, um an der Realität nicht zugrunde zu gehen. Fiktive TV-Serien tragen dazu bei, gerade wenn sie eine komplexe und spannende Handlung liefern und sich die Zuschauer mit bestimmten Rollen identifizieren bzw. von ihnen distanzieren können. Attraktiv sind Serien, in denen es nicht nur Gut und Böse gibt und bei denen sich die Figuren – oftmals in unerwartete Richtungen – weiterentwickeln, sodass der Zuschauer wissen will, wie es weitergeht. Ich vermute, dass dieser zeitweise Ausstieg aus der Realität durch die Corona-Pandemie noch wichtiger geworden ist.

Sind nicht erfolgreiche Serien wie „Babylon Berlin“ sowie „Chernobyl“ Beispiele, dass Zuschauerinnen und Zuschauer Serien einschalten, um mehr über die Realität einer bestimmten Zeitperiode oder über ein bestimmtes Ereignis zu erfahren?

Das stimmt, Serien sind auch eine Chance, dass sich Menschen für geschichtliche Themen interessieren bzw. stärker mit ihnen auseinandersetzen. Bei „Chernobyl“ werden für viele die Zusammenhänge klarer, wie es 1986 zum bis dahin schwersten Atomunfall kommen konnte. Dabei sollte man aber immer einen Faktencheck machen, denn in Serien werden nicht immer die historischen Abläufe präsentiert.

©  Foto: dpa

Manche Fans schauen regelmäßig vier und mehr Folgen am Stück. Sehen Sie in solchen Fällen die Gefahr der Sucht?

Man kann in Serien versinken. Sie können Lücken füllen, die in der Realität bestehen, wenn es zum Beispiel wenige soziale Beziehungen gibt. Ich sträube mich allerdings, die Diagnose Sucht zu gebrauchen, selbst wenn man zeitweise wichtige Dinge im Alltag wegen solcher Serien vernachlässigt. Durch Serien kann Isolation auch überwunden werden, wenn man sie zum Ausgangspunkt von Kontakten und Gesprächen mit anderen Zuschauern macht. Auch wenn Unterhaltung das Hauptmotiv der Zuschauer ist, erfüllen Serien weitere Funktionen. Game of Thrones spielt im Mittelalter, hat auf den ersten Blick nichts mit der Gegenwart zu tun und kann die Zuschauer dennoch dazu bringen, über sich als gesellschaftliches Wesen und die Entwicklung der heutigen Gesellschaft nachzudenken. Die Serie kann durch ihr unerwartetes Ende – die Hoffnungsträgerin entpuppt sich als rücksichtslose Despotin – beim Zuschauer die Haltung befördern, dass man skeptisch gegenüber Heilsversprechen bleiben sollte.

Dr. Ella Wendt (Nina Gummich) und Professor Otto Prokop (Philipp Hochmai) sind die Stars der jüngsten Staffel von "Charité". Ob es eine Fortsetzung gibt, ist offen.
Dr. Ella Wendt (Nina Gummich) und Professor Otto Prokop (Philipp Hochmai) sind die Stars der jüngsten Staffel von "Charité". Ob es eine Fortsetzung gibt, ist offen. © Foto: ARD

Serien können also Haltungen bestätigen oder verändern?

Absolut, da sie Zuschauer über Monate, vielfach sogar über Jahre begleiten und dadurch starke Bindungen entstehen können. Serien erzählen häufig von der Erfüllung heimlicher und verdrängter Wünsche, führen aber auch die tragischen Konsequenzen der Erfüllung verbotener Wünsche vor Augen und plädieren damit für Triebverzicht und Realitätsbezug. Serien mögen versuchen, den Zuschauer zu beeinflussen, was in vielen Aspekten auch gelingen mag. Allerdings obliegt es in letzter Instanz dem aktiven Zuschauer, sich verführen zu lassen oder auch nicht. Welche Erkenntnisse er aus der Serie zieht, ist nicht restlos kontrollierbar. Das starke Interesse an Serien hat auch damit zu tun, dass es beim Menschen ein Grundbedürfnis gibt, Geschichten und Mythen zu hören und zu sehen, das war schon in der Antike so.

Wenn man ständig über tolle Serien etwa von Netflix und Amazon Prime liest und hört, will man sie auch sehen, um mitreden zu können – welche Rolle spielt die Berichterstattung darüber?

Auf alle Fälle macht die mediale Berichterstattung einen Teil des Erfolgs aus. So wird eine Art Gruppenzwang aufgebaut, der nicht nur bei Jugendlichen, sondern schon bei Kindern und auch noch bei Erwachsenen wirkt. Allerdings müssen dann die Serien auch die versprochene Qualität liefern, sonst geht der Schuss schnell nach hinten los. Durch die sozialen Medien sind die Zuschauer ja nicht nur Empfänger, sondern auch Sender. Das heißt, sie können guten Kritiken, mit denen sie nicht übereinstimmen, auch leichter widersprechen.

Das Gespräch führte Joachim Göres

Buchtipp: Gerald Poscheschnik (Hg): Suchtfaktor Serie. Psychosozial-Verlag, 277 S., 32,90 €

Mehr zum Thema Feuilleton