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So war der Tatort: Eine schwäbische Milieustudie

Ein Ausnahme-„Tatort“ aus Stuttgart – minimalistisch kriminell. Auch die Kommissare halten sich vornehm zurück.

Ulrike (Christiane Rösinger) hat die Kommissare Bootz (Felix Klare, l.) und Lannert (Richy Müller) gerufen, weil Handwerker eine Leiche im Keller der Oase gefunden haben.
Ulrike (Christiane Rösinger) hat die Kommissare Bootz (Felix Klare, l.) und Lannert (Richy Müller) gerufen, weil Handwerker eine Leiche im Keller der Oase gefunden haben. © SWR/Benoit Linder

Von Thomas Schade

Von Regisseur Dietrich Brüggemann gibt es bisher zwei „Tatorte“: 2017 „Der Stau“, 2018 „Murot und das Murmeltier“. Beide sind preisgekrönt. Nun sein Dritter: „Das ist unser Haus“. Auch der ist preisverdächtig.

2017 hatte der viel gelobte Autor, Regisseur und Musiker die Kommissare Thorsten Lannert (Felix Klare) und Sebastian Bootz (Richy Müller) in die Stuttgarter Rushhour geschickt, wo sie, umgeben von genervten Autofahrern, einen Mädchenmörder finden sollten. Nun schickt Brüggemann die Ermittler in die Oase zu Ulrike, die mit jüngeren Leuten ein Haus ausgebaut und bezogen hat, und Einzugs feiern will. Da finden Handwerker, die im Keller letzte Baumängel beseitigen, eine Leiche.

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Eine feine Schar Gastdarsteller

Die Tote ist stets präsent, tritt aber dezent in den Hintergrund. Nach etwa 80 Film-Minuten meinen Bootz und Lannert, sie müssten endlich mal klären, wer die Leiche eigentlich ist. Da hat das sozial-ökologisch angehauchte Wohn- und Lebensprojekt um Ulrike die Tote längst in ihre Gemeinschaft aufgenommen.

Auch weil der Verdacht aufkommt, es könnte Beverly sein, die mit ins Haus ziehen wollte, dann aber plötzlich verschwunden war. Auf Vollversammlungen werden „Gefühle“ geordnet. Basisdemokratisch geht es darum, wer hat was mit wem und mit Beverly gehabt. Schuldzuweisungen wabern durchs Haus. Solange, bis einer vermutet: „Es war einer von uns.“

Die Kommissare halten sich in diesem Tatort fein zurück.
Die Kommissare halten sich in diesem Tatort fein zurück. © SWR/Benoit Linder

Brüggemann verlagert das Geschehen erneut raus aus der Polizei, hinein ins schwäbelnde Leben. Das Grüppchen der Oase, alles charakterstarke Typen, hatte sich zusammengerauft und fliegt nun krachend auseinander. Lebensnah, schonungslos und fast ohne Musik kreiert Brüggemann ein Milieu aus Selbsttäuschungen, in dem sich die Protagonisten bald entlarven. Das ist anfangs witzig, geht aber schnell ins Absurde über.

Die feine Schar der Gastdarsteller fällt jäh aus einem Wolkenkuckucksheim, das nie existierte. Es sind Heinz-Rudolf Kunze (Stefan Heuer), Lana Cooper (Victoria), Singer-Songwriterin Desiree Klaeukens (Birgit), Joseph Bundschuh (Marco), Anna Brüggemann (Martina), die Schwester des Regisseurs, und Michael Kranz (Karsten), der unter Quentin Tarantinos Regie in „Inglourious Basterds“ bekannt wurde. Sie sorgen dafür, dass es stets menschelt während der Achterbahnfahrt der kuriosen Oasen-Gemeinschaft.

Es ist wieder mal ein „experimenteller“ „Tatort“, in dem sich die Kommissare wohltuend zurücknehmen und dennoch zur guten Note beitragen: sehenswert.

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