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Sind Orchester wirklich so kriminell wie im "Tatort"?

Der „Tatort“ aus München zeigte, wie Musiker, Pädagogen und Orchestervorstände intrigiert und gedealt haben. Alles nur Fiktion? Die Wahrheit ist ...

Von Bernd Klempnow
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Tatort“-Szene: Marina (Jara Bihler) hat dank ihres großen Könnens, aber auch dank Intrigen und Deals das Probespiel für die Stelle als zweite Konzertmeisterin eines Spitzenorchesters gewonnen.
Tatort“-Szene: Marina (Jara Bihler) hat dank ihres großen Könnens, aber auch dank Intrigen und Deals das Probespiel für die Stelle als zweite Konzertmeisterin eines Spitzenorchesters gewonnen. © BR, NEUESUPER GmbH

Eben Fernsehen, nicht das wahre Leben – so ähnlich dürften viele Zuschauer am Sonntag beim Ansehen des spannenden Münchner „Tatorts“ gedacht haben. Zu sehen war unter anderem, wie angehende Orchestermusiker, wie Pädagogen und sogar der von den Musikern als Vertreter gewählte Orchestervorstand intrigiert und gedealt haben. Es ging darum, wer welche Position im Ensemble bekommt, wie ehrgeizige Pädagogen ihre Schüler platzieren können und wie sie sie gegeneinander ausspielen. Es ging um leistungssteigernde Mittel und Methoden, es ging um Versagensängste und Wege, Konkurrenten auszuschalten.

Alles nur Fiktion? Wer solch schöne Musik auf diesem Niveau spiele, der sei doch zu so etwas nicht in der Lage, wird mancher gedacht haben. Der müsse doch eigentlich sensibel sein, quasi ein Engel?

Musiker-Stresslevel wie ein Formel-1-Fahrer

Leider nein, im Gegenteil! Es ist teils noch viel schlimmer. Nur äußern sich kein Musiker und kein Intendant zu solchen Fragen offiziell. Doch in den 35 Jahren als Beobachter in dem Metier gab es genügend Hintergrundgespräche, konnte man viele Entwicklungen und Verwerfungen miterleben, um zu diesem Urteil zu kommen.

Die Welt der Orchester ist mitunter gnadenlos. Je größer das Renommee eines Ensembles ist, umso größer können der Eigensinn und die Selbstüberhöhung der Mitglieder sein, umso schmutziger die Tricks. Da werden Kränkungen oder nicht eingehaltene Absprachen noch nach Jahren aufgerechnet und heimgezahlt. Da entwickeln sich ein Eigenleben und Selbstbewusstsein, dass gern auch Behörden und Verordnungen umgangen werden. Ein Beispiel: Die Wiener Philharmoniker, die Top-Musiker Europas, ließen sich vor allen gegen Corona impfen, als damals nur die 80-Jährigen dran waren. Der Grund: Die Musiker wollten unbedingt auf Asien-Tour.

Auch die Sächsische Staatskapelle versuchte etwa in Corona-Hoch-Zeiten Anfang des Jahres mit ihrem Chef Christian Thielemann den Aufstand, als sie im großen Verbund proben wollte, was aber laut sächsischer Corona-Verordnung nicht möglich war. Wiederum jetzt, wo es möglich ist, sich impfen zu lassen, tun es viele von ihnen nicht. Knapp ein Drittel der Philharmoniker und der Staatskapellenmusiker sind derart ungeschützt. Der Steuerzahler, der sie übers Salär und dann über die Eintrittskarten schon zweimal bezahlt, löhnt nun für die regelmäßigen Tests, damit die Künstler proben und auftreten können.

Jeder fünfte Musiker nimmt etwas gegen Bühnenangst

Auch sonst ist erstaunlich, wie viele Orchestermusiker ihre Schüler in ihren Häuern unterbringen. Auch in Dresden ist das der Fall. Positiv kann man es so begründen, dass die Schüler den speziellen, weltweit gerühmten Dresdner Orchesterklang von klein an angelernt bekommen und so ideal sind, ihn zu bewahren. Im „Tatort“ nannte eine Musikerin einen anderen Grund: Schüler in wichtigen Orchestern zu platzieren (und so weiter gute Schüler zu bekommen) ist „die Währung“ des Berufes. Welche Wege man dazu geht, nannte sie den „persönlichen Preis“.

Fakt ist auch: Im Krimi fiel der durchaus stimmige Vergleich, dass der Stresslevel von Spitzenmusikern so hoch sei wie das von Formel-1-Fahrern. Jeder kleine Fehler bei dieser hochkomplexen Arbeit wird vielleicht nicht vom Publikum, aber von Dirigent und Kollegen bemerkt. Um der Bühnenangst Herr zu werden, nimmt laut einer deutschlandweiten Erhebung der Deutschen Orchestervereinigung jeder fünfte Profimusiker regelmäßig Betablocker.

Natürlich gibt es genügend Persönlichkeiten unter den Musikern, die versuchen, Intrigen und Deals zu verhindern. Am ehesten gelingt das, wenn ein erfahrener Dirigent – entgegen der Orchesterpraxis – bei den Probespielen anwesend ist. So war jüngst Philharmonie-Chef Marek Janowski drei Tage dabei, als gut 40 Virtuosen für eine Stelle vorspielten. Sein Fazit: Viele Absprachen und Gehässigkeiten könne er verhindern, aber nie zu einhundert Prozent.