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Zeitgeist im Fadenkreuz

50 Jahre „Tatort“ und Polizeiruf“: Das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig widmet Deutschlands beliebtesten Krimiserien eine gemeinsame Ausstellung.

Hinter diesem Türschild ermittelten die größten Kult-
figuren der „Tatort“-
Geschichte.
Hinter diesem Türschild ermittelten die größten Kult- figuren der „Tatort“- Geschichte. © Punctum/Kober

Von Pauline Reinhardt

Das Augenpaar eines Mannes, Blick nach rechts, geradeaus. Ums rechte Auge schließt sich ein Fadenkreuz. Das Fadenkreuz reißt auf. Die verschwommene Silhouette eines Mannes. Er hält sich die Hände schützend vors Gesicht. Rennende Beine auf nassem Asphalt. Weiße Linien formieren sich zu einem Fingerabdruck. Tatort.

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Vorspann und Abspann bleiben immer gleich, dazu eine Erkennungsmelodie, die noch weniger Bearbeitungen erlebt hat als die von der Tagesschau. Ansonsten hat sich in den letzten 50 Jahren viel getan bei Deutschlands beliebtester Krimiserie. Das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig widmet ihr die Ausstellung „Tatort. Mord zur besten Sendezeit“. Der Name ist irreführend: Es geht auch viel um den „Polizeiruf 110“.

Hoher Unterhaltungswert

Die Ausstellung hat hohen Unterhaltungswert. Man kann nicht nur Requisiten wie alte Schreibmaschinen oder Boernes Arztkittel betrachten, vielmehr bekommt man zusätzlich von Raum zu Raum immer mehr Indizien zur Hand, um selbst einen Fall zu lösen. Vor allem geht es aber um die Rolle der beiden Krimiserien in Geschichte und Gesellschaft Deutschlands. Projektleiter Dr. Daniel Kosthorst beschreibt sie als „Zeitgemälde anstatt Spiegel der Zeit“. Denn „Tatort“ und „Polizeiruf“ spiegeln nicht die Realität wieder: Sie beeinflussen unsere Vorstellung davon. In der Ausstellung wird immer wieder betont, dass Polizeiarbeit nicht so abläuft wie im Fernsehen. Die Zahl der Morde sinkt in der Realität, sie steigt aber beim Tatort.

Szene aus einem "Polizeiruf 110" von 1977 mit Monika Woytowicz (v.l.) , Peter Borgelt) und Sigrid Göhler.
Szene aus einem "Polizeiruf 110" von 1977 mit Monika Woytowicz (v.l.) , Peter Borgelt) und Sigrid Göhler. © ARD

Während der westdeutsche „Tatort“ seit jeher vor allem das Bedürfnis nach Gewalt und Gerechtigkeit befriedigt, gab es beim „Polizeiruf 110“ in der DDR auch einen propagandistischen Bildungsauftrag. 1970 lief der erste „Tatort“ im westdeutschen Fernsehen, ein Jahr später entstand „Polizeiruf 110“ als DDR-Gegenstück. Sogenannte Fachberater aus dem Ministerium des Inneren waren Fans der ersten Stunde; sie haben alle Folgen als Erste gesehen.

Die SED wollte damit das Bild einer überdurchschnittlich kriminellen Gesellschaft verhindern. Zensur war an der Tagesordnung, zweimal wurden Folgen verboten. „Am hellerlichten Tag“ beruhte auf dem Fall des Sexualstraftäters und Kindermörders Erwin Hagedorn. Obwohl der bei seiner ersten Tat noch minderjährig war, wurde er in der DDR zum Tode verurteilt. Die Folge durfte nicht ausgestrahlt werden, galt lange als vernichtet und konnte erst 2011 durch ein Filmnegativ rekonstruiert und als „Im Alter von …“ gesendet werden. „Dieser Film beruht auf einer wahren Begebenheit.“ Ein Satz, den Zuschauerinnen und Zuschauer lieben, besonders wenn es um Kriminalgeschichten geht. Ferdinand von Schirachs Erfolg begann mit dem Erzählband „Verbrechen“, der auf Fällen aus seiner Kanzlei beruht; auch der beliebteste True-Crime-Podcast des Landes heißt so.

Jede Menge Experimente

Manchmal geht der Tatort andere Wege, bricht mit dem Klischee vom „verkrampften sozialkritischen Einschlag“ aus „Der typische Tatort in 123 Sekunden“ – ein Video, das selbstverständlich auch im Zeitgeschichtlichen Forum gezeigt wird. Unvergessen bleiben Til Schweigers eher peinliche Versuche, Action-Blockbuster für die Kinos zu produzieren. Die Wiesbadener Folge „Im Schmerz geboren“, die sich an der Ästhetik von Italowestern bedient, war dagegen überraschend kreativ. Die Handlung nimmt Bezug auf Dürrenmatts Theaterstück „Der Besuch der alten Dame“, ist aufgebaut wie ein Shakespeare-Drama und lässt am Ende, untermalt von klassischer Musik, ganze 36 Bandenmitglieder und vier Polizisten in einem ästhetischen Gewaltexzess sterben.

Kritischer Blick auf die Kult-Krimis

Egal, ob man reale oder fiktive Verbrechen bevorzugt: Sonntagabend ist Tatortzeit. Das ist Tradition, damit man die Woche mit Spannung abschließen kann und am Montag im Büro ein Smalltalkthema hat. Wobei in der Zielgruppe alle Gesellschafts- und Alltagsstrukturen vertreten sind. Tatort wird nicht nur in den Wohnzimmern von Familien und Paaren gesehen, sondern auch in Kneipen und WGs.

Die Ausstellung ist weniger ein neugieriger Blick hinter die Kulissen à la Filmpark Babelsberg; sie betrachtet das Objekt der Begierde kritisch. So will man Fragen stellen, die im „Tatort“ nicht beantwortet werden, wie „Recht oder Gerechtigkeit?“, „Wegsperren oder wieder eingliedern?“ Dabei sind diese Themen im deutschen Fernsehen bereits durch andere Formate abgedeckt. Bei deren Konsum spielt das gleiche Bedürfnis nach Authentizität mit. Gibt man bei Google „Ist Barbara Salesch“ ein, schlägt einem die Suchmaschine „wirklich Richterin“ vor. Wie es Mörder oder Mörderin nach der Festnahme ergeht, erfuhr man bei ihr oder ihrem Kollegen Alexander Hold.

Die Kommissare Schmücke (Jaecki Schwarz, r.) und Schneider (Wolfgang Winkler, li.) in Halle luden mit ihrer Vergangenheit die Menschen aus der ehemaligen DDR zur Identifikation und die Zuschauer im Westen zu einem neuen Blick auf den Alltag im Osten ein.
Die Kommissare Schmücke (Jaecki Schwarz, r.) und Schneider (Wolfgang Winkler, li.) in Halle luden mit ihrer Vergangenheit die Menschen aus der ehemaligen DDR zur Identifikation und die Zuschauer im Westen zu einem neuen Blick auf den Alltag im Osten ein. © ARD-Programmdirektion

Apropos Mörder oder Mörderin: Nur zehn Prozent aller Tötungsverbrechen werden von Frauen begangen, beim "Tatort" fast jedes dritte. Dafür ist die Zusammensetzung der ermittelnden Teams im Fernsehen auch diverser als bei der „echten“ deutschen Polizei. Beim „Polizeiruf 110“ ermittelten von Anfang an auch Frauen, seit Kurzem gibt es im Göttinger Tatort-Team eine schwarze Frau und in Bremen einen dänischen Schauspieler irakischer Abstammung.

Der Ausstellung geht es sehr stark um die Frage nach der Authentizität von „Tatort“ und „Polizeiruf 110“. Wie realistisch ist die Darstellung des Falls, der Ermittlungen, der Polizei? Dabei ist schon die Popularität des Krimigenres an sich einen Realitäts-Check wert. Wir sind es gewohnt, Verbrechen aus der Sicht der Ermittelnden zu betrachten, nicht aus der Sicht von jenen, die sie begehen oder ihnen zum Opfer fallen – obwohl beides wahrscheinlicher ist, als dass wir plötzlich Menschen vernehmen oder Leichen in der Gerichtsmedizin untersuchen müssen.

Beförderung zum Kommissar

„Tatort“ schauen, das bedeutet auch, ähnlich wie bei Krankenhausserien, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und sich für einen Abend heldenhaft zu fühlen. Passend dazu: Wer während des Ausstellungsbesuchs den Fall richtig löst, wird am Ende zum Kommissar oder zur Kommissarin „für besondere Aufgaben“ ernannt.

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