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Die wahre Geschichte hinter dem "Tatort"-Gruselschloss

Vor sieben Jahren kaufte Mandy Auerswald ein Schloss voll Müll. Heute ist es eine beliebte Filmkulisse - so wie im Sonntagskrimi aus Dresden.

Schlossbesitzerin Mandy Auerswald lüftet einige Geheimnisse über den außergewöhnlichen "Tatort"-Drehort.
Schlossbesitzerin Mandy Auerswald lüftet einige Geheimnisse über den außergewöhnlichen "Tatort"-Drehort. © Thomas Kretschel

Dresden. Schon den Umzug ins Schloss hielten ihre Freunde für waghalsig. Seit hier im vergangenen Herbst der Tatort „Parasomnia“ gedreht wurde, der am Sonntag in der ARD lief, sind besorgte Stimmen dazu gekommen: ‚Wohnst du immer noch im Gruselhaus?‘ Sogar in der Beletage, könnte Schlossbesitzerin Mandy Auerswald entgegnen. Die Freunde müssten nur mal vorbeikommen, denn vom Gruselcharme aus dem Fernsehen ist auf Schloss Pinnewitz nichts zu spüren.

Dabei war es auch ein Novemberabend, nur eben vor einem Jahr, als die junge Talia unter der Birke des Anwesens eine Leiche ausgrub. Eine Schlüsselszene im Tatort. Es war dunkel, trist, regnerisch – zur schaurigen Krönung kroch der Nebel ganz von alleine übers Set. Trotzdem hatte Mandy Auerswald nicht den Eindruck, gerade bei einem besonders gruseligen Dreh dabei zu sein: „Als ich das Drehbuch gelesen habe, dachte ich eher, es wird mysteriös“, sagt die Architektin.

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Hier wurde die Leiche im Tatort gefunden - mehrere Farbflecken auf dem Boden erinnern noch an die Dreharbeiten. Auch die gelben Ziegelsteine aus der Serie sind dageblieben.
Hier wurde die Leiche im Tatort gefunden - mehrere Farbflecken auf dem Boden erinnern noch an die Dreharbeiten. Auch die gelben Ziegelsteine aus der Serie sind dageblieben. © Thomas Kretschel

Vielleicht blieb beim Trubel am Filmset und 20-Stunden-Drehtagen einfach keine Zeit, sich zu gruseln: „Für mich war das ein Fulltime-Job. Immer passierte etwas, mit dem keiner rechnet und dann muss man hier und da etwas aufschließen“, erinnert sie sich an die Zeit, als permanent 50-Filmleute auf ihrem Gelände unterwegs waren. Sie selbst war wohlgemerkt hochschwanger in dieser Zeit. Die Dreharbeiten liefen bis Weihnachten, ihr zweites Kind kam Mitte Januar zur Welt.

Die außergewöhnliche Filmkulisse würde es ohne Mandy Auerswald gar nicht geben: Als sie das Schloss vor sieben Jahren kaufte, wäre es gar nicht vorstellbar gewesen, darin einen Film zu drehen. Damals tauschte sie ihre kleine Wohnung über einer Bar in der Dresdner Neustadt gegen 11.000 fruchtbaren Quadratmeter im Ketzerbachtal bei Nossen. Die drei Gebäude samt Schloss und Brennerei kosteten gerade einmal 80.000 Euro. Doch vom günstigen Kaufpreis darf man sich nicht täuschen lassen, um das Anwesen komplett herzurichten, wären Millionen nötig: „Deshalb sehe ich das als Lebensprojekt. Mit vielen Helfern machen wir alles selber.“

Ihr Leben davor bestand hauptsächlich aus Party, selbst beruflich hatte Mandy Auerswald mit Barbesitzern zu tun. Die Feiern haben sich nun in das 137-Einwohner-Dorf Pinnewitz verlagert. „Hier veranstalten wir Sofa-Konzerte und Nachbarschaftsfeiern. Das ist sowieso viel aufregender“, erzählt die 38-Jährige. „Viele Freunde aus Dresden oder Berlin sagen zuerst: ,Du wohnst aber in der Pampa‘. Doch nach ein paar Tagen will keiner mehr weg.“

So sah es auf Schloss Pinnewitz früher aus. Ein Originalfoto aus dem Jahr 1902.
So sah es auf Schloss Pinnewitz früher aus. Ein Originalfoto aus dem Jahr 1902. ©  privat

Was nach einem modernen Märchen klingt, bekommt schon beim ersten Betreten des Schlosses einen Dämpfer. Wo im 17. Jahrhundert noch das Adelsgeschlecht von Beust residierte, hatten Messis Einzug gehalten. Das Schloss war bis unter den Turm zugemüllt. „Lauter fette schwarze Spinnweben, Müll, Müll, Müll und überall eine dicke Staubschicht“, schüttelt es die neue Schlossherrin noch heute.

Allein den Schlosspark zu entmüllen dauerte ein Jahr. Davor habe man kniehoch in Dornengestrüpp, Glas und Kippen gestanden. Die Geschichten aus dieser Zeit sind haarsträubend. Ein Mieter habe stockbesoffen eine Katze aus dem ersten Stock geschmissen, sie unten aufgesammelt und gefragt: ‚Meinste die geht noch, oder soll ich die wegtun.‘ „Danach haben wir ein paar Regeln aufgestellt: Urinieren nur noch im Bad und der Müll kommt in die Mülltonne, nicht aus dem Fenster.“

Schlossbesitzerin Mandy Auerswald hat es sich in der Beletage gemütlich gemacht.
Schlossbesitzerin Mandy Auerswald hat es sich in der Beletage gemütlich gemacht. © Thomas Kretschel

Ein abschreckender Start, doch die neue Besitzerin lässt sich ihr Herzensprojekt nicht vermiesen. „Ich hoffe einfach, dass der Wahnsinn nun vorbei ist.“ Mittlerweile leben drei vernünftige Mieter im Schloss. Doch meisten bleiben die nicht lange. Im Dorf gehen schon Gerüchte um, die Besitzerin vergraule ja wohl jeden Mieter.

Aus ihrer Sicht liegt das am Klientel, das es hierher verschlägt. Oft sind es digitale Nomaden, die auf der ganzen Welt an ihren Projekten arbeiten können, solange das Wlan-Signal gut ist. Irgendwann ziehen die dann weiter. Viele Mieter werden vom historischen Charme des Schlosses mit den antiken Öfen angezogen und zahlen - bei einem Mietpreis ab 6,70 Euro kalt - gerne mehr als für Nossener Verhältnisse üblich.

Wie es im Schloss früher aussah, ist gar nicht so einfach herauszufinden. Von der ursprünglichen Einrichtung ist nichts mehr übrig, Informationen zum Haus sind äußerst spärlich. In der „Beschreibenden Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen“, taucht das Schloss gar nicht auf. Ganz unberechtigt, denn auch wenn es nach einem Brand im Jahr 1872 überformt wurde, ist die Bausubstanz viel älter.

Die Achillesferse des Hauses: Das Dach. Um es in seinen Ursprungszustand zu bringen, wären mindestens 100.000 Euro nötig.
Die Achillesferse des Hauses: Das Dach. Um es in seinen Ursprungszustand zu bringen, wären mindestens 100.000 Euro nötig. © Thomas Kretschel

Vor Corona haben freiwillige Helfer aus aller Welt das Schloss mit Leben gefüllt – eine Art Work-and-Travel-Programm in Pinnewitz. Zu tun gibts genug: Das Schloss soll bis unters Dach zu einem Mehrgenerationenhaus wachsen. In der alten Brennerei, wo früher Kartoffelschnaps gebrannt wurde, soll ein Veranstaltungssaal entstehen. Aus dem dritten Haus soll eine Eventscheune werden.

Schon jetzt ist die Schlosskulisse eine gefragte Fotolocation. Die nötigen Kontakte zu Fotografen hat Mandy Auerswald gesammlt, als sie früher als Model gearbeitet hat. Auch als Komparse beim Film hat sie immer ml gejobbt, so konnte sie auch bei Regisseuren Interesse für das Schloss wecken. Vor dem "Tatort"-Team war zum Beispiel die Heimwerkersendung „Mit Herz und Hammer“ zu Gast. Und fürs „Perfekte Dinner“ stand sie selbst hinterm Herd in der Schlossküche.

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Am Sonntag wird ein neuer Dresdner Tatort im Fernsehen ausgestrahlt. Mit Szenen und Komparsen aus Meißen und umliegenden Orten.

Im Ort können manche nicht nachvollziehen, warum auf dem Gelände so viel gebaut wird, das Dach aber immer noch undicht ist. Jahr für Jahr wird es provisorisch mit Teerbahnen geflickt. Trotzdem stehen im Dachstuhl 64 schmuddelige Farbeimer aneinandergedrängt. Ein Anblick, bei dem einem wirklich gruselig werden kann.

Damit sich das ändert, wurde eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Am liebsten würde der Verein das Dach wieder mit originalen Schieferplatten eindecken. Selbst mit sehr viel Eigenleistung würde es etwa 100.000 Euro kosten.

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